Meinung

Den Preis zahlt nicht ihr!

Feuerwehrleute bekämpfen einen durch eine Rakete aus Gaza verursachten Brand in Beer Sheva. Foto: Flash 90 2023

Gut, dass manches, was in deutschen Tageszeitungen so veröffentlicht wird, hinter einer Paywall steht. Man möchte es nämlich gar nicht lesen. Jüngstes Beispiel war am Samstag – wieder einmal – die »Süddeutsche Zeitung«. Punkt 16 Uhr, nur Stunden nach Beginn der seit Jahrzehnten brutalsten Terrorwelle gegen Israel mit Hunderten von Toten und Verletzten, erschien auf der Website des Blattes ein Kommentar des langjährigen Israel-Korrespondenten Peter Münch.

Der brauchte keine zwei Sätze, um den angeblichen Hauptprofiteur des Ganzen auszumachen: den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Schon in der Unterzeile zu Münchs Text hieß es: »Die Hamas hat mit ihrem überraschenden Angriff Israel kalt erwischt. Die Netanjahu-Regierung wird mit aller Härte reagieren. Den Preis dafür zahlen andere.«

selbstverteidigung Im Text schlug Münch dann munter in diese Kerbe. Zwar verurteilt er pflichtschuldig die Hamas, die für eine »unerwartete Entladung gesorgt« habe »mit einem Überraschungsangriff auf Israel«, welcher »brutal, infam und durch nichts zu rechtfertigen« sei. Israels Recht auf Selbstverteidigung in einer solchen Situation stehe ja außer Frage.

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Aber dann kommt der fast schon erwartbare Schwenk. Denn für Münch sind ganz andere die Hauptschuldigen. Er schreibt: »Dennoch kann auch diese Eskalation nicht ohne Vorgeschichte betrachtet werden – und dazu gehört eine Politik der rechts-religiösen israelischen Regierung, die den Palästinensern auch noch den letzten Rest an Hoffnung auf einen eigenen Staat nimmt. Diese Regierung propagiert die Annexion besetzter Gebiete im Westjordanland. Sie plant und baut neue Siedlungen in atemberaubenden Ausmaß. Und sie lässt die Armee als Antwort auf palästinensischen Terror seit Monaten im Westjordanland mit aller Härte vorgehen. Die Hamas nutzt all das dazu, sich dem palästinensischen Volk nun wieder als einzige wirkungsvolle Kraft des Widerstands zu präsentieren.«

eskalation Mit anderen Worten: Die Tatsache, dass Israel sich mit Macht gegen Terrorangriffe wehrt, ist nicht Konsequenz, sondern Ursache der Eskalation. Münch ging aber noch weiter. Netanjahu werde das Ganze am Ende ausnutzen, um unverhältnismäßig zurückzuschlagen, behauptete er. Er werde den Krieg dazu nutzen, »einen Burgfrieden im Innern herzustellen«.

Dass eine der renommiertesten deutschen Tageszeitungen just an dem Tag, an dem Israel und seine Bevölkerung den brutalsten Angriffen ausgesetzt waren, nichts Perfideres anzubieten hatte als billige Polemik, ist ein Armutszeugnis. Hatte die SZ-Chefredaktion im Zuge der antisemitischen Netanjahu-Karikatur und anderer Fehltritte nicht Besserung gelobt? Das war wahrscheinlich Schnee von gestern.

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Den Preis zahlen andere, schrieb der SZ-Kommentator in seinem Meinungsbeitrag. Das stimmt. Denn eines ist sicher: Den Preis bezahlen weder er noch seine Zeitung, sondern die Menschen in Israel. Sie wurden nämlich angegriffen.

verantwortung Peter Münch war natürlich nicht der Einzige, der so daherredete. Aber er war in denkbar schlechter Gesellschaft. Auch Mahmud Abbas, der alternde Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, hatte Israel verantwortlich gemacht. Die Siedlungspolitik und die Besatzung seien schuld, wetterte Abbas. Andere bliesen in dasselbe Horn.

Man mag Benjamin Netanjahu und seine Regierung aus gutem Grund ablehnen, man mag sie auch für ihr Versagen, die Angriffe nicht verhindert zu haben, kritisieren. Sie aber an einem dunklen Tag wie diesem als Verursacherin des Terrors anzuprangern, war schlicht schäbig.
Am Sonntag änderte die Süddeutsche Zeitung Überschrift und Unterzeile des Kommentars. Nun heißt es: »Die Attacke der Hamas ist von purer Mordlust geprägt. Sie hat Israel kalt erwischt. Die Terror-Organisation wird für alle Opfer verantwortlich sein, auch für die in Gaza.« So ist es richtig.

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