Corona

Die Zahlen steigen

Das medizinische Personal im Hadassah Medical Center bekommt die zweite Impfdosis verabreicht. Foto: Flash 90

Drei Zahlen steigen in diesen Tagen stetig: die der Geimpften, die der Infizierten und die der prognostizierten Stimmen für den Likud. Zweifelsohne ist die Immunisierungskampagne gegen das Coronavirus, die von Jerusalem aus koordiniert wird, ein riesiger Erfolg, der international seinesgleichen sucht. Innerhalb von dreieinhalb Wochen haben mit mehr als 1,85 Millionen bereits über 20 Prozent der Israelis die Spritze erhalten.

Gleichzeitig jedoch zeigt die oft mangelhafte Akzeptanz der Corona-Beschränkungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen, wie komplex der Umgang mit der Pandemie ist. Obwohl sich Israel seit einer Woche erneut in einem strikten landesweiten Lockdown befindet, meldet das Gesundheitsministerium, dass die Infektionen eine neue Rekordhöhe erreicht haben.

schulen Immer wieder gibt es Nachrichten, besonders aus der ultraorthodoxen Gemeinschaft, dass die Regeln bei Massenhochzeiten, Beerdigungen oder in den Schulen nicht oder nur mangelhaft eingehalten werden. Zwar rief nach einer Unterredung mit Premier Netanjahu sogar Rabbiner Chaim Kanievsky, religiöses Oberhaupt der Litauer, seine Anhänger auf, die Schulen zu schließen, jedoch nur »für einige Tage«.

Andere Hardliner-Fraktionen in der ultraorthodoxen Welt ließen sich nicht umstimmen und öffnen ihre Schulen täglich. Darunter sind die Satmarer und die sogenannte Jerusalem-Fraktion, die in den vergangenen Tagen mit Sicherheitskräften aneinandergerieten. Am Dienstag kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung in Beit Schemesch, als eine Schule geschlossen werden sollte, die trotz Verbot geöffnet hatte. Es flogen Steine gegen die Polizei, und ein Beamter feuerte einen Schuss, weil er um sein Leben fürchtete.

Das Eingreifen der Polizei jedoch ist die Ausnahme. Oft drücken die Beamten auf Verlangen der Politiker in Jerusalem beide Augen zu, wenn es um die Durchsetzung der Corona-Regeln in streng religiösen Gemeinden geht. Sehr zum Unmut der übrigen Bevölkerung: Die Bilder von einem Polizisten, der sich bei einer Massenhochzeit von einem Rabbiner segnen ließ – umgeben von maskenlosen Charedim – sorgten für eine Welle der Empörung in den sozialen Netzwerken.

Rekord Insgesamt hat die Zahl an Infektionen mit dem Coronavirus die halbe Million mittlerweile überschritten. Am Montag gab es nahezu 10.000 neue Infektionen, ein Rekord seit Beginn der Pandemie im Land. Die Positivrate lag bei 7,6 Prozent. Zum Vergleich: Die deutschen Gesundheitsämter meldeten am selben Tag 12.802 Corona-Neuinfektionen. Deutschland hat etwa neunmal mehr Einwohner als Israel. Für mindestens 2000 Ansteckungen sei die Virusmutation aus Großbritannien verantwortlich, die als noch ansteckender gilt als die ursprüngliche Variante.

Wie der Armeesender berichtet, erwägt das Gesundheitsministerium, dass sich alle in Quarantäne begeben müssen, die fünf oder zehn Minuten in der Nähe eines bestätigten Infizierten waren. Bislang gilt die 15-Minuten-Regel. Das Sheba-Krankenhaus in Ramat Gan entschied aber bereits, dass es die Zeit auf fünf Minuten verkürzt.

Netanjahu setzte sich persönlich für die Beschaffung der Impfstoffe ein.

Gleichzeitig soll die Impfkampagne noch ausgedehnt werden. Am Sonntag kam eine weitere Lieferung des US-Pharmakonzerns Pfizer am Ben-Gurion-Flughafen an, die der Regierungschef und Gesundheitsminister Yuli Edelstein in Empfang nahmen. Der Plan für die kommenden Tage: 200.000 Impfungen täglich.

pfizer Auf den Paletten von Pfizer waren 680.000 Impfdosen geladen. Netanjahu lobte die Aktion unter dem Namen »Zurück ins Leben« in höchsten Tönen. Er habe sich mit »seinem Freund«, dem Geschäftsführer von Pfizer, Albert Bourla, geeinigt, eine Lieferung nach der anderen nach Israel zu bringen, damit die gesamte Bevölkerung über 16 Jahre bis März durchgeimpft ist: »Dies ist ein großartiger Tag für Israel.« Am Donnerstag zuvor war Impfstoff von Moderna angekommen.

72 Prozent der über 60-Jährigen seien bereits immunisiert, und es werde so weitergehen, betonte Netanjahu. Er lobte das Engagement des medizinischen Personals, das die Kampagne durchführt. »Wir alle zusammen schaffen das!«

In dieser Woche begannen die ersten Zweitimpfungen. Auch Präsident Reuven Rivlin krempelte wieder seinen Ärmel hoch und ließ sich am Sonntag im Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus die Spritze setzen.

MUTATION Derweil sei auch die neue Virusmutation aus Südafrika in Israel nachgewiesen worden, bestätigt das Gesundheitsministerium. Dieses veränderte Virus könnte eine Resistenz gegen die Antikörper entwickelt haben, die bereits Genesene in sich tragen, gibt eine vorläufige Studie des Coronavirus-Informationszentrums an. Es könne sein, dass diese Variante ansteckender ist als die ursprüngliche.

Am Dienstag hat die Impfung aller über 50-Jährigen begonnen. Bis zum 20. März sollen dem Plan der Regierung entsprechend 5,2 Millionen Israelis gegen das Coronavirus immunisiert sein. Der Corona-Berater der Regierung, Nachman Ash, geht davon aus, dass im Frühjahr das mögliche Impfalter von 16 auf zwölf Jahre herabgesetzt werden könnte, sollte die US-Behörde zur Überwachung von Nahrungs- und Arzneimitteln (FDA) dies genehmigen.

»Dass Kinder unter 16 nicht immunisiert werden, ist besorgniserregend, wenn es darum geht, Herdenimmunität zu erreichen«, sagt er. »Ich bin mir sicher, dass wir in einem oder zwei Monaten auch diese Gruppe impfen können.«

Der 20. März ist ein besonderes Datum für Ministerpräsident Netanjahu. Es ist der Samstag vor den Parlamentswahlen.

Der 20. März ist ein besonderes Datum für Ministerpräsident Netanjahu. Es ist der Samstag vor den Parlamentswahlen, an dem er sich – natürlich nach Ausgang des Schabbats – werbewirksam im Live-TV an seine Landsleute wenden und den Erfolg der Impfkampagne ans Revers heften könnte. In Umfragen ist seine Partei, der rechtskonservative Likud, bereits heute wesentlich beliebter als noch vor einigen Monaten.

Zwar ist er aktuellen Umfragen noch nicht wieder bei den 36 Mandaten angelangt, die er derzeit in der Knesset hält, doch werden ihm für die anstehenden Parlamentswahlen im Frühjahr mehr als 30 Sitze vorausgesagt. Vor Kurzem waren es zeitweise kaum mehr als 20.

Anklagen Netanjahu war einer der ersten Regierungschefs der Welt, der sich persönlich für die Beschaffung der Impfstoffe einsetzte und bei der Unterzeichnung von Verträgen mit den Pharmafirmen voranpreschte. Dass dahinter einzig Altruismus steckt, darf bezweifelt werden. Dennoch könnte es durchaus sein, dass ihm die Israelis für diese »Chuzpe« seine Schwächen vergeben und die Anklagen wegen Korruption an der Wahlurne vergessen.

Nach einer Pandemie, die am Wahltag fast auf den Tag genau ein Jahr alt sein wird, das gesamte Land in einen der striktesten Lockdowns der Welt schickte und Wirtschaft sowie Gesundheitssystem an den Rand des Zusammenbruchs brachte, macht sich der außergewöhnliche Immunisierungserfolg besonders gut. Und es kann kaum einen besseren Wahlslogan geben als: »Alle Israelis geimpft – die Pandemie ist vorbei.«

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