Interview

»Die Ungewissheit löst viele Ängste aus«

»Es tut uns Menschen nicht gut, wenn wir aufhören zu planen und zu hoffen. Das ist sehr schlecht.«: die Jerusalemer Psychotherapeutin Ephrat Havron Foto: privat

Interview

»Die Ungewissheit löst viele Ängste aus«

Seit Tagen warten die Israelis auf einen möglichen Angriff des Irans. Was macht das mit der Psyche der Menschen? Eine Therapeutin aus Jerusalem gibt Antworten.

von Mascha Malburg  07.08.2024 13:54 Uhr

Frau Havron, seit Tagen warten die Israelis auf einen möglichen Angriff des Irans. Was macht das mit der Psyche der Menschen?
Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Wir wissen nicht, ob ein großer Krieg droht, oder es doch glimpflich verläuft. Das löst viele Ängste aus. Viele Menschen schlafen schlecht. Ich sehe auch, dass die Nervosität auf die Körper schlägt: Patienten kommen mit Bauch- Kopf- oder Rückenschmerzen in die Klinik, die am Ende psychische Ursachen haben. Anderen steigen die Ängste zu Kopf, sie werden übervorsichtig, kaufen zum Beispiel so viele Wasserflaschen, dass sie den Schutzraum zustellen.

Ein wenig Vorsicht ist angesichts der Bedrohung sicher angebracht. Woran erkennen Sie als Therapeutin denn, dass es zu viel ist?
Wenn meine Patienten sich in ihrem Alltag sehr einschränken, das Haus nicht mehr verlassen. Das ist gefährlich, denn um psychisch stabil zu bleiben, ist es essentiell, Routinen aufrechtzuerhalten. Es ist wichtig, weiterhin zur Arbeit zu gehen, Freunde zu treffen. Das ist übrigens auch die große Stärke der Israelis, dass wir uns trotz der lebensbedrohlichen Lage nicht den Spaß verderben lassen.

Auch Oppositionsführer Yair Lapid scheint die Ungewissheit zu zermürben: »Ist es für Sie akzeptabel, dass seit fünf Tagen ein ganzes Land darauf wartet, bombardiert zu werden?«, fragte er die Koalition im Parlament.
Das kann ich gut nachvollziehen. Es gibt unter vielen Israelis das Gefühl, dass die Regierung uns im Stich lässt. Der 7. Oktober hat gezeigt, wie gefährlich es ist, wenn die Politik nicht koordiniert agiert. Und das verstärkt natürlich die Ängste vor einem Krieg, vor Chaos.

Wie geht es denn den Patienten, die bereits vom 7. Oktober traumatisiert sind?
Die Nachrichten triggern natürlich viele Ängste. Für Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, sei es vom 7. Oktober, oder aus anderen Kriegen davor, ist das schwer aushaltbar.

Was hilft Ihnen persönlich in der Situation?
Auch ich versuche meinen Alltag ganz normal weiter zu leben: Ich habe derzeit Auftritte mit meinem Chor. Uns war es allen wichtig, diese nicht abzusagen. So wie vielen Israelis hilft mir auch Humor. Mit meiner Schwester habe ich gestern darüber gescherzt, dass sie sich eine riesige unnötige Menge Datenvolumen fürs Handy gekauft hat, um in einer Notsituation viele Anrufe machen zu können.  Da mussten wir beide lachen.

Das Gespräch mit der Therapeutin aus Jerusalem führte Mascha Malburg.

Jerusalem

Deutschland verfünffacht Beitrag für Yad Vashem

Die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel erinnert an die von den Nationalsozialisten ermordeten Juden. Die Bundesrepublik will sich künftig verstärkt an der Finanzierung beteiligen

 07.07.2026

Humantitäre Hilfe

IDF arbeitet mit an Venezuelas Wiederaufbau

Nach den verheerenden Erdbeben entwickelt eine IDF-Delegation mit der Übergangsregierung einen Plan für die zerstörten Regionen. Oberrabbiner Cohen hofft, dass die humanitäre Operation ein erster Schritt zur Wiederaufnahme der Beziehungen zwischen Caracas und Jerusalem sein könnten

von Sabine Brandes  07.07.2026

Jerusalem

Deutschland verfünffacht Unterstützung für Yad Vashem

Außenminister Wadephul und sein israelischer Amtskollege Sa’ar haben auf einer gemeinsamen Pressekonferenz einen Ausbau der Förderung für die israelische Holocaust-Gedenkstätte angekündigt. In den Fragen zu Iran und Libanon herrschte Einigkeit, beim Westjordanland nicht

von Sabine Brandes  07.07.2026

Türkei

Netanjahu warnt die USA vor einem Kampfjet-Deal mit der Türkei

Israel sieht das Gleichgewicht im Nahen Osten gefährdet, sollte es zu einem Deal zwischen der Türkei und den USA kommen

 07.07.2026

Interview

»Ich würde gerne mit Benjamin Netanjahu sprechen«

Der umstrittene Podcaster Ben Berndt schreibt Mediengeschichte. Sein YouTube-Format »Ungeskriptet« erreicht Millionen. Ein Gespräch

von Sven Gösmann, Stella Venohr  07.07.2026

Jerusalem

»Antisemitische Hetze« und »Aufruf zum Völkermord«: Streit zwischen Israel und Türkei eskaliert

Türkeis Außenminister hatte Israel als Problem für die Menschheit bezeichnet, das nicht länger ertragen werden könne

 07.07.2026

USA

Wie Ägyptens Nationaltrainer bei der Fußball-WM Lügen über Israel verbreitet

Politische Botschaften sind während des Turniers eigentlich verboten. Ägyptens Trainer lässt sich davon nicht beeindrucken

 07.07.2026 Aktualisiert

Hintergrund

UNRWA: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung und die Israel-Lobby

Eine neue Studie der linksparteinahen Stiftung präsentiert jüdische und pro-israelische Organisationen in Deutschland pauschal als Sprachrohre der Regierung in Jerusalem

von Michael Thaidigsmann  06.07.2026

Jerusalem

Erleichte Zulassung eingewanderter Psychologen

Im Ausland ausgebildete Psychologen sollen künftig schneller in Israel praktizieren können. Hintergrund ist auch die Krise der mentalen Gesundheit seit dem 7. Oktober

 06.07.2026