Sammlung

Die wunderbare Bücherrettung

»Farewell für Goethe«: Ury Eppstein vor der 60-bändigen Cotta’schen Werkausgabe von 1827 Foto: Uwe Gräbe

Literatur und die Familienbibliothek gehören zur Kindheit von Ury Eppstein. »In meinem Elternhaus waren Bücher das Wichtigste, was es gab«, sagt der 86‐jährige Jerusalemer mit fester Stimme. Die Geschichte des emeritierten Musikwissenschaftlers klingt unglaublich: Als Jude 1925 in Saarbrücken geboren, überlebt er den Holocaust, zählt zur ersten Generation in Israel, um dort als Soldat Originalwerke von Goethe und Schiller aus einem früheren deutschen Waisenhaus in Jerusalem zu retten.

Das war 1948. Die Engländer hatten das von ihnen genutzte Gebäude kurz zuvor geräumt und waren abgezogen. Als später die erste israelische Armeeeinheit in das ehemalige Waisenhaus einzog, stand dort noch die historische Bibliothek. Ury Eppstein kann sich heute noch aufregen, wenn er an seine ersten Eindrücke denkt. »Alles war verwüstet und verheert.«

Was ihn aber richtig wütend machte, war der Zustand der Bibliothek. »Besonders störte mich, dass die kostbaren Bücher der wirklich glorreichen Schneller’schen Schulbibliothek auf dem Boden verstreut herumlagen. Ich war einer der wenigen, die es für nötig befanden, diese Bücher aufzusammeln.« Nicht alles konnte er in der Eile retten. Aber »was mir gelungen ist, aufzulesen, waren die Goethe‐Bände. Und die sind komplett. Die Schiller‐Ausgabe bis auf Band 1 auch.«

Fragen Aber warum rettet einer, der Hitlers Judenvernichtung entkommen war, drei Jahre nach dem Ende der Nazizeit deutsche Bücher in Jerusalem? »Mein Vater war ein Experte für die Werke Thomas Manns und hat darüber geschrieben und Vorträge gehalten«, erzählt Eppstein. »Mich hat es mehr als gestört, zu sehen, dass Bücher so behandelt werden, dass zum Schluss nichts von ihnen übrig bleibt – das ist für mich in einer Art eine emotionale Angelegenheit, und so ist es dann passiert.«

Die Vorgeschichte der wundersamen Bücherrettung beginnt im Jahr 1854. Da kommt Johann‐Ludwig Schneller nach Jerusalem. Den Lehrer und Missionar treibt es zusammen mit seiner Frau auch in den Libanon, der damals zu Syrien gehört. Schneller trifft auf Kinder, die im Bürgerkrieg ihre Eltern verloren haben. Für sie öffnet er vor 150 Jahren das Syrische Waisenhaus in Jerusalem. Bis zum Zweiten Weltkrieg bleibt es die größte diakonische Einrichtung in der Stadt. Das Naziregime und der Weltkrieg beenden 1940 Schnellers Arbeit.

Acht Jahre darauf ziehen Soldaten der gerade gegründeten israelischen Armee in das Gebäude ein. Unter ihnen Ury Eppstein. Zwar gingen viele Bücher der umfangreichen Bibliothek Schnellers in den Wirren der Übergangszeit verloren, doch Eppstein entdeckt im Schutt dennoch echte Schätze: Goethes 60‐bändige Cotta’sche Werkausgabe von 1827, vom Meister selbst redigiert, und Schillers »Sämtliche Werke« von 1835.

Bewahren Der glückliche Finder wollte jedoch nicht mit dem bibliophilen Schatz sein eigenes Bücherregal auffüllen, sondern ihn erhalten. Er fasste einen Plan: »In dem Moment, da ich die Bücher aufhob und einsammelte, war mir klar, dass sie kein Privatbesitz von mir sind. Es gab kein Schneller‐Personal mehr, dem man die Bücher hätte zurückgeben können. Aber ich sagte mir, vielleicht gibt es im Laufe der Zeit mal legale Nachfolger oder Erben von Schneller. Bis ich denen dann die Bücher zurückgeben kann, sollen sie bei mir im Regal bleiben.«

Nach dem Krieg leben Schnellers Ideen erst im Libanon, später in Jordanien wieder auf. Schulen in seiner Tradition entstehen in der libanesischen Bekaa‐Ebene und in Amman mit Werkstätten, Unterkünften und Landwirtschaft. Tausende Kinder und Jugendliche, Christen wie Muslime, erhielten und erhalten dort eine Ausbildung als Schlosser, Schreiner, Automechaniker, Koch oder Bäcker – eine Konzeption ähnlich dem ehemaligen Syrischen Waisenhaus in Jerusalem oder dem in Deutschland so erfolgreichen dualen Ausbil‐ dungssystem.

Ury Eppstein, längst angesehener Musikwissenschaftler in Israel und im Ruhestand, erfährt von der Existenz der Schneller‐Schule in Jordanien. 63 Jahre nach seinem spektakulären Fund sieht er endlich die Chance, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Nach einer Ausstellung der geretteten und aufbewahrten Bücher im Kreuzgang der Erlöserkirche in Jerusalem für das breitere Publikum, bevor sie »endgültig die Stadt verlassen«, und einer »Farewell für Goethe«-Veranstaltung ebendort, bricht der 86‐Jährige erstmals in seinem bewegten Leben in ein arabisches Land auf, um die behüteten Klassiker den Erben des Waisenhauses zu übergeben. Endstation: die deutsche Schneller‐Schule in Jordaniens Hauptstadt Amman. Bedenken quälen Ury Eppstein angesichts seiner ungewöhnlichen 80‐Kilometer‐Reise zum unbekannten Nachbarn nicht lange.

Fremde »Ich habe viele Leute gefragt«, gesteht er seine Bedenken ein, »ob heute ein Risiko für einen Israeli besteht, nach Jordanien zu fahren. Die meisten sagten Nein. Da bin ich eben gefahren.« Im Ausbildungsinstitut Schneller ist man von der Geste Eppsteins gerührt und begeistert. In perfektem Deutsch dankt der christlich‐jordanische Schulleiter Ghazi Musharbash mit herzlichen Worten seinem Gast aus Jerusalem, verspricht, die historischen Bände in Ehren zu halten und nicht zu vergessen, wem ihre Rettung zu verdanken ist.

Die Schule will die wertvollen Werke der Deutsch‐Jordanischen Universität in Amman ausleihen, um sie der Wissenschaft und den Studenten zugänglich zu machen. Im Gegenzug erhofft sie sich von der Hochschule einen Deutschlehrer. Der soll jungen Jordaniern und Palästinensern Goethe und Schiller näherbringen – gerettet durch einen deutschen Juden aus Israel.

»Ich bin froh, dass ich etwas dazu beitragen konnte, dass die Bücher wieder dahin kommen, wo sie hingehören«, freut sich Ury Eppstein am Ende seiner Reise. Man hoffe doch immer, dass die Situation im Nahen Osten sich kläre und Frieden einkehre, der schon zu lange auf sich warten lasse. »In diesem Sinn können Bücher vielleicht ein Symbol für die geistigen Werte sein, die einen solchen Frieden realisieren können.«

Der Autor ist Leiter des ARD‐Hörfunkstudios Amman.

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