Überwachung

Dein Freund und Schnüffler?

NSo-Überwachungssoftware auf dem Handy
Wenn Handys mit der Spyware von NSO infiziert werden, passiert das extrem unauffällig. Foto: Flash90

Überwacht, gehackt, ausspioniert. Und zwar von denjenigen, die eigentlich Freund und Helfer sein sollten. In explosiven Berichten aus Israel heißt es, dass die israelische Polizei illegal sogenannte Spyware gegen ihre Bürger einsetzte: beispielsweise gegen Bürgermeister, Journalisten, Aktivisten, Regierungsbeamte und den Sohn des ehemaligen Premierministers Benjamin Netanjahu.

Dutzende von Ermittlern der israelischen Polizei hätten demzufolge die verschiedenen Fähigkeiten der Pegasus-Software genutzt, um »geheimdienstliche Ziele zu überwachen«. Einige derer, die im Visier waren, seien tatsächlich gefährliche Kriminelle, andere Bürger jedoch wurden als »gefährlich« eingestuft, nachdem sich herausgestellt hatte, dass ihre politischen Ansichten denen der Netanjahu-Regierung widersprachen, schreibt die Wirtschaftszeitung »Calcalist«.

Demnach habe sich die Polizei etwa in die Telefone der damaligen Generaldirektoren der Ministerien für Finanzen, Justiz, Kommunikation und Verkehr gehackt, des Supermarktketten-Besitzers Rami Levy, des Top-Zeugen im Korruptionsprozess gegen Netanjahu, Ilan Yeshua, von Anführern der Proteste äthiopischstämmiger Israelis und vieler anderer.

Durchsuchungsbefehl Sämtliche Überwachung soll ohne richterliche Autorität oder Aufsicht geschehen sein. Wenn doch ein Haft- oder Durchsuchungsbefehl bei Gericht beantragt wurde, sei dies immer erst im Anschluss an das Abhören passiert, berichtete »Calcalist«.

»Pegasus« ist das Flaggschiffprodukt der israelischen NSO-Gruppe – eine Spyware, die heimlich in ein Smartphone eindringen und sich Zugriff auf alles darauf verschaffen kann, einschließlich der Benutzung von Kamera und Mikrofon. Das System ist höchst umstritten. Es wurde entwickelt, um Geräte zu infiltrieren und sie in Überwachungsapparate zu verwandeln. Das Unternehmen gibt an, es verkaufe das System nur an Regierungen und ausschließlich zum Zweck der Verfolgung von Kriminellen und Terroristen. Allerdings bestreiten das mittlerweile viele Fachleute. NSO weigert sich, seine Kunden bekannt zu geben.

Das Unternehmen steht bereits seit einer Weile in der Kritik, da mit Pegasus mehrere Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Politiker, vor allem in nichtdemokratischen Staaten, ausspioniert wurden. Der früheste gemeldete Einsatz erfolgte 2011 durch die mexikanische Regierung, um den Drogenbaron Joaquín »El Chapo« Guzmán aufzuspüren. Berichten zufolge wurde das Tool aber auch verwendet, um Personen zu überwachen, die dem ermordeten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi nahestanden.

WhatsApp Seit 2019 können Nutzer die Software auf fremden Smartphones einfach mit einem verpassten Anruf auf WhatsApp installieren und sogar die Aufzeichnung des verpassten Anrufs löschen. So kann der Besitzer des Telefons nicht erkennen, dass etwas nicht stimmt.

Shalev Hulio, der Geschäftsführer der NSO-Gruppe, äußerte sich in einem Bericht des Fernsehkanals 13 zu den Vorwürfen und erklärte, dass er mit einer (noch einzusetzenden) Kommission zur Aufklärung der Vorwürfe zusammenarbeiten wolle. Er werde zudem das von der israelischen Polizei verwendete System einfrieren, bis eine Untersuchung abgeschlossen ist. In einem Brief an seine Mitarbeiter schrieb er: »Wenn die Veröffentlichungen wahr sind, sind sie beunruhigend, empörend und dürfen in einem demokratischen Staat nicht passieren.« Sollten die Berichte zutreffen, stelle das zudem einen »groben Verstoß gegen unsere Vereinbarung mit der Polizei dar«.

Justizminister Gideon Saar versprach, die Vorwürfe gründlich zu untersuchen.

Auch Premierminister Naftali Bennett bezeichnete die Vorwürfe als sehr schwerwiegend und sagte, dass dieser Missbrauch, falls zutreffend, »in einer Demokratie nicht hinnehmbar« sei. Verschiedene Minister und Parlamentarier forderten die Einrichtung einer staatlichen Untersuchungskommission, auch Präsident Isaac Herzog sprach sich dafür aus. Justizminister Gideon Saar versprach zu Beginn der Woche, die Vorwürfe gründlich zu untersuchen. Er betonte, dass alle Beamten, die an der unbefugten Überwachung von Israelis beteiligt gewesen seien, bestraft würden. Sein Ministerium habe von alldem nichts gewusst.

Vertrauen Der amtierende israelische Polizeipräsident Kobi Shabtai bestreitet trotz des wachsenden Drucks, dass seine Beamten die Spyware illegal eingesetzt hätten. Eine interne Untersuchung der Vorwürfe habe bisher »keine Beweise für einen Gesetzesbruch« gefunden. In einem Brief an die gesamte Polizei schrieb er, dass er »volles Vertrauen in die Integrität der israelischen Polizei« habe.

In der Bevölkerung sei dieses Vertrauen jedoch beschädigt, meint der Präsident des Israel Democracy Institute (IDI), Yohanan Plesner. Er fordert »die Einrichtung einer unabhängigen Kommission, sei es in Form einer staatlichen Untersuchung oder durch einen anderen geeigneten Mechanismus, die eine gründliche, professionelle und transparente Aufarbeitung ermöglicht und die notwendigen strukturellen Schlussfolgerungen zieht«.

»Wenn sich diese Berichte bewahrheiten, werfen sie einen Schatten auf unsere Demokratie und Rechtsstaatlichkeit«, so Plesner weiter. Den Berichten zufolge habe die Polizei angeblich hemmungslos gehandelt und gleichzeitig ein grundlegendes Missverständnis der Rolle gezeigt, die sie in einer Demokratie spielen soll. »Wir befinden uns in einem kritischen Moment, das Vertrauen in die israelische Demokratie steht auf dem Spiel.« Und wenn der Ausschuss kein »kompromissloses Bekenntnis zu Unabhängigkeit und Handlungsfreiheit zeige, wird es noch weiter beschädigt«.

Abhörgesetz In Israel existiert ein Abhörgesetz, das entwickelt wurde, um die heimliche staatliche Überwachung von Gesprächen zwischen Menschen, sei es über das Telefon oder in Form der Kommunikation zwischen Computern, zu regulieren. Es verlangt immer den Erlass eines Gerichtsbeschlusses, bevor eine Überwachung eingerichtet wird, und soll ausschließlich für die Untersuchung und Verhinderung von schweren Straftaten angewendet werden. »Definitiv nicht bei Bagatelldelikten oder zur Überwachung von Demonstranten«, betonen die Forscher am IDI, Tehilla Shwartz Altshuler und Amir Cahane.

Der frühere Polizeipräsident Roni Al­sheich, unter dessen Aufsicht ein Großteil der mutmaßlichen Ausspionierung von Bürgern stattgefunden haben soll, hat sich bisher geweigert, den »Calcalist«-Bericht zu kommentieren. Er diente lange Jahre im Inlandsgeheimdienst Schin Bet, bevor ihn Netanjahu zum Polizeichef machte.

Hinter Alsheichs Rücken brodelt die Gerüchteküche. Einige Beamte äußerten sich in israelischen Medien: »Wenn es wahr ist, muss er vor Gericht gestellt werden.«

Tel Aviv

Mit Einschränkungen: Israel nimmt reguläre Flüge wieder auf

Die Zahl der Abflüge und der Passagiere pro Flugzeug begrenzt. Bei Landungen von Rückholflügen am Ben-Gurion-Flughafen kam es derweil zu Vorfällen

 07.03.2026

Teheran/Tel Aviv

Israel greift Chameneis unterirdischen Bunker an

Ein Bunker im Herzen Teherans, genutzt von Irans Elite - jetzt war er Ziel eines israelischen Angriffs. Damit will Israel laut eigenen Angaben Irans Führung und deren Fähigkeiten weiter schwächen

 06.03.2026

Jerusalem

Ministerin will Sanktionen gegen israelische Justiz von Trump

Die Leiterin des Umweltressorts, Idit Silman, wendet sich auf X an den US-Präsidenten

von Sabine Brandes  06.03.2026

Alltag

Die Sache mit dem Duschen im Krieg

Die Webseite »canishower.com« will berechnen, wann das Risiko eines Raketenalarms gering genug ist, das Wasser aufzudrehen

von Sabine Brandes  06.03.2026

Nord-Israel

»Wir lassen uns nicht unterkriegen«

Lior Shelef ist Tourguide im Norden Israels. Doch jetzt hat er wieder die Uniform angezogen und beschützt als Chef des Sicherheitsteams seinen Kibbuz und seine Familie

 06.03.2026

Interview

»Wir haben die Lufthoheit«

Oberstleutnant (Reserve) Oren Leshem über die Erfolge der israelischen Luftwaffe, die Herausforderung für die Piloten und die Ziele im Iran-Krieg

von Detlef David Kauschke  06.03.2026

Sicherheit

Israel sieht erhöhte Anschlagsgefahr für seine Bürger im Ausland

Tausende Israelis sind derzeit im Ausland gestrandet. In den vergangenen Tagen sollen bereits Anschläge auf israelische Staatsbürger verhindert worden sein. Das Land spricht deshalb nun Warnungen aus

 06.03.2026

Israel

Schulen bleiben geschlossen

Während Schüler online unterrichtet werden, dürfen Unternehmen wieder Präsenzarbeit zuzulassen – unter einer Bedingung

 06.03.2026

Tel Aviv

»Michelle«: Israel stellt seinen Eurovision-Song 2026 vor

Das von Noam Bettan gesungene Lied kann man nun auch hören

 06.03.2026