Umwelt

Die Müllberge wachsen

Mit Hisbollah-Chef Nasrallah für Recycling: Werbung der Firma ELA Foto: Sabine Brandes

Hassan Nasrallah hat eine Ausrede. Er sitzt seit zwölf Jahren im Bunker. »Und was ist deine Rechtfertigung?«, fragt das überdimensionale Plakat mit dem Konterfei des Hisbollah‐Chefs an israelischen Straßenkreuzungen. Nasrallah ist Israels neuestes Gesicht in der Kampagne für das Recycling von Plastikflaschen der Firma ELA. Ob das Plakat wirklich zum Sammeln inspiriert, ist nicht bekannt. Ein Hingucker ist es allemal.

Dabei hat die Recyclingbranche gerade einen großen Schlag hinnehmen müssen. Israels einzige Firma, die Plastikflaschen wiederverwertet, Aviv, hat ihre Arbeit Anfang Januar eingestellt.

Ab sofort wird sämtlicher gesammelter Plastikmüll ins Ausland exportiert, nicht eine einzige Flasche mehr im Land recycelt. Grund für die Schließung des Unternehmens in der Nähe von Beer Sheva sind die sinkenden Preise für Rohmaterialien, infolgedessen die Hersteller lieber neues Plastik als recyceltes ankaufen. Auch hohe Energiekosten hätten bei dem Aus eine Rolle gespielt. Ein Großteil der 70 Beschäftigten hat bereits den Arbeitsplatz verloren.

GESETZ Dabei hatte die Familie Misrachi, die die Fabrik betreibt, bis zum Schluss versucht, Gelder vom Ministerium für Wirtschaft und Handel sowie aus dem Finanztopf für Naturschutz im Umweltministerium zu erhalten. Doch ohne Erfolg. Und Geschäftsführer Yaron Misrachi hatte die Regierung bereits 2017 aufgerufen, das Verpackungsgesetz, das vor zehn Jahren verabschiedet worden war, endlich in Kraft treten zu lassen. Bislang ist es nämlich nicht mehr als ein Papiertiger. Es besagt, dass 80 Prozent der Verpackungen, die in Israel gesammelt werden, auch im Land recycelt werden müssen. Lediglich 20 Prozent dürfen ins Ausland verschifft werden.

Der meiste israelische Plastikmüll wird im Ausland recycelt.

Die beiden von der Regierung beauftragten Kooperationen zum Sammeln sind ELA und Tamir. Die jedoch erhalten im Ausland mehr Geld für ihre Ware, weil viele der Recyclingfirmen dank Subventionen der jeweiligen Regierungen höhere Preise für Plastik bezahlen. »Jerusalem hat das Recycling privatisiert, und damit ist es die Pflicht der Unternehmen, es durchzuführen«, so Misrachi. »Doch es ist die Pflicht der Regierung, das Gesetz in die Tat umzusetzen und es nicht zu erlauben, dass die Dinge heimlich ganz anders gemacht werden.«

SCHLUSSLICHT »Das ist leider hier die Realität«, bestätigt der Verantwortliche für den Bereich Müll und Recycling bei der Umweltschutzorganisation »Adam Teva Ve’Din« (Mensch, Natur und Gerechtigkeit), Amiad Lapidot. Der Grund dafür liege in der Politik: »In Israel ist das Amt des Umweltministers kein besonders hoch angesehenes und oft nur ein politisches Faustpfand für eine Koalition. Ein Naturfreund muss der Minister nicht unbedingt sein. Außerdem legen nicht selten andere Behörden und Ministerien dem Umweltschutz Steine in den Weg. Das ist hierzulande ein großes Problem.«

Weniger als 20 Prozent des gesamten Müllaufkommens werden wiederverwertet, und damit liegt Israel in Sachen Recycling an einer der letzten Stellen der OECD‐Nationen. »So bedecken wir jedes Jahr zusätzliche 300.000 Quadratmeter mit Abfall. Die Mülldeponien in unserem kleinen Land wachsen immer weiter. Das ist ein Mysterium, das ich nicht verstehe.«

Lapidot ist überzeugt, dass die Israelis in Sachen Müllvermeidung ein noch immer viel zu geringes Bewusstsein hätten, das sich nur schleppend ändere. »Viele Leute benutzen nicht weniger Einmal‐Plastik, sondern immer mehr, zeigen die Zahlen. Weil es so praktisch und billig ist. Das Motto ›Vermeiden statt Verwerten‹ ist hier leider noch nicht angekommen.« Lapidot ist erst nach 13 Jahren Militärkarriere in der Marine zum Umweltaktivisten geworden. »Und jetzt versuche ich wirklich, einen Wandel herbeizuführen. Aber oft fühlt sich das an wie ein Krieg.«

VERANTWORTUNG Doch es gebe auch Positives zu berichten, findet er. Zwar leide seine Organisation unter chronischem Geldmangel, doch trotzdem habe sie es unter anderem geschafft, die Gesetze zum Flaschenpfand und zur Vermeidung von Plastiktüten auf den Weg zu bringen. Derzeit arbeitet das Team verstärkt daran, die Mengen von Müll in den Deponien zu verringern.

Erfolgreich ist »Adam, Teva Ve’Din« beispielsweise in der Gemeinde von Zichron Yaakov im Carmelgebirge. Durch die Trennung von Bio‐ und anderem Müll ist die Menge an recyceltem Abfall dort von 20 auf 40 bis 50 Prozent gestiegen. Die natürlichen Abfälle produzieren zudem wertvollen Kompost. »Dafür bin ich von Haustür zu Haustür gegangen, um es den Menschen näherzubringen. Und das hat geklappt.«

Dem Umweltschutz werden zahlreiche Steine in den Weg gelegt.

In erster Linie gehe es dabei darum, den Leuten nahezulegen, dass sie Verantwortung übernehmen müssen. »Wir erklären ihnen, dass sie nachdenken sollten, bevor sie etwas kaufen oder konsumieren – woher es kommt und wohin es anschließend gelangt.« Diese Weisheit, betont der Aktivist, gelte allerdings nicht nur für Israel, sondern für die ganze Welt.

Das alte Motto »Wir können uns um nichts anderes als unsere Sicherheit und unsere Grenzen kümmern« gelte nicht mehr, meint Lapidot. »Stattdessen müssen wir zusätzlich eine andere Grenze schützen, die unser Überleben sichert – die der Natur. Denn nur so machen wir Israel stärker und sicherer.«

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