Covid

Ein Land im Delta-Blues

Die Behörden haben das Impfprogramm für Zwölf- bis 16-Jährige genehmigt. Foto: Flash 90

Mit seiner erfolgreichen Schutzkampagne gegen das Sars-CoV-2-Virus schaffte es Israel zu Beginn des Jahres zum Impfweltmeister. In keinem anderen Land wurde die Bevölkerung schneller geimpft. Nachdem 2020 auch im jüdischen Staat sämtliche Veranstaltungen abgesagt werden mussten, konnten jetzt wieder Hochzeiten und andere Festlichkeiten stattfinden. Während das Thema Corona aus den Schlagzeilen verschwand, die meisten Restriktionen aufgehoben wurden und die Wirtschaft wieder öffnete, schien die Pandemie schon besiegt. Doch die hoch ansteckende Delta-Variante, die die Fallzahlen wieder rapide ansteigen ließ, veranlasste die neue Regierung um Premierminister Naftali Bennett, neue Beschränkungen zu erlassen.

»Im letzten Sommer mussten wir unsere Hochzeit wegen des Virus absagen«, erzählt Lior Virtzberg aus Nachscholim. In dem Kibbuz an der Karmelküste im Norden des Landes wollte der Grenzschutzbeamte mit einer großen Feier den Bund der Ehe schließen. »Aufgrund der Maßnahmen hatten wir eine kleine religiöse Zeremonie mit engsten Verwandten, wollten aber dieses Jahr richtig feiern.«

Das Land wird jetzt doch nicht am 1. August für Touristen geöffnet.

In Israel stiegen die Corona-Infektionsraten am vergangenen Wochenende weiter an, dabei wurden seit Monaten wieder mehr als 1000 Neuinfektionen verzeichnet. Auch hat die Zahl der schweren Fälle zugenommen. Wegen der hohen Ansteckungszahlen bereitet die Regierung erneut Einschränkungen des öffentlichen Lebens vor. So sollen nur vollständig Geimpfte sowie von der Krankheit Genesene künftig an Veranstaltungen teilnehmen dürfen. »Wenigstens können wir die Hochzeit unter Auflagen abhalten«, sagt der junge Offizier. »Doch die Gäste aus dem Ausland werden fehlen.«

TOURISTEN Tatsächlich dürfen geimpfte Touristen nicht wie vorgesehen ab dem 1. August nach Israel einreisen. Nur wer einen Familienangehörigen ersten Grades im jüdischen Staat hat, kann mit Ehepartner und seinen Kindern das Land besuchen. Auch prüft das Gesundheitsministerium weitere Maßnahmen zur Einschränkung aller Reisen. So soll neben strengeren Warnungen auch die Liste der leicht gefährdeten Länder – sowie Staaten, für die ein Reiseverbot gilt – erweitert werden.

»Um einen Lockdown zu vermeiden, müssen neue Beschränkungen her«, sagte Nachman Ash, Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, auf einer Pressekonferenz am Montag. »Da die Delta-Variante über 70 Prozent der neuen Covid-19-Fälle ausmacht, werden wir dem Kabinett mehrere Optionen vorlegen.«

Noch zu Wochenbeginn war die Regierung gegen eine Schließung des Ben-Gurion-Flughafens, verpflichtete aber die Einreisenden unabhängig von ihrem Impfstatus, sich für einen beziehungsweise 14 Tage in Isolation zu begeben, je nachdem, aus welchem Land sie kommen. Wenn ein zweiter PCR-Test am siebten Tag negativ ausfällt, kann die Quarantäne beendet werden, so der Stand am Mittwoch. Ash wies auf die Bedeutung des Tragens von Masken in Innenräumen hin. Allgemein riet er von Reisen ins Ausland ab, denn dadurch könnten langfristig neue Varianten nach Israel kommen. »Wir werden die Richtlinien zur Überwachung von Flügen in den kommenden Wochen weiter verschärfen«, warnte der Experte. »Wichtig ist, zu prüfen, wie wir unseren Schutz gegen das Eintreffen neuer Mutationen ausbauen können.«

SCHÜLER Da die Delta-Variante zunächst überwiegend bei Schülern gefunden wurde, genehmigten die Behörden die Ausweitung des Impfprogramms auf Zwölf- bis 16-Jährige. Zwar kämpft das Land entschlossen gegen die Ausbreitung des Erregers, doch das Gesundheitsministerium rechnet mit einem weiteren Anstieg von Neuerkrankungen, da sich der Impfstoff als zu schwach gegen die Delta-Variante erweisen könnte. Seit Anfang Juli sind bislang bereits 20 Covid-Patienten gestorben, was die Zahl der Todesopfer auf 6452 erhöht.

Der Anteil der Schwerkranken an den Neuinfektionen ist gering.

»Zwar steigt die Morbidität, doch die Zahl der schwerkranken Patienten ist relativ gering«, sagt Eran Segal, Professor für Bioinformatik am Weizmann-Institut. »Ihr Anteil beträgt 1,6 Prozent, verglichen mit den vier Prozent während der dritten Welle, als es keine Impfstoffe gab.« Wie die meisten Experten ist Segal unschlüssig, ob die aktuellen Zahlen zurückgehen werden. Um aber in eine solche Krise wie vor der Impfkampagne zu geraten, müsste Israel täglich 20.000 neue Fälle verzeichnen, so der Wissenschaftler, der auch das Gesundheitsministerium berät.

»Die Chance, den aktuellen Ausbruch zu stoppen, ist größer, da mehr Menschen geimpft werden«, erklärt Segal. »Um Herden­immunität zu erlangen, müssen aber von den 1,2 Millionen über Zwölfjährigen so viele wie möglich die Impfung erhalten.«

GELDSTRAFEN Unterdessen veranlasste das Krisenmanagement um Premier Naftali Bennett neue Beschränkungen zur Eindämmung der Pandemie, deren Nichtbeachtung mit hohen Geldstrafen geahndet wird. Neben dem Tragen von Gesichtsmasken in Innenräumen sollen die Behörden technologische Mittel einsetzen, um die in häusliche Quarantäne eingewiesenen Bürger zu überwachen. Bei der Sitzung stimmte die Knesset auch über die Wiedereinführung von Impfpässen ab, die zunächst nur für Veranstaltungen gelten sollen. Dieser »grüne Pass«, der bis Juni erforderlich war und jedem Bürger nach der zweiten Impfung Zugang zu allen öffentlichen Dienstleistungen ermöglichte, soll Geimpften, Genesenen oder Inhabern eines aktuellen negativen Corona-Tests Zugang zu sämtlichen Veranstaltungen und Festlichkeiten erlauben.

»Meine Hochzeit, bei der die Gäste alle Gesichtsschutz tragen müssen, wird nichts Alltägliches«, sagt Lior Virtzberg lachend. Doch der Grenzschutzbeamte machte aus der Not eine Tugend und möchte seine Vermählung wie den Karneval in Venedig feiern. »Wenn Familie und Freunde schon Maske tragen, dann wenigstens mit etwas Aufwand.«

Jerusalem

Netanjahu hält an Sturz des Teheraner Regimes fest

»Ich bin entschlossen, die Aufgabe zu Ende zu bringen«, sagt der israelische Regierungschef

von Imanuel Marcus  21.10.2026

Gaza

Israel tötet Hamas-Terroristen, der Shani Louk verschleppte

Tamer Mohammad Ibrahim al-Sabbagh war das letzte lebende Mitglied der Hamas-Zelle, die am 7. Oktober 2023 die deutsch-israelische Geisel entführte

 21.10.2026

Jerusalem

Schicksalswahl in Israel: Es geht um mehr als Netanjahu

Kann der heutige Ministerpräsident trotz des Versagens vom 7. Oktober und dreier harter Kriegsjahre seine Macht behaupten? Oder gelingt es der liberaleren Opposition, ihn nach Jahren an der Regierungsspitze abzulösen?

von Sara Lemel  21.10.2026

Sicherheit

Nach Ausschreitungen: Israel rechnet mit vermehrter Einwanderung von Juden aus Frankreich

Die Hintergründe

 21.10.2026

Boykott?

Weitere Firma verweigert Jerusalemer Seilbahn-Projekt

Die israelische Regierung will per Seilbahn einen direkten Zugang zur hochsymbolischen Klagemauer in Jerusalem schaffen. Aber immer mehr ausländische Partner ziehen sich zurück

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Wahlkampf

Netanjahu stellt sich hinter religiöse Wehrdienstverweigerer

Um an der Macht zu bleiben, braucht Israels Ministerpräsident die Unterstützung der ultraorthodoxen Juden. Wenige Tage vor der Wahl übt er den Schulterschluss mit Religiösen, die sich der Wehrpflicht entziehen

von Andrea Krogmann  20.10.2026

Vanessa Emde (Die Linke)

Berlin

Linken-Fraktion vorerst ohne Einigung im Streit um Emde

Eine Abgeordnete, die in ihrer Israel-Kritik immer wieder nachlegt, und eine Fraktionsspitze, die ein Problem mit ihr hat: Im Berliner Koalitionspoker bleibt der Streit um Vanessa Emde ungelöst

 20.10.2026

Hamas

Emiratische Blase in Gaza

Israel erlaubt den VAE Infrastrukturarbeiten nahe Rafah. Den Wiederaufbau der Enklave knüpft Israels Premier Netanjahu an die Entwaffnung der Terrororganisation

von Sabine Brandes  20.10.2026

Tel Aviv

Wehrdienst oder Gefängnis: Armee stellt Chabad-Studenten vor die Wahl

Am Ben-Gurion-Flughafen wurden Dutzende Männer aus der Chabad-Lubawitsch-Bewegung festgenommen, als sie aus New York zurückkehrten

 20.10.2026