»Pub Hub«

Das Büro in der Bar

An der Theke lässt sich nicht nur entspannt arbeiten, man kommt auch leichter ins Gespräch. Foto: Sabine Brandes

Statt mit der Aktentasche ins Büro geht es in Tel Aviv zum Arbeiten an die Theke. Ob Selbstständiger, Freelancer, Blogger oder jeder andere, der einen ungestörten Platz außerhalb der eigenen vier Wände sucht, um E-Mails zu beantworten, Telefongespräche zu führen oder sich mit Kollegen und Kunden zu treffen – jeder findet mit »The Pub Hub« eine Alternative zum Café.

Die Start-up-Idee von Daniel Rubin und Doron Maman verwandelt die Orte, an denen zu späterer Uhrzeit das Nachtleben pulsiert, tagsüber in flexible Arbeitsplätze. Die beiden Unternehmer stammen aus Kalifornien und wanderten vor einigen Jahren nach Israel ein. Rubin hatte den Einfall, als er nach seinem Studium in New York arbeitete. »Ich war bei einer israelischen Start-up-Firma beschäftigt, hatte kein festes Büro in der Stadt und einen Schreibtisch in einem Gemeinschaftsbüro gemietet. Auf meinem Weg sah ich die tagsüber verschlossenen Bars und dachte: ›Da könnte man sich wunderbar mit dem Laptop hinsetzen.‹ Seitdem ging mir die Sache nicht mehr aus dem Kopf.«

»rothschild 60« Am 1. November öffnete die erste Bar, »Rothschild 60«, am gleichnamigen Boulevard im Zentrum der Stadt ihre Tür als Büro. Mittlerweile tummelt sich ein bunt gemischtes Völkchen hier, darunter neben Israelis auch Deutsche, Spanier, Amerikaner und Franzosen, die vor Laptops an der Bar sitzen, Kopfhörer auf den Ohren.

Eine von ihnen ist Patricia. »Ich schreibe für eine Firma in Deutschland Web-Content und bin hier, um zum Judentum überzutreten. Mein Arbeitgeber war so nett, mich von Israel aus arbeiten zu lassen, und das geht hier bestens. Im Café fühlt man sich irgendwann wie ein Parasit, wenn man nicht ständig etwas bestellt. Hier aber ist es perfekt.« Sie sei ohnehin nicht der Schreibtisch-Typ, also komme ihr das etwas andere Ambiente sehr gelegen, erzählt die Berlinerin. Schöner Nebeneffekt sei das Treffen mit anderen Newcomern, mit denen man sich austauschen kann. »Ich fühle mich hier pudelwohl.«

feedback Für die Gründer steht das Feedback der Kunden im Vordergrund. Mittlerweile haben sie ihre festen Jobs gekündigt und widmen sich ganz dem Pub Hub. Eine der wichtigsten Komponenten für das Gelingen sei die Beziehung zu den Eigentümern der Bar, hat Maman erfahren. »Sie stellen uns ihre eigenen Räumlichkeiten zur Verfügung, das ist ein absolutes Vertrauensverhältnis. Wenn es nicht stimmt, klappt es nicht.«

Daneben müssen sie auf verschiedene praktische Dinge achten, etwa ob es ausreichend Beleuchtung, Sitzmöglichkeiten mit Lehnen und nicht nur Barhocker gibt. Für alles Weitere sorgen Rubin und Maman selbst: konstantes kabelloses Internet, Kaffee, Wasser sowie kleine Snacks sind ebenfalls im Preis inbegriffen.

Das Abonnement, bei dem man sonntags bis donnerstags von 9 bis 17.30 Uhr arbeiten kann, kostet pro Woche 225 Schekel (55 Euro), im Monat 500 Schekel (120 Euro), den ersten Schnuppertag gibt es umsonst. »Das ist ungefähr der Preis von einem Getränk am Tag in einem Café«, rechnet Rubin aus. »Es lohnt sich also.« Dennoch wissen beide, dass es bei vielen eine mentale Barriere gibt, wenn sie hören, dass sie in einer Bar arbeiten können. »Viele sind zuerst irritiert davon«, meint Maman, »aber wir arbeiten hart daran, dass sich das ändert.«

start-up Evan Fleisch aus New York stört es nicht. Im Gegenteil. Dem Angestellten einer jungen Start-up-Firma gefällt vor allem, dass er sich ausbreiten kann, ohne dass ihn jemand darauf anspricht. »Niemand meckert, wenn ich mein Zeug quer über den Tisch verteile. Ich kann mir meinen Arbeitsplatz selbst gestalten, das ist definitiv besser als im Café.« Außerdem koste es weniger als die Hälfte eines Schreibtisches in den großen Work-Sharing-Plattformen. Der New Yorker hat vor, jeden Tag herzukommen, und freut sich darauf, dass er nicht mehr darum bangen muss, ob es im Lokal einen freien Tisch gibt oder das Internet funktioniert.

Einer der großen Vorteile ihrer »Büro-in-der-Bar-Initiative« im Vergleich zu den in Israel immer mehr werdenden Gemeinschaftsbüros, in denen man sich einen (oder mehrere) Schreibtische in einem Großraumbüro mieten kann, sei die Individualität. »Die Co-Working-Spaces stellen sich auf die Start-up-Szene und Unternehmen ein, aber wir widmen uns Einzelpersonen, die einen Arbeitsplatz suchen.«

kunden Dafür wollen sie wissen, was ihre Kunden wünschen. Jeden Freitag verteilen sie einen Fragebogen zu den Erfahrungen der Woche. »Wenn etwas darauf steht, was nicht so toll war, machen sich Daniel und Doron sofort daran, es besser zu machen. Das finde ich klasse«, schwärmt Patricia.

Die Gründer sind sicher, dass es in der nahen Zukunft ein ganzes Netzwerk aus Bars zum Arbeiten geben wird. »Die Leute sitzen noch immer in Cafés und brauchen Platz zum Arbeiten«, ist Rubin sicher. Sein Partner fügt hinzu, dass die Barbesitzer über die Doppelnutzung begeistert und die Kunden happy sind. »Es ist eine absolute Win-win-Situation.«

www.thepubhubs.com

Avi Gil (in Uniform), links von Benjamin Netanjahu

Explosives Interview

»Die Geiseln hätten früher zurückkehren können«

Der ehemalige Militärsekretär des Premiers, Avi Gil, erhebt schwere Vorwürfe: Warnungen vor dem 7. Oktober seien ignoriert, Abkommen aus politischen Gründen verhindert und Protokolle manipuliert worden. Netanjahu weist die Anschuldigungen zurück

von Sabine Brandes  11.10.2026

Nahost

IDF: Terrorinfrastruktur in Gaza zerstört

Israelische Armee und Sicherheitsbehörden haben nach eigenen Angaben im Gazastreifen Waffenlager, eine Raketenabschussrampe und eine Kommandozentrale zerstört. Verteidigungsminister Katz droht dem neuen Hamas-Chef

 11.10.2026

Passagiere am Flydubai-Schalter am Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv, 30. September

Vereitelter Terroranschlag

Flydubai-Passagiere wollen auf Hunderte Millionen klagen

Nach dem versuchten Anschlag an Bord des Fluges nach Tel Aviv bereiten Israelis Klagen gegen die Airline und möglicherweise mehrere Staaten vor

von Sabine Brandes  11.10.2026

Gesellschaft

Hamas-Massaker überschattet Israels Wahlkampf

Die meisten Israelis sehen den 7. Oktober als wichtigen Faktor für ihre Wahlentscheidung. Umfragen zeigen, dass weder Netanjahus Lager noch die Opposition die Mehrheit erhält

von Sabine Brandes  11.10.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Nahost

Bericht: Iran kann noch immer Raketen und Drohnen produzieren

Teheran soll demnach weiterhin gut ausgestattet mit Raketen sein und schnell nachproduzieren können. Die USA sollen zudem Israel gedrängt haben, Iran erneut anzugreifen – alleine

 11.10.2026

Nahost

Der Lieberman-Plan

Soll das Westjordanland neu verwaltet werden?

von Sabine Brandes  10.10.2026

Kino

Ich habe »Naza« gesehen, und es ist ein übles Stück Propaganda

Es ist erschreckend zu sehen, wie große Teile der Filmwelt sich gerade selbst zu nützlichen Idioten der Hamas degradieren, indem sie ihr von Lügen und Blut getränktes Narrativ übernehmen

von Philipp Peyman Engel  10.10.2026

Essay

Drei Jahre nach dem 7. Oktober: Die Grenzen universitärer Selbstgewissheit

Antisemitismus ist an Universitäten längst kein Ausnahmeproblem mehr. Drei Jahre nach dem 7. Oktober stellt sich deshalb eine unangenehmere Frage: Was haben Universitäten über sich selbst gelernt?

von Frederek Musall  09.10.2026

Luftfahrt

Wer kontrolliert die Flüge nach Israel?

Nach dem vereitelten Anschlag auf einen Flydubai-Flug gerät das israelische Sicherheitssystem für ausländische Airlines unter Druck

von Sabine Brandes  08.10.2026