Reform

Die Gurken-Revolution

Teuer, aber dafür schmackhaft: Obstangebot in einem israelischen Supermarkt Foto: Flash 90

Wer Israel kennt, kennt auch die Preise. Und die sind im Vergleich zu anderen europäischen Ländern oft überdurchschnittlich hoch. Die exorbitanten Kosten machen vielen Israelis das tägliche Leben schwer. Finanzminister Avigdor Lieberman hat dem jetzt den Kampf angesagt. Beginnen will er mit den Preisen für Obst, Gemüse und Eier.

Er kündigte an, mehr Wettbewerb im Land zu erlauben und die Einfuhrbeschränkungen teilweise aufzuheben. »Es ist die größte Reform, die die Landwirtschaft in drei Jahrzehnten gesehen hat«, sagte Lieberman, der das Amt mit der neuen Regierung im Juni übernommen hatte, als er den Plan gemeinsam mit dem Minister für Landwirtschaft, Oded Forer, vorstellte. Das Programm soll mehr als 700 Millionen Euro jährlich einsparen. Für jeden israelischen Haushalt würde das rund 840 Schekel, umgerechnet etwa 220 Euro, mehr im Portemonnaie pro Jahr bedeuten. Gerade für Menschen, die unterhalb oder nahe der Armutsgrenze leben, ist das keine unbeträchtliche Summe.

Seit 2000 sind die Preise für Obst und Gemüse um 70 beziehungsweise 45 Prozent gestiegen.

Der Fünfjahresplan, der in das Wirtschaftsgesetz eingebunden wird, gehört zum neuen Haushalt 2021/22. Dabei ist vorgesehen, dass der Wettbewerb durch schrittweise und umfassende Verringerung der Einfuhrzölle für sämtliches Obst und Gemüse ausgebaut wird. Gleichzeitig werden die unmittelbaren Preise für eine Vielzahl von Produkten verringert. Dazu gehören Eier, Avocados, Artischocken, Feigen und Erbsen.

EUROPA Zudem wird Israel die europäischen Standards für Obst und Gemüse anerkennen. Die Vorgaben für die Einfuhr von Produkten aus Europa sollen ebenfalls angepasst werden. Dies werde, betonen die Minister, schnell zu einer größeren Vielfalt der importierten Waren führen. Viele Obst- und Gemüsesorten könnten dann das ganze Jahr über und nicht nur saisonal angeboten werden. Dazu gehören beispielsweise Nektarinen und Aprikosen, die sonst ausschließlich im Sommer zu haben sind. Auch Produkte, die es gewöhnlich gar nicht auf den Märkten von Haifa bis Eilat zu kaufen gibt, könnten dann mehr Vielfalt in die israelische Küche bringen, etwa europäische Beeren oder exotische Früchte aus Fernost.

Doch Israels Bauern wollen von Verbesserung nichts hören und laufen Sturm gegen die Reform. Sie bezeichnen die Änderungen als Gefährdung ihres Lebensunterhalts. Dabei umfasst die Reform ein umfassendes Hilfspaket für die Landwirtschaft, zu dem direkte Zahlungen für jeden Hektar, der von Bauern kultiviert wird, gehören sowie finanzielle Hilfen für die Eierindustrie, vor allem in der Peripherie. Außerdem sollen Steuervorteile Investitionen fördern. Insgesamt wird das Hilfspaket mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten.

Obwohl die Eierindustrie im Land besonders geschützt werden soll, sehen deren Vertreter Liebermans Reform als Gefahr. Am Wochenbeginn kündigten sie einen Warnstreik der Produzenten an. Der Generaldirektor der Vereinigung der Eierproduzenten, Motti Alkabez, sieht nichts Gutes in den Änderungen: »Unsere Industrie sorgt für den Lebensunterhalt von 3000 Produzenten. 2000 von ihnen sitzen in den Moschawim an der libanesischen Grenze. Was die Hisbollah versucht hat, in vielen Jahren zu erreichen, macht Lieberman jetzt auf einen Schlag.«

KONKURRENZ Andere sagen, dass die Landwirte für etwas beschuldigt werden, für das sie gar nichts können. Es seien die mächtigen Zwischenhändler, die eigentlich den größten Reibach machten. Sie fordern von den Händlern, ob auf Freiluft- oder in Supermärkten, immense Gebühren für die Lieferung von Obst und Gemüse und tragen so zu den hohen Preisen bei.

Viele Vertreter der Branche meinen, dass Israel nicht mit Billigproduzenten, zum Beispiel aus der Türkei oder den Nachbarländern Ägypten und Jordanien, konkurrieren könne. Der Finanzminister widerspricht sämtlichen Vorwürfen: »Die Landwirtschaftsreform ist eine der wichtigsten überhaupt. Sie stärkt die israelischen Bauern, während sie die Lebenshaltungskosten senkt und damit den Konsumenten zugutekommt.«

Der Import wird erleichtert, indem Einfuhrzölle gesenkt werden.

Es ist eine Tatsache, dass die Obst- und Gemüsepreise immer weiter in die Höhe steigen. Seit dem Jahr 2000 sind die Preise für Obst um mehr als 70 Prozent gestiegen, für Gemüse um nahezu 45 Prozent. Sogar während der Zeit der Corona-Krise, in der die meisten Preise stark sanken, mussten die Israelis 4,4 Prozent mehr für Gesundes auf den Märkten zahlen. Dies, heißt es aus Jerusalem, sei »keine natürliche Preissteigerung, sondern die gemachte Konsequenz des groben Eingreifens in die Marktkräfte durch die Produzenten und ihre Lobby«.

Der hauptsächliche Grund für die Steigerung sei eine Verringerung der Produktion. Während die Bevölkerung Israels etwa um zwei Prozent jährlich anwächst, sind die Produktionsquoten in der Landwirtschaft seit zehn Jahren gleich geblieben. Hinzu kommen die Importzölle, die eine Einfuhr praktisch unmöglich machen, da sie Importeuren Extrakosten von bis zu 500 Prozent aufbürden. Das Ergebnis sei ein ständig sinkender Verbrauch von Obst und Gemüse. Und das sei sehr schlecht für die israelische Gesellschaft. Lieberman geht davon aus, dass die Verringerung der Importzölle für eine sofortige Preissenkung sorgen werde.

PROGRAMM Das israelische Programm sei allerdings kein hausgemachtes, gibt das Finanzministerium zu. Es halte sich an die Empfehlungen der OECD und sei ein bedeutender Schritt, Israel in Sachen Landwirtschaft an die anderen Mitgliedstaaten anzupassen.

Auch auf den Märkten Israels hat sich das Thema bereits herumgesprochen. Auf dem größten Markt Tel Avivs, dem Schuk HaCarmel, sind die Meinungen geteilt. Die meisten der Anbieter hier sind Händler und keine Produzenten, die sich darauf freuen, ihren Kunden niedrigere Preise und eine größere Vielfalt anbieten zu können.

Auch viele Leute an den Ständen haben von Liebermans Reform gehört. »Bei den Preisen ist es wirklich verrückt hier. Manchmal wird das Gemüse von Monat zu Monat teurer«, meint Noam Edri, der hier regelmäßig einkauft. »Es wird wirklich höchste Zeit, dass da etwas geschieht.« An der Vielfalt allerdings hat er nichts zu meckern. »Wir haben hier doch alles, was wir brauchen«, sagt er und zeigt auf die Stände mit Früchten und Gemüsesorten in allen Farben des Regenbogens. »Ich finde, wir haben die besten Produkte der ganzen Welt.«

Jerusalem/Stockholm

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