Gilad Schalit

Die Wut der Opfer

Freudenbekundungen: Hamas-Angehörige feiern im Gazastreifen die Haftentlassung von palästinensischen Gefangenen. Foto: Reuters

Es ist der Preis, der viele nicht mehr ruhig schlafen lässt. Einer für mehr als 1.000. Manchen mag diese Rechnung als zynisch und unangebracht scheinen. Schließlich geht es um Menschen, und die sollen nicht gegeneinander aufgerechnet werden.

In Nahost herrscht eine andere Realität. Hier »kostet« ein israelischer Soldat 1.027 palästinensische Häftlinge. So viele musste Jerusalem aus den Gefängnissen freilassen, um sie gegen den von der Hamas entführten Gilad Schalit einzutauschen. Viel zu viele, meinen vor allem Angehörige der Terroropfer.

Widerstand Noch während das Kabinett von Benjamin Netanjahu über das historische Abkommen mit der Terrororganisation aus dem Gazastreifen tagte, riefen die Opferverbände zum Widerstand auf. Unter den mehr als 1.000 palästinensischen Häftlingen befinden sich notorische Terroristen von Hamas und Fatah, verurteilte Mörder, die selbst hinter Gittern dem Terror nie abgeschworen haben.

Viele von ihnen sind für einige der schlimmsten Anschläge in Israels Geschichte verantwortlich. »Diese Namen zu lesen, ist in der Tat kaum zu ertragen«, sagt der einstige Geheimdienstchef und Knessetabgeordnete Avi Dichter in einem Fernsehinterview. »Doch es gab keinen anderen Weg.«

Auf der Liste und mittlerweile auf freiem Fuß in Jordanien ist Ahlam Tamimi, mitverantwortlich für eines der blutigsten Attentate in Jerusalem. 15 Menschen starben dabei, 130 wurden verletzt, unter ihnen viele Kinder und Jugendliche. Jetzt wartet Tamimi darauf, dass ihr Ehemann aus der Westbank zu ihr kommen darf, den sie im Gefängnis geheiratet hatte.

Fünf Mitglieder der Familie Schijveschuurder können nie wieder Pläne machen. Die Eltern und drei ihrer Kinder wurden bei dem Anschlag am 9. August 2001 in der Pizzeria Sbarro im Herzen der Stadt getötet, das jüngste war gerade zwei Jahre alt.

Wut Für Schvuel Schijveschuurder ist die Freilassung der Terroristin wie ein Messerstich ins Herz. Mit vor Wut weit aufgerissenen Augen saß er im Saal des Obersten Gerichtes, als über die Petitionen gegen das Schalit-Abkommen entschieden wurde. Wie erwartet, wollte sich das Gericht nicht in eine politische Entscheidung einmischen und wies sämtliche Einwände ab.

Schijveschuurder war entsetzt. Gilads Vater Noam, der ebenfalls im Gerichtssaal saß, rief er zu: »Häng’ eine schwarze Fahne über dein Haus in Mitzpe Hila, heute ist ein Trauertag.«

Minister Uzi Landau, der bei der Kabinettsentscheidung mit Nein gestimmt hatte, sprach vielen Israelis aus dem Herzen, als er den Austausch als einen großen Sieg für den Terrorismus bezeichnete. Doch selbst jene, die sich ohne Wenn und Aber dafür ausgesprochen hatten, verstehen die Familien der Opfer. Die Sorge, dass die befreiten Täter erneut Terroranschläge ge-
gen israelische Zivilisten verüben, ist bei Befürwortern und Gegnern groß.

Deal Dabei hat Israel Erfahrung beim Auslösen von Geiseln und Gefangenen. Der bekannteste Deal ist sicherlich der von 1985, als drei IDF-Soldaten, die im ersten Libanonkrieg von der militanten palästinensischen Gruppe um Achmed Jibril gefangen genommen worden waren, gegen 1.150 Häftlinge ausgetauscht wurden. Damals hatte Minister Jitzchak Nawon gewarnt: »Es ist ein schreckliches Beispiel. Wir zeigen all unseren Feinden, dass es das Beste ist, Soldaten und Zivilisten zu kidnappen.«

Seit ihrer Gründung 1986 setzt sich die israelische Vereinigung von Terroropfern, Almagor, gegen derartige Freilassungen ein. Nach Informationen der Organisation haben seit 2000 insgesamt 177 Israelis ihr Leben durch Terroristen verloren, die zuvor bei Gefangenenaustauschaktionen freigelassen worden waren. Auch gegen den Schalit-Deal hatte sich Almagor ausgesprochen. Ohne Erfolg.

Einer der vehementesten Gegner dieser Deals ist der einstige Oberrabbiner der Armee, Rabbi Avihai Rontzki. Mit drastischen Worten wandte er sich an die Öffentlichkeit: »Von jetzt an sollten israelische Soldaten Terroristen in ihren Betten töten, statt sie festzunehmen.« Es könne sein, meinte er, dass Hinterbliebene nun das Recht in die eigenen Hände nehmen.

Abkommen »Ich rufe weder zur Rache noch zur Anarchie auf, ich denke einfach, dass es passieren könnte«, erklärte er. Dieses Abkommen werde der Hamas weiteren Auftrieb geben, »denn Terroristen haben keine Panzer. Ihre Stärke stammt aus ihrer Motivation zum Kämpfen. Und jetzt haben sie gleich mehrere Einheiten von Kämpfern zurückbekommen.«

Yoav Minz versteht die ganzen Einwände. Auch er dachte lange genauso. Sein Sohn Raz wurde von palästinensischen Extremisten getötet. »Eigentlich befürworte ich die Todesstrafe für derartige Schwerverbrecher«, erklärt er, »doch da es dieses Gesetz in Israel nicht gibt, bin ich für eine Freilassung – sofern dadurch ein Leben gerettet werden kann.«
Das von Gilad Schalit ist gerettet. »Und das war es wert.« Jahrelang war Minz kategorisch gegen eine Freilassung von Terroristen. »Doch ich weiß genau, was es heißt, als Eltern weiterzuleben, wenn das eigene Kind getötet wurde«, sagt er mit ruhiger Stimme. »Und ich will einfach nicht, dass andere das auch erleben müssen.«

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