Jerusalem

»Eine sehr wahre Freundin«

»Die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar«: Angela Merkel am 18. März 2008 in der Knesset Foto: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist am Samstagabend für einen Abschiedsbesuch nach Israel gereist. Es ist bereits ihr siebter Besuch im Land, der allerdings durch die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen geprägt sein wird. Am Sonntag wird sie unter anderem den israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett, Präsident Issac Herzog und Außenminister Yair Lapid zu Gesprächen in Jerusalem treffen. Am Nachmittag ist ein Besuch von Merkel und Bennett in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geplant.

Bei den Gesprächen soll es unter anderem um das iranische Atomprogramm, die Frage eines unabhängigen Palästinenserstaates und bilaterale Themen gehen. Die Kanzlerin hatte eine bereits für Ende August geplante Israel-Reise wegen der dramatischen Entwicklung in Afghanistan abgesagt. Den Abschiedsbesuch in Israel will sie sich trotzdem nicht nehmen lassen. Die 67-Jährige hat ihre Unterstützung für den jüdischen Staat immer deutlich gemacht - auch wenn das Verhältnis zu Bennetts Vorgänger Benjamin Netanjahu als unterkühlt galt.

Die neue Regierung unter Bennett von der ultrarechten Jamina-Partei ist erst seit Mitte Juni im Amt. Die Koalition besteht aus insgesamt acht Parteien vom rechten bis zum linken Spektrum, darunter erstmals eine arabische Partei.

Laut Adi Kantor, Forscherin am Europa-Forschungsprogramm des INSS, ist die Kanzlerin hoch angesehen in Israel - in allen politischen Lagern. »Wir haben verstanden, dass sie eine sehr wahre Freundin für die israelischen Juden und die Juden in Deutschland ist«, sagt Kantor. Trotzdem gebe es natürlich Meinungsverschiedenheiten - vor allem in Bezug auf die Zwei-Staaten-Lösung und das Atomabkommen mit dem Iran.

Dies werden die Themen der Gespräche sein:

Corona-Virus

Israel gilt im weltweiten Kampf gegen die Corona-Pandemie in vielen Punkten als Vorreiter. So hatte das 9,4-Millionen-Einwohner-Land bereits im Winter mit einer sehr erfolgreichen Impfkampagne für Aufsehen gesorgt. Bislang sind rund 61 Prozent der Bevölkerung geimpft. Israel hat als erstes Land weltweit Ende Juli mit einer dritten Impfung begonnen. Bisher haben rund 39 Prozent der Israelis eine Auffrischungsimpfung erhalten. Trotzdem registrierte das Land Anfang September so viele Neuinfektionen pro Tag wie nie zuvor: mehr als 11 000. Mittlerweile sinken die Zahlen wieder.

Zwei-Staaten-Lösung

Die Friedensgespräche zwischen Israel und der Palästinenserführung liegen schon seit 2014 brach, trotzdem ist die Bundesregierung klar für eine Zwei-Staaten-Lösung. Gemeint ist damit, dass ein unabhängiger und demokratischer Palästinenserstaat friedlich neben Israel existiert.

Regierungschef Bennett hatte jedoch Ende August in einem Interview mit der »New York Times« klar gesagt, dass es mit seiner Regierung keinen Palästinenserstaat geben werde - aber auch keine Annexion von Gebieten im Westjordanland. »Diese Regierung wird weder annektieren noch einen palästinensischen Staat bilden, das versteht jeder«, so Bennett. Allerdings werde Israel den Ausbau der Siedlungen im Westjordanland weiter vorantreiben. »Israel wird die Standardpolitik des natürlichen Wachstums fortsetzen«, sagte er der Zeitung.

Bennett hatte sich unter Netanjahu immer wieder für eine Ausweitung der Souveränität im Westjordanland ausgesprochen. In seiner Regierung finden sich aber auch klare Befürworter einer Zwei-Staaten-Lösung, darunter Außenminister Yair Lapid von der Zukunftspartei. Lapid soll Bennett im Jahr 2023 als Ministerpräsident ablösen.

Atomabkommen mit dem Iran

Israel hat bislang im Gegensatz zu Deutschland die Rückkehr zu einem Atomabkommen mit dem Iran strikt abgelehnt. Allerdings signalisierte Verteidigungsminister Benny Gantz Mitte September überraschend eine mögliche Kehrtwende. Auf die Frage nach den Bemühungen der Amerikaner in Bezug auf den Iran, sagte Gantz dem Magazin »Foreign Policy«: »Den aktuellen US-Ansatz, das iranische Atomprogramm zurück in eine Kiste zu stecken, den würde ich akzeptieren.«

Der jüdische Staat sieht sich durch das Atomprogramm seines Erzfeindes in der Existenz bedroht. Die USA hatten unter Ex-Präsident Donald Trump das Abkommen 2018 einseitig aufgekündigt. Als Reaktion fuhr der Iran seine Uran-Anreicherung wieder hoch und schränkte internationale Inspektionen seiner Atomanlagen ein.

Antisemitismus in Deutschland

Israel schaue mit Sorge auf die Zunahme an antisemitischen Angriffen in Deutschland, sagt Wissenschaftlerin Kantor. Merkel habe sich stets klar positioniert: »Sie hat sich immer an die Seite von Juden in Deutschland, in Israel und auf der ganzen Welt gestellt.« Doch die Frage sei, was passiere, wenn sie nicht mehr im Amt sei. »Es ist sehr wichtig für Israel zu wissen, dass Deutschland an seiner Seite steht und keinerlei Angriffe auf Israel und auf Juden auf deutschen Straßen tolerieren wird - besonders jetzt, wenn Merkel geht.«

Der öffentliche Diskurs in Deutschland werde weniger proisraelisch und antisemitischer, sagt Kantor. Dabei verwies sie auch auf die Alternative für Deutschland (AfD).

Kantor sagt, Merkel habe Geschichte geschrieben, als sie 2008 im israelischen Parlament Deutschlands historische Verantwortung für die Judenverfolgung als »Teil der Staatsräson meines Landes« bezeichnete. Israels Sicherheit werde für sie »niemals verhandelbar« sein, sagte die Kanzlerin damals. »Ich hoffe, die Führung, die sie ersetzen wird, wird sich auch so verpflichtet fühlen wie sie«, sagt Kantor.

Gadi Eisenkot spricht an einem Rednerpult vor einer israelischen Flagge

Israel

Eisenkot will Israel aus der Krise führen

Nach dem Auftrag zur Regierungsbildung ruft der frühere Generalstabschef zu einer Notstandsregierung auf und streckt allen Parteien die Hand aus

 08.11.2026

Kuscheltiere und Puppen auf dem Rabin-Platz, eine Puppe ist mit einem Seil gefesselt

Ariel

Kinderkrippe des Grauens

Drei Betreuerinnen wird systematische Gewalt an Babys und Kleinkindern vorgeworfen. Die Polizei spricht von einem der schwerwiegendsten Missbrauchsfälle der vergangenen Jahre

von Sabine Brandes  08.11.2026

Krieg gegen den Iran

Die Mullahs schossen Raketen – Bat Yam schickt die Rechnung

Die israelische Stadt will Schadensersatz in Millionenhöhe von Teheran. Für die Zustellung der Klage musste der Bürgermeister einen iranischen Vertreter durch die Straßen von Manhattan verfolgen

von Sabine Brandes  08.11.2026

Israels Präsident Izchak Herzog

Nach der Parlamentswahl

Israels Präsident beauftragt Eisenkot mit Regierungsbildung

Dem Oppositionspolitiker Eisenkot fehlen 13 Mandate für eine eigene Regierungsmehrheit. Arabische oder ultraorthodoxe Parteien könnten ihm helfen. Doch beide Optionen bergen großes Konfliktpotenzial

 08.11.2026 Aktualisiert

Befreiung von der Schuld: Wenn Claudia Roth plötzlich wie Björn Höcke klingt

Eine Einordnung von Georg M. Hafner

 07.11.2026

Berlin

Merz fordert Ausreise bei Judenhass unter Muslimen

Bei einem Empfang jüdischer Sportler äußert sich der Kanzler deutlich zum Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern

 07.11.2026

Nach den Wahlen

Streit um Regierungsbildung in Israel eskaliert

Israels amtierender Ministerpräsident Netanjahu fordert eine breite Koalition unter Einschluss der Rechtsextremisten. Oppositionspolitiker Eisenkot weist das Angebot umgehend als PR-Manöver zurück

 07.11.2026

Interview

Kann Israel ohne Amerikas Waffen bestehen?

Der Politikwissenschaftler Jonathan Rynhold erklärt, was ein Ende der US-Militärhilfe für Israels Sicherheit bedeuten würde und wie sich das Verhältnis zu Washington in Zukunft entwickeln könnte

von Sabine Brandes  07.11.2026

Jerusalem

Israels Präsident vergibt Auftrag zur Regierungsbildung

In Israel beginnt der Countdown zur Regierungsbildung. Präsident Herzog vergibt den Auftrag wahrscheinlich an den Oppositionspolitiker Eisenkot

 07.11.2026