Sicherheit

Der Cyber-Winter kommt

Der Mann hinter Netanjahu: Yossi Cohen Foto: Flash 90

Ein Angriff auf Israels Wassersystem, mysteriöse Explosionen im Iran. Wer zwischen den Schlagzeilen liest, versteht, dass die Auseinandersetzung zwischen den beiden Staaten eskaliert. Zumindest in der virtuellen Dimension. Israel und Iran befinden sich im Cyberkrieg.

Am 2. Juli hatte es eine Explosion in der Nuklearanlage Natanz im Iran gegeben. Kurze Zeit darauf eine im Parchin-Militärkomplex, von dem Experten glauben, dass er unterirdische Tunnelsysteme und eine Raketenproduktionsstätte beherbergt. Nachdem Behörden in Teheran äußerten, dass Israel einen Cyberangriff auf Natanz ausgeübt haben könnte, geht Jerusalem von Vergeltungsanschlägen aus. Einen Beweis lieferte Teheran indes nicht.

Angeblich habe die Explosion ein Labor zerstört, in dem Zentrifugen für die schnellere Uran-Anreicherung gebaut werden. Die »New York Times« berichtete, ein Geheimdienstler aus Nahost habe bestätigt, dass das Feuer in Natanz von Israel entfacht wurde. Es sei erheblicher Schaden entstanden, der die Arbeit um Monate oder sogar ein Jahr zurückwerfe.

WENDEPUNKT Der Generaldirektor des nationalen israelischen Cyber-Direktorats, Yigal Unna, warnt angesichts der neuesten Nachrichten, dass »der Cyber-Winter viel schneller kommt, als wir angenommen hatten«. Das Wort »rasant« könne kaum beschreiben, wie schnell, verrückt und hektisch die Dinge sich derzeit im Cyberspace bewegen. »Es gibt momentan einen Wendepunkt in der Geschichte der modernen Cyber-Kriegsführung.«

Am 23. April hatte es einen digitalen Anschlag auf Israels Wassersystem gegeben, der vom Cyber-Direktorat vereitelt wurde. Obwohl es keine offiziellen Aussagen aus Jerusalem gab, dass es sich bei dem Angreifer um den Iran handelte, gehen Experten davon aus, dass das Teheraner Regime dahintersteckt. Es sei ein hochgradig abgestimmter und organisierter Angriff gewesen, meint Unna. »Wenn die Täter mit ihrem Plan Erfolg gehabt hätten, inmitten der Corona-Krise, hätte ein riesiger Schaden für die Bevölkerung entstehen können. Die Attacke war darauf angelegt, das alltägliche Leben anzugreifen.«

Damit sei dies das erste Mal gewesen, dass es nicht um Technologie oder Daten ging, sondern um Menschenleben. »Es gibt neue Regeln im Cyberkrieg«, so Unna. »In der Zukunft könnte dies Cyber gegen Cyber oder Cyber gegen konventionelle Kriegsführung bedeuten. Alles wird in Kämpfen kulminieren, die Zivilisten und kritische Infrastruktur ins Visier nehmen.«

Er sorgt sich, dass dies das erste Zeichen einer neuen Ära ist, in der sich die Angriffe gegen menschliche Ziele richten. »Jetzt befinden wir uns mitten in der Vorbereitung auf die nächste Phase. Denn die naht. Und obwohl es derzeit noch Sommer ist, deutet alles darauf hin, dass der Cyber-Winter bald kommt.« Alle Länder müssten sich jetzt darauf besinnen, was wirklich wichtig ist. Der Sicherheitsexperte ist überzeugt: »Die erste Lektion ist es, vorbereitet zu sein, die Verteidigung breiter aufzustellen und auf internationaler Ebene zusammenzuarbeiten.«

SPIONAGE Eine der Hauptrollen im Cyber-Drama spielt der Mossad-Spionagechef und nationale Sicherheitsberater Yossi Cohen. Der hätte mit seinem Filmstar-Aussehen einem Hollywood-Thriller entspringen können. Cohen, ein Vertrauter von Premier Benjamin Netanjahu, wird wegen seiner Erfolge im Sicherheitsbereich bereits als sein Nachfolger gehandelt. Der als »Spymaster« bezeichnete 58-Jährige gilt als Mastermind im Hintergrund vieler geheimer Aktionen, insbesondere in arabischen Staaten oder im Iran.

Um noch etwas mehr Spannung in die Spionagestory zu bringen, mischte sich jetzt der Politiker Avigdor Lieberman (Israel Beiteinu) ein, der am Montag im Armeeradio schimpfte: »Ich erwarte vom Ministerpräsidenten, dass er der undichten Stelle den Mund stopft.« Zwar erwähnte Lieberman Cohens Namen nicht, sagte jedoch: »Ein Geheimdienstler aus Nahost, schreibt die ›New York Times‹. Natürlich weiß jeder genau, wer das ist.« Netanjahu scheint das nicht zu stören. Er verlängerte Cohens Amtszeit prompt um sechs Monate.

Der Vertrag von Mossad-Chef Yossi Cohen wurde soeben verlängert.

»Und das ist sicher kein Zufall«, ist Yonatan Freeman, Experte für Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität, überzeugt. »Cohen ist ein fähiger Mann, der in vielen Bereichen hilft, Israels Sicherheit zu gewährleisten. Sogar dann, wenn die Bedrohungen von vielen Seiten gleichzeitig kommen.«

Auf die Frage, ob er davon ausgeht, dass Israel hinter der Explosion in Natanz steckt, gibt Freeman sich vage. »Wie Verteidigungsminister Benny Gantz sagte, können wir nicht hinter allem stecken, was im Iran geschieht. Besonders nicht in dieser schwierigen Zeit der Corona-Krise, in der Teheran riesengroße Probleme hat. Sicher ist es dem Regime ganz recht, den Fokus auf Israel zu richten, um von den eigenen Schwierigkeiten abzulenken.«

HACKING Davon abgesehen werde Israel »natürlich weiter daran arbeiten, um zu verhindern, dass der Iran Nuklearwaffen erhält«. Denn Israel sei weltweit führend in Sachen Cyber-Kriegsführung, macht Freeman deutlich. Dabei gehe es nicht nur um den Kampf mittels Hacking, um Daten, Einrichtungen oder Infrastruktur zu zerstören, sondern auch um die verdeckte Kommunikation mit relevanten Quellen. Dazu gehört etwa die Opposition im Iran oder Menschen in Feindnationen, die dort für die israelische Regierung aktiv werden könnten. Jerusalem hat stets betont, nichts gegen das iranische Volk zu haben, sondern es im Gegenteil als »Freunde Israels« zu betrachten.

Auch Freeman hat keinen Zweifel, dass der Iran und seine Stellvertreter Hamas oder Hisbollah »die Cyber-Kriegsführung gegen Israel ausweiten werden«. Vielleicht wird schon bei der nächsten Auseinandersetzung mit der Hamas mehr gehackt als geschossen, spekuliert er. Die Terrororganisation könnte versuchen, bestimmte Teile der militärischen Infrastruktur zu manipulieren oder außer Gefecht zu setzen. »Ich bin mir sicher, dass es in Sachen Cyber auch mit dieser Seite eskalieren wird. Und dann ganz bestimmt mit der Hilfe aus Teheran.«

Mittlerweile sei eine moralphilosophische Diskussion darüber ausgebrochen, was genau »Cyber-Kriegsführung« bedeutet. »Die Armeen der Welt fragen sich, ob ein Cyber-Angriff eine Kriegserklärung ist. Und ob man auf digitale Attacken nur digital antworten oder auch konventionelle Waffen einsetzen darf«, erläutert Freedman. »Es ist eine unglaublich komplexe Debatte – und sie hat gerade erst begonnen.«

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