Terror

Ein Jahr danach

Die Apfelsinen und Pampelmusen sind schon prall und hängen tief. Orangefarben und gelb leuchten sie zwischen den Blättern der Bäume hindurch. Rechtzeitig zum Laubhüttenfest werden sie reif sein. Doch hier wird sie niemand pflücken, keine Menschenseele wird eine Sukka bauen und in den Sternenhimmel schauen. Die Obstbäume stehen in den Gärten des Kibbuz Be’eri.

Ein Jahr nach der schlimmsten Katas­trophe in der Geschichte Israels liegt die beschauliche, vier Kilometer von der Grenze zum Gazastreifen entfernte Ansiedlung noch immer verlassen. Fast 1200 Einwohner zählte die Kooperative bis zum 6. Oktober 2023. »Wir waren ein großer Kibbuz, einer vom alten Stil mit dem gemeinschaftlichen Speisesaal und einem starken Gefühl von Zusammengehörigkeit«, sagt Alon Pauker, Kibbuznik und Geschichtsprofessor am Beit Berl College, der hier jahrzehntelang mit seiner Familie lebte.

Doch am frühen Morgen des 7. Oktober sei aus heiterem Himmel der Horror über sie hereingebrochen. 120 Menschen, zehn Prozent der Gemeinschaft, wurden ermordet oder nach Gaza verschleppt. Die Bewohner des Wohnviertels, das nahe am Sicherheitszaun liegt, waren am stärksten betroffen. »Die Terroristen nahmen mehrere Häuser ein, aus denen heraus sie ihre Angriffe koordinierten, nachdem sie die Bewohner ermordet hatten.«

Zeichen der Zerstörung

Die Zeichen der Zerstörung sind bis heute nicht zu übersehen und schwer zu ertragen. Vor der Haustür der Familie Bahar steht ein Regal mit Schuhen: Sneakers und Flip-Flops von den Kindern. Im Innern die pure Verwüstung, schwarz verrußte Zimmer, durchbrochene Wände, zerborstene Fensterscheiben. Inmitten des Chaos ein Babyfoto. Jemand hat mit dem Finger »Am Israel Chai« in den Ruß geschrieben. »Das Volk Israel lebt!«

In Be’eri hatte jeder einen Sicherheitsraum. Doch der schützte die Bewohner nicht vor ihrem grauenvollen Schicksal.

In diesem einst hübschen zweistöckigen Einfamilienhaus wurden Dana Bahar und ihr 14-jähriger Sohn Carmel ermordet. Avidar, der Vater der Familie, und die Tochter Hadar überlebten. Hier in Be’eri hatte jeder einen Sicherheitsraum. Doch der schützte die Bahars nicht vor ihrem grauenvollen Schicksal.

In das kleine Zimmer mit Metallfensterrahmen und Schutztür drängten sich die Familienmitglieder, als die Sirenen zu schrillen begannen. Doch kurz darauf waren es nicht mehr nur Raketen, die aus Gaza kamen. »Der Grenzzaun wurde mit einem riesigen Traktor durchbrochen, und dann war es wie eine Autobahn. In wenigen Minuten kamen 150 Terroristen und begannen ihren mörderischen Feldzug«, erinnert sich Pauker an den schlimmsten Tag seines Lebens.

»Die Terroristen wussten, dass es Zivilisten waren«

Die Mörder kamen zum Haus der Bahars und merkten, dass sich jemand im Schutzraum befand. »Avidar schrie auf Arabisch, dass es hier nur Kinder gibt und sie gehen sollen. Die Terroristen wussten, dass es Zivilisten waren, und arbeiteten trotzdem stundenlang wie verrückt, um in den Raum zu kommen, schossen sogar eine Panzerfaust an die Außenwand. Mit dem einen Ziel: sie zu töten.«

Ein Jahr danach ist noch alles so, wie es am 8. Oktober vorgefunden wurde: Das graue Sofa ist zerfetzt, die Wände und der Fensterschutz aus Metall sind von Einschlusslöchern zersiebt. Dana starb schon nach kurzer Zeit durch Schüsse der Terroristen, Carmel wurde um halb sieben am Abend tödlich getroffen. Am Eingang des Hauses wehen Plakate mit Fotos von Dana und Carmel. »Sie wurden während des Terroranschlags der Hamas am 7. Oktober brutal ermordet«, steht daneben.

»Wir haben heute ein großes Problem, denn die Welt hat etwas verdreht«, drückt sich Pauker diplomatisch aus. »Viele verstehen nicht, wer hier die Bösen sind. Wir haben eine wirklich furchtbare Regierung in Israel, doch die Monster, die zum Morden kamen, sind die Terroristen der Hamas.« Seiner Meinung nach sei es eine Art von Antisemitismus, dass die Welt den Staat Israel und die israelische Armee beschuldigt, Taten zu begehen, als seien sie eine Terrororganisation. »Aber das ist nicht wahr.«

Frieden zwischen Israelis und Palästinensern

Es sind Worte eines Mannes, der sich Frieden zwischen Israelis und Palästinensern wünscht. »Ich meine nach wie vor, dass es eine Lösung für die Palästinenser geben muss. Aber nur, wenn die Hamas verschwunden ist. Denn niemand würde sich bereit erklären, neben einem Gebiet zu leben, das von einer fanatischen Terrorgruppe wie dem Islamischen Staat kontrolliert wird. Und die Hamas ist sogar schlimmer als der Islamische Staat.«

Der Kibbuz Be’eri wird an dieser Stelle nicht wieder aufgebaut. Die Mitglieder ziehen – vielleicht vorübergehend, vielleicht für immer – in eine Gemeinde etwa 40 Minuten weiter nördlich, Hatzerim. 70 Prozent der Kibbuzniks sind bereits in die neuen Häuser gezogen, die restlichen werden in den kommenden Monaten folgen. »In den nächsten Jahren können wir nicht zurück nach Be’eri, ganz sicher nicht, solange es noch die Hamas gibt und die politische Situation in dieser Gegend keine Sicherheit für die Bewohner gewährleisten kann.« Pauker vertraut nicht darauf, dass die Regierung in Jerusalem etwas dafür tut. An die israelische Gesellschaft aber glaubt er fest.

Der Kibbuz Be’eri wird an dieser Stelle nicht wieder aufgebaut.

Das hat ihm das Heldentum von Elhanan Kalmanson gezeigt. Als der Mann aus der jüdischen Siedlung Otniel hörte, was geschah, zog er seine Uniform über, nahm seinen Bruder und Neffen und raste nach Be’eri. »Er tötete Dutzende Terroristen und rettete Hunderte Menschen. Im letzten Haus wurde er ermordet«, erzählt Pauker und zeigt auf den Sticker, der zur Erinnerung an Elhanan auf der Eingangstür klebt.

»Ein großer Teil der Bevölkerung hat verstanden, dass es so nicht weitergeht. Dass es einen Kompromiss zwischen den tief gespaltenen Teilen der Gesellschaft geben muss«, sagt er ernst. Dafür setzt er sich ein, reist in jüdische Siedlungen in den Palästinensergebieten, um mit den Bewohnern zu sprechen. »Viele Menschen sind bereit für ein ›neues Israel‹. Eines, in dem wir eine echte Zukunft haben. Und das Symbol dafür ist Elhanan.«

Bestattung der Toten

Bis vor Kurzem war die Bestattung der Toten auf dem Kibbuzgelände aus Sicherheitsgründen untersagt. An diesem Nachmittag aber werden die Gräber von Dana und Carmel Bahar aus einer weiter entfernten Gemeinde in den Kibbuz Be’eri überführt. Ihr Zuhause. Schräg gegenüber der Bahars lebte die Familie Sharabi. Auch hier hängt das Plakat mit schwarzem Hintergrund: »In diesem Haus lebten Lilianne, Noiya und Yahel.« Die Mutter mit ihren zwei Töchtern wurde von der Hamas ermordet, Vater und Ehemann Eli zusammen mit seinem Bruder Yossi nach Gaza verschleppt. Yossi wurde mittlerweile von der israelischen Armee für tot erklärt.

Die gesamte Gemeinschaft von Be’eri hofft, dass Eli noch lebt und zurückkehrt. Doch in welches Zuhause? Auch im Garten der Sharabis stehen Zitrusbäume voller Früchte. Aber niemand wird sie ernten.

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