Bauhaus

Ein Schwabe in Tel Aviv

Klare Formensprache der Moderne: ein Mehrparteienwohnhaus mit geschwungenen Balkonen im Bauhaus-Stil am Rande des Stadtzentrums. Foto: dpa

Eigentlich ist er kein großer Fan der nüchternen Bauhaus‐Architektur. »Das Haus wurde zur Funktion reduziert, vorher war es mal was Schönes«, sagt Norbert Hoepfer und wischt sich die feuchten Hände an der Hose ab. Seine Jeans sind voller Kalkflecken. Er taucht den Spachtel in einen Eimer, zieht den grauen Mörtel behutsam an einem Fenstersims auf.

»Bauhaus – das heißt effektiv und schnell bauen«, sagt er, »dünne Wände, dünner Putz«. Der schlanke 55‐Jährige mit grauem Stoppelbart und Augen, die scheinbar immer lächeln, ist eigens für die Restauration von Gebäuden im Stil der 1919 in Weimar gegründeten Kunstschule »Bauhaus« nach Tel Aviv gekommen. Er verliebte sich und ist geblieben.

Geschichte Seit mittlerweile elf Jahren legt der promovierte Alpengeologe und Mineraloge, der aus der Gegend von Heilbronn stammt, selbst mit Hand an, wenn es darum geht, Schimmel zu beseitigen und Wände neu zu verputzen. Auch wenn er den modernen Baustil bisweilen als »brutal« empfindet, sollten die Bauhaus‐Gebäude in Tel Aviv gerettet werden. Wer alte Häuser abreißt, sagt er, »der macht Geschichte kaputt«.

Effektiv und schnell bauen mussten die Juden, die in den 30er Jahren aus Nazideutschland flohen und in der damals noch sehr jungen Stadt Tel Aviv ein neues Zuhause suchten. Innerhalb weniger Jahre verdreifachte sich die Einwohnerzahl Tel Avivs auf 150.000.

Der funktionale und moderne Bauhausstil war dafür genau richtig, und er war den in Deutschland und Europa studierten jüdischen Architekten vertraut. Sie orientierten sich an Avantgarde‐Architekten wie Walter Gropius, Mies van der Rohe, Hannes Meyer, Erich Mendelsohn und Le Corbusier.

Jiddisch Außerdem passte die Bauhaus‐Moderne zum Zeitgeist: Weder Prunk noch Schnörkel wollten die überwiegend sozialistisch eingestellten Neueinwanderer. Sondern Flachdächer, auf denen sich die Bewohner trafen und von auf denen man sich laut auf Jiddisch mit dem Nachbarn gegenüber unterhalten konnte, ohne böse Blicke oder noch Schlimmeres befürchten zu müssen.

In der Hafenstadt entstand in wenigen Jahren das weltweit größte zusammenhängende Architekturensemble von rund 4000 Gebäuden mit Bauhaus‐Charakter im sogenannten »Internationalen Stil«: schwungvolle Rundungen, ausladende Balkone, markante Linien, Flachdachkonstruktionen.

Doch inzwischen drohen die Gebäude zu verfallen. Die Häuser sind fast so alt wie die Stadt, die 1909 gegründet wurde. Salz und Feuchtigkeit nagen sich durch die Gemäuer, um die sich lange niemand scherte. Das Bewusstsein für die Besonderheit der Bauhäuser wuchs, als die Unesco vor 15 Jahren die »Weiße Stadt« als Weltkulturerbe anerkannte.

Kalkputz Hoepfer schimpft über die Ignoranz vieler seiner Kollegen. Die Wand im Hotel‐Speisesaal, vor der er steht, sei schon einmal renoviert worden. »Wir mussten komplett neu anfangen.« Schuld an der Misere ist das Material. »Hier muss Kalkputz ran«, stellt er fest, »der optimiert die Feuchtigkeitspufferung und wirkt anti‐kondensierend«, ist also ideal für Tel Aviv, wo bei hohen Außentemperaturen und klimatisierten Innenräumen an den Wänden Nässebildung kaum zu vermeiden ist.

Um Schimmel vorzubeugen, nutzt Hoepfer seinen »Hochleistungskalk«. »Das ist meine eigene Erfindung«, sagt er stolz und lobt den alten Baustoff Kalk. »In einen Oldtimer können wir keine Neuwagenteile einbauen.«

Denkmalschutz Wenn Hoepfer nicht gerade Workshops in Deutschland gibt, pendelt er zwischen der Hotelrenovierung und dem Max‐Liebling‐Haus in der Idelson Straße. Dort soll pünktlich zum 100. Bauhausjubiläum im kommenden Jahr das deutsch‐israelische Zentrum Weiße Stadt eröffnet werden soll. Das Bundesbauministerium fördert das Zentrum für Architektur und Denkmalschutz mit knapp drei Millionen Euro.

Mal stehen dem Schwaben deutsche Helfer zur Seite, mal Palästinenser aus dem Westjordanland oder jüdische Israelis. Geschätzt wird er von allen – »Dr. Norbert«, nennen sie ihn. »Da oben musst du noch mal glatt ziehen«, weist er freundlich einen jungen Israeli an, der sein Politikstudium an die Wand gehängt hat, um stattdessen Lehmhäuser zu bauen.

Das »learning by doing« ist Hoepfer vertraut. »Ich bin als
Arbeiter‐ und Bauernkind groß geworden, saß schon mit 15 auf dem Trecker und musste bei der Renovierung zweier alter Häuser mithelfen.« Der junge Israeli an seiner Seite lässt sich von Hoepfer in die Geheimnisse des Kalks einweisen.

Feuchtigkeit »An der Verputzung zeigt sich, was für ein Mensch du bist, das ist wie deine Kleidung«, sagt der Schwabe und warnt: »Gips ist Schimmelfutter hoch drei.« Während Kalk »endlos viel Wasser schlucken kann, gibt Gips, wenn er sich einmal vollgesogen hat, die Feuchtigkeit nicht mehr ab«. Bisweilen hat Hoepfer es schwer, sich damit durchzusetzen, denn Gips ist billiger und einfacher zu verarbeiten.

Was ihn stört: die Gentrifizierung in seiner Wahlheimat. »Tel Aviv wird immer schicker und teurer, und die alten Leute müssen weg.« Nur noch das Geld zähle. »Wir brauchen mehr Grün, die Stadt ist viel zu voll.« Trotzdem liebt Hoepfer Israel, das ihn schon immer lockte. »Im nächsten Leben«, sagt er, »werde ich vielleicht Baupsychologe«.

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