Jerusalem

Chagalls Schüler

»Ich hatte schon Jahre zuvor die klare Vision, diese ganz besondere Arbeit von Chagall einmal persönlich weiterzuführen«: Yvelle Gabriel Foto: pr

Wenn man in Mainz zur Welt kommt, führt kein Weg an den Chagall-Fenstern vorbei», sagt Yvelle Gabriel. Für den 1969 geborenen Glaskünstler sind die von Chagall entworfenen und bemalten, ab 1978 in der Mainzer Pfarrkirche St. Stephan eingesetzten neun Fenster ein «positives Mahnmal».

In diesem Jahr konnte der gebürtige Mainzer eine besondere Hommage an den berühmten jüdischen Malerpoeten verwirklichen. Am 17. Mai wurde die neue Synagoge des Sheba Medical Center in Ramat Gan, eines der größten Krankenhäuser Israels, eingeweiht. In Zusammenarbeit mit dem Glaskünstler Gilles Florent entwarf und bemalte Yvelle Gabriel die Synagogenfenster, einen Toraschrein und ein Deckenobjekt.

Mainz «Es ist ein langer Prozess gewesen», erzählt Gabriel über das mehrjährige, aufwendige Kunstprojekt. Beim Treffen in der Mainzer Altstadt, einem Viertel mit vielen Cafés und kleinen Läden, wirkt er offen und kommunikativ. Beim Gang durch die Altstadtgassen wird Gabriel von zahlreichen Passanten gegrüßt. «In Mainz kennt man nicht nur jeden Stein, sondern auch jeden auf der Straße», sagt er.

Seine Erscheinung – lange Haare, ergrauter Bart, weit aufgeknöpftes Hemd – könnte ihn im ersten Moment als Rockmusiker oder Aussteiger ausweisen. Yvelle Gabriel ist, wie sich herausstellt, zwar ein spirituell bewegter, gleichzeitig aber auch reflektierter Mensch und Künstler.

Vor etwa sieben Jahren lernte er Zeev Rotstein, den damaligen Direktor des Sheba Medical Center, auf einer Spendengala kennen, erzählt Gabriel. Rotstein fragte den Künstler, der selbst nicht jüdisch ist, ob er an einem internen Wettbewerb für die Gestaltung der Synagoge teilnehmen wolle. Yvelle Gabriel nahm das Angebot an. «Ich habe mich zwei Monate lang im Atelier eingeschlossen und mich in die Themen Kabbala, Mystik und jüdische Symbolik eingelesen», erinnert er sich. Während der Recherche habe er außerdem mehrere Rabbiner getroffen, sagt Gabriel.

konzept Sein erstes Konzept für Fenster und Toraschrein präsentierte Gabriel 2011 in Israel. Die Präsentation habe Zeev Rotstein berührt, berichtet der Künstler. «Nach dem Film war er drei Minuten still.» Yvelle Gabriel hatte den Wettbewerb für sich entschieden.

Seine Synagogenfenster sieht Gabriel auch als Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. «Man kann das nur mit Hingabe, Liebe und Zuhören tun», sagt er. Die Schoa habe man als Deutscher in Israel immer im Hintergrund, betont Gabriel. «Das, was geschehen ist, kann nicht gesühnt werden», meint der Künstler. «Wir können uns immer wieder neu begegnen.»
Marc Chagall spielt für sein Projekt eine wegweisende Rolle. 1959 erhielt Chagall den Auftrag, Fenster für die Synagoge des Hadassah Medical Center im Jerusalemer Stadtteil En Kerem zu gestalten.

Sie wurden im Februar 1962 in Chagalls Beisein eingeweiht. «Ich hatte schon Jahre zuvor die klare Vision, diese ganz besondere Arbeit von Chagall einmal persönlich weiterzuführen», schreibt Yvelle Gabriel in einem Konzeptpapier.

Immer wieder erwähnt Yvelle Gabriel seine Beschäftigung mit der deutschen Geschichte. Er sei nicht weit von Osthofen im rheinland-pfälzischen Landkreis Alzey-Worms aufgewachsen, erzählt Gabriel – in der Nähe eines ehemaligen Konzentra-
tionslagers, von dem Anna Seghers’ Roman Das siebte Kreuz handelt. Sein Großvater war «wie fast alle in seiner Generation zutiefst von der nationalsozialistischen Bewegung geprägt».

Künstler Als Jugendlicher sei er selbst von mehreren Neonazis brutal zusammengeschlagen worden, sagt Gabriel. Diese Erfahrung habe er 2001 in einer 20-minütigen Performance verarbeitet – sein erster öffentlicher Auftritt als Künstler. Zuvor hatte er seine leitende Position in einer erfolgreichen Mainzer Werbeagentur spontan aufgegeben. «Ich hatte eine sehr tiefe mystische Erfahrung», begründet er diesen Schritt.

Sein künstlerischer Weg führte Yvelle Gabriel – zu jener Zeit noch als Yvelle von Alzheim – zunächst zur Malerei. In einem früheren Interview sprach er von seiner damaligen Kunst als «therapeutischer Ausdrucksform». Mehr als zehn Jahre dauerte diese Schaffensphase, bevor Gabriel zur Glaskunst kam – für ihn eine «heilende Kunst». Er hat inzwischen einige Auftragsarbeiten verwirklicht und unter anderem Fenster für ein Kinderhospiz gestaltet.

Nach mehreren Zwischenstationen im Ausland sowie in der Vulkaneifel hat sich Yvelle Gabriel wieder ein Atelier in Mainz eingerichtet. Mit seiner Familie lebt er in einem alten Bauernhaus an der Lahn. An seinen Glaskunstprojekten arbeitet Gabriel in einer größeren Glaswerkstatt in Taunusstein nahe der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden. Dort wurden 2012 die ersten Glasmuster für Gabriels Synagogenprojekt produziert. Im Atelier Simon Marq im französischen Reims, wo Marc Chagall seine Fenster für Jerusalem und Mainz fertigte, wurde das erste Stück der vorderen Glasfenster hergestellt – nach Gabriels Darstellung war das ein symbolischer Auftakt des Projekts.

Im Juni 2017 eröffneten Yvelle Gabriel und Gilles Florent ein temporäres Glasstudio in der israelischen Stadt Ramla. Sie konnten Räume des dort ansässigen christlich-arabischen Metallkünstlers Nihad Dabeet nutzen. In Ramla wurden die Synagogenfenster schrittweise gefertigt, berichtet Gabriel.

gebet Das Projekt habe «unglaubliche Tiefe» und «eine Dynamik bekommen, die mich selbst überrollt hat», sagt er rückblickend. Das erste Gebet in der gerade eingeweihten Synagoge, das er persönlich erlebte, beschreibt Gabriel als «größte Erfahrung, die ich je hatte».

Womöglich trug auch seine Gestaltung zur Intensität des Erlebten bei. Die beiden sechs Meter hohen Frontfenster lehnen sich formal an die Fenster der Neuen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße an. Gabriel bezeichnet die 1938 geschändete und in Brand gesteckte, aber nicht zerstörte Neue Synagoge als «Symbol der Erhaltung der jüdischen Kultur, der Hoffnung und des Überlebens».

Die Synagogenfenster des Sheba Medical Center sind farbenprächtig gestaltet und reich an Symbolik. Gabriel illus­triert in abstrakten und gegenständlichen Formen biblische Themen wie Genesis und Exodus, setzt aber auch Symbole aus Forschung und Medizin ins Bild. Die Frontfenster werden von Löwen, dem Wappentier Jerusalems, und mehreren Davidsternen gekrönt. Der aus tiefblau gefärbtem Antikglas hergestellte Toraschrein hängt an geflochtenen Stahlseilen von der Decke herab. Über der Bima ist ein rundes, als Oberlicht dienendes Glasobjekt angebracht, dessen Gestaltung an die letzten, 1985 eingesetzten Mainzer Glasfenster von Marc Chagall erinnert.

Kirche So ist es nur konsequent, dass auf das Gespräch mit Yvelle Gabriel ein gemeinsamer Besuch der Kirche St. Stephan folgt. Die Chagall-Fenster und die zwischen 1989 und 2000 hinzugefügten, von Charles Marq entworfenen Fenster tauchen die katholische Pfarrkirche in ein überwältigendes, strahlendes Blau.

Gabriel zeigt sich bewegt und berührt – auch von einer Kalligrafie-Ausstellung des in Pakistan geborenen, seit Jahrzehnten in Deutschland lebenden Künstlers Shahid Alam. Gabriel sucht das Gespräch mit dem Künstler, anschließend zündet er eine Kerze an.

Im entrückten blauen Licht von St. Stephan wird Yvelle Gabriels Motivation mit einem Mal nachvollziehbar. Dort könnte ein Ursprung seiner künstlerisch-spirituellen Suche nach Versöhnung liegen.

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