Washington/Jerusalem/Gaza

Biden droht Israel mit Beschränkung von Waffenlieferungen

Präsident Joe Biden mit seiner Sprecherin Karine Jean-Pierre am Mittwochabend (Ortszeit) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

US-Präsident Joe Biden hat Israel für den Fall eines Großangriffs auf die Stadt Rafah im Gazastreifen offen mit der Beschränkung von Waffenlieferungen gedroht. Falls das israelische Militär für eine Offensive in dicht bevölkerte Teile der Stadt einmarschiere, werde dies Konsequenzen bei den US-Waffenlieferungen haben, sagte Biden in einem Interview des Fernsehsenders CNN, das am Mittwochabend (Ortszeit) ausgestrahlt wurde.

In Rafah will Israel gegen die letzten Batallione der palästinensischen Terrororganisation Hamas vorgehen, die auch den aktuellen Krieg begann. Auch hält sie weiterhin 128 Geiseln in Gaza fest. Sie wurden vor sieben Monaten und einem Tag vom Süden Israels aus verschleppt.

Für eine großangelegte Invasion in Rafah werde seine Regierung nicht die Waffen bereitstellen, erklärte Biden. Die USA haben wegen Israels bisherigem Vorgehen in Rafah im Süden des Gazastreifens bereits eine Munitionslieferung an die israelischen Streitkräfte zurückgehalten.

»Rote Linie«

Israelische Soldaten waren in der Nacht zu Dienstag in Teile der Stadt Rafah vorgerückt. Die Armee übernahm dort eigenen Angaben nach auch die Kontrolle des Grenzübergangs auf palästinensischer Seite. Der Einsatz in Rafah zielt nach Angaben des israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu darauf ab, die verbliebenen Geiseln aus der Gewalt der Hamas zu befreien und die Terrororganisation zu zerschlagen – zur Sicherheit der israelischen Bevölkerung.

Die USA als wichtigster Verbündeter Israels hatten Israels Regierung in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder vor einer großen Bodenoffensive in Rafah gewarnt, weil Hunderttausende Zivilisten dort Schutz suchen. Biden sprach im März von einer »roten Linie«, die Israel nicht überschreiten dürfe. Auch die Bundesregierung hat vor einem solchen Schritt gewarnt.

Nun argumentierte der US-Präsident, das israelische Militär sei noch »nicht in die Bevölkerungszentren vorgerückt - was sie getan haben, ist direkt an der Grenze«. Auf Nachfrage, ob die von ihm definierte rote Linie seiner Einschätzung nach also bislang nicht überschritten sei, sagte Biden: »Noch nicht.«

Zunehmend unter Druck

Er betonte aber, die US-Regierung habe bereits eine Waffenlieferung aufgehalten. Und er habe Netanjahu und dessen Kriegskabinett klargemacht, dass sie nicht mit US-Unterstützung rechnen könnten, »wenn sie tatsächlich in diese Bevölkerungszentren gehen«. Es sei »einfach falsch« - und die USA könnten dafür nicht die Waffen und Artilleriemunition bereitstellen.

In den vergangenen Wochen hatte Israel allerdings mehrfach angekündigt, im Falle einer Offensive gegen den Terror in Rafah für eine Evakuierung der Zivilisten sorgen zu wollen. Dennoch wird der jüdische Staat diesbezüglich zunehmend unter Druck gesetzt.

Das Weiße Haus gab keine Einzelheiten über die Waffenlieferungen bekannt. Auf Nachfrage zu entsprechenden Medienberichten, wonach die zurückgehaltene Lieferung Tausende Bomben umfassen soll, sagte Bidens Sprecherin Karine Jean-Pierre, sie werde diese nicht kommentieren.

»Bomben und andere Methoden«

In dem CNN-Interview wurde der US-Präsident gefragt, ob mit dem Typ an US-Bomben, deren Lieferung vorerst auf Eis liege, Zivilisten in Gaza getötet worden seien. Biden sagte dazu: »Zivilisten wurden im Gazastreifen infolge dieser Bomben und anderer Methoden, mit denen sie Bevölkerungszentren angreifen, getötet.«

Tatsächlich geht Israel in Gaza gegen den palästinensischen Terror vor. Die IDF versuchen, Opfer unter Zivilisten so gut es geht zu verhindern. Sie richten Fluchtrouten ein, warnen Bewohner und fordern sie zur Evakuierung gefährlicher Gebiete auf.

Biden machte neben den Drohungen und der Kritik deutlich, die US-Regierung werde weiter sicherstellen, dass Israel ausreichend militärische Ausrüstung zur eigenen Verteidigung habe, etwa mithilfe des Raketenabwehrsystems »Iron Dome«. Die Vereinigten Staaten stünden für Israels Sicherheit ein, versprach er.

Verbündete im Clinch

Die USA sind die wichtigste Schutzmacht Israels und unterstützen das Land jedes Jahr mit Milliardenbeträgen, von denen ein beachtlicher Teil in Raketenabwehr und andere Militärtechnik fließt. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind derzeit angespannt wie nie.

Biden hatte seine Wortwahl gegenüber der israelischen Führung in den vergangenen Wochen deutlich verschärft und Netanjahu mehrmals eindringlich aufgerufen, Zivilisten in Gaza besser zu schützen und mehr Hilfslieferungen in den abgeriegelten Küstenstreifen zu lassen.

In dem CNN-Interview beklagte er nun zugleich, viele Menschen hätten vergessen, was im Oktober in Israel geschehen sei und den Konflikt ausgelöst habe. dpa/ja

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

Nahost

Iran droht USA mit Angriffen

Die USA blockieren Schiffe mit Ziel iranischer Häfen. Teheran droht mit Konsequenzen für die fragile Waffenruhe

 15.04.2026

Studie

Israelische Forscher sehen Zusammenhang zwischen Corona-Infektion und Lungenkrebs

Das Spike-Protein des Coronavirus könnte nach Angaben der Autoren schädliche Prozesse im Lungengewebe auslösen

 15.04.2026

Streit

Israel wirft Südkoreas Präsidenten vor, Massaker an Juden zu verharmlosen

Lee Jae-Myung zog einen Vergleich zwischen einem angeblichen Vorgehen Israels gegen palästinensische Kinder und dem Holocaust. Das Jerusalemer Außenministerium bezeichnet dies als »inakzeptabel«

 15.04.2026

Meinung

Wie die UN indirekt den Holocaust relativieren

Die kürzlich angenommene Resolution zur Aufarbeitung des transatlantischen Sklavenhandels ist ein Akt des geschichtspolitischen Revisionismus

von Jacques Abramowicz  15.04.2026

Jerusalem

Mossad-Chef: Einsatz gegen Iran erst mit Regime Change beendet

»Unsere Mission ist noch nicht beendet«, sagt David Barnea

 15.04.2026

Diplomatie

Prosor kritisiert israelischen Minister wegen Merz-Schelte

Der israelische Finanzminister Bezalel Smotrich hatte dem Bundeskanzler nach dessen Kritik an der Siedlungspolitik vorgeworfen, Juden vorschreiben zu wollen, wo sie leben sollen

 14.04.2026

Umfrage

Große Mehrheit jüdischer Israelis unterstützt Fortsetzung des Krieges gegen Hisbollah

Befragt wurden Bürger auch zu den Streitkräften und der Regierung von Benjamin Netanjahu

 14.04.2026

Nahost

Historische Verhandlungen zwischen Israel und Libanon

Zum ersten Mal seit mehr als 40 Jahren führen Beirut und Jerusalem direkte Gespräche auf politischer Ebene. Können sie zu einem Durchbruch im aktuellen Konflikt führen?

von Amira Rajab, Cindy Riechau  14.04.2026