Einberufung

»Aus dem Reich des Bösen«

Dauergebete gegen die Wehrpflicht: Charedi-Protest in Jerusalem Foto: Flash 90

Die charedische Welt ist in Aufruhr. Die verschiedenen Gruppen – einander sonst oft spinnefeind – sind so einig wie nie zuvor. Der Grund ist das neue Armeegesetz. Am 12. März bestätigten es die Parlamentarier in der Knesset in zweiter und dritter Lesung. Damit wurde eine der schlimmsten Befürchtungen der ultraorthodoxen Gemeinde wahr: Jeschiwastudenten müssen zur Armee. Weigern sie sich, drohen empfindliche Strafen, im Extremfall sogar Gefängnis.

Anschließend tönten die wüstesten Verwünschungen durch die Hochburgen der Frommen, Mea Schearim, Bnei Brak, Safed und Beit Schemesch. Kaum eine Bezeichnung für das »Böse« wurde dabei ausgelassen. In Anlehnung an die Purimgeschichte, in der Haman die Juden töten lassen will und Mordechai sie rettet, sagte Rabbiner Jakov Ascher von der Partei Jahadut Hatora: »Ich habe Lapid gesagt, Mordechai wird sich nicht unterkriegen lassen.«

Ob säkular, konservativ oder nationalreligiös: Für die meisten Menschen in Israel ist es keine Frage, dass der Militärdienst eine Bürde ist, die alle gleichermaßen tragen müssen. Eine Gruppe jedoch war seit der Staatsgründung davon ausgenommen: Studenten der Tora. Was zu Zeiten Ben Gurions mit einigen Hundert begann, wurde im Laufe der Jahre zu einem Massenphänomen. Befürworter der Gleichheit nannten diese Ausnahme »eine gesellschaftliche Pest«.

Immer mehr junge ultraorthodoxe Männer schrieben sich an den Religionsschulen ein, anstatt sich die olivgrüne Kluft überzustreifen. Zuletzt waren es Zehntausende. Viele, das bestätigten interne Quellen immer wieder, würden dort lediglich pro forma als Studenten geführt. Der Unmut in der restlichen Bevölkerung über die Ungleichbehandlung wuchs stetig.

Rettung Die Charedim indes konnten und können nichts Verwerfliches an ihrer Haltung finden. Sie sind der Auffassung, dass es das Torastudium und nicht die Armee ist, das Israel immer wieder rettet. »Wir würden eine ausländische Regierung einer solchen vorziehen, die es uns nicht erlaubt, nach den Gesetzen der Tora zu leben«, polemisierte der Abgeordnete Yisrael Eichler von der Partei Vereintes Tora-Judentum.

»Diese Regierung ist eine von Ungläubigen, die den Söhnen der jüdischen Religion ihre schlechte Kultur aufzwingen will. Heute gibt es keinen Unterschied zwischen Meretz, den Arabern, den Siedlern und Likud. Sie werden von Lapid, Bennett, Netanjahu und Lieberman vertreten. Doch wir werden mit allen legalen Mitteln in Israel und der ganzen Welt gegen dieses Gesetz kämpfen.«

Als in der Woche zuvor Hunderttausende Charedim friedlich in Jerusalem gegen die Einberufungen auf die Straße gegangen waren, sah man die unterschiedlichen Sekten vereint. Yossi Deutsch, stellvertretender Bürgermeister der Stadt und einer der Hauptorganisatoren der Demo, bestätigt: »Sogar intern hat niemand geglaubt, dass so etwas möglich ist. Wir waren überrascht, wie einheitlich die Überzeugung der verschiedenen Gruppierungen ist. Das zeigt, dass die Charedim auf keine Regierung hören werden. Sie machen das, was ihre Rabbiner sagen.« Deutsch betonte, er könne sich an keine Zeit erinnern, in der streng religiöse Menschen in Israel so gehasst wurden wie dieser Tage. »Es findet die reinste Aufwiegelung gegen die Charedim statt.«

Aus Solidarität mit ihren »israelischen Brüdern« gingen auch in New York mehrere Zehntausend Ultraorthodoxe auf die Straße. Anschließend schrieb die US-Ausgabe der Zeitung Yated Neeman mit einem Seitenhieb auf Finanzminister Yair Lapid, der erst kürzlich das Kindergeld empfindlich gekürzt hatte: »Es wird ein Krieg gegen die charedische Gemeinschaft in Israel geführt. Eine Regierung, die Brot und Milch aus den Mündern von Babys stiehlt, kann nicht als eine bezeichnet werden, die sich für unsere Belange einsetzt.«

Integration Lapid, der bereits vor der Wahl die Gleichheit in Sachen Militär auf die Fahnen seiner Partei Jesch Atid geschrieben hatte, sonnte sich am Mittwoch vergangener Woche in seinem Erfolg. Das neue Einberufungsgesetz sei revolutionär, sagte Lapid. »Jetzt ist es an der Regierung und der Armee, für die korrekte Integration der Charedim in der Armee und auf dem Arbeitsmarkt zu sorgen, damit die gesamte Bevöl- kerung sie akzeptiert.«

Kein gutes Haar an dem Ergebnis ließen wie erwartet die Ultraorthodoxen selbst. Mosche Gafni (Vereintes Tora-Judentum) schimpfte, der Staat Israel habe an diesem Tag das Recht verwirkt, sich jüdisch und demokratisch zu nennen. »Die charedische Bevölkerung wird nicht vergessen oder vergeben – weder Netanjahu noch seinen Helfershelfern.« Gafni drohte, dass kein Jeschiwastudent zur Armee gehen werde. »Nicht heute und nicht in der Zukunft.«

Verabschiedet worden war das umstrittene Gesetz vor einem fast leeren Plenarsaal mit 67 Ja- und lediglich einer Gegenstimme. Die Opposition war der Abstimmung ferngeblieben. Dass die ultrafrommen Parteien wie Schas und Vereintes Tora-Judentum nicht anwesend waren, hatte man erwartet. Die Arbeitspartei jedoch schockierte mit ihrem Boykott. Lapid unkte, deren Chef Yitzhak Herzog wolle sich aus der Verantwortung stehlen. »Statt über so etwas Wichtiges wie diese Änderung abzustimmen, werden politische Pfründen gesichert.« Der Finanzminister wirft der Arbeitspartei vor, sich mit Blick auf die nächste Wahl mit Schas verbünden zu wollen.

Quoten In der Purimausgabe der ultraorthodoxen Zeitung Yated Neeman wurde die Regierung mit Premierminister Benjamin Netanjahu an der Spitze als »Königreich des Bösen« bezeichnet. »Sein Ziel ist es, die Stimme der Tora verstummen zu lassen«, hieß es dort. Auch die Quote, mit der 1700 herausragende Jeschiwastudenten jährlich vom Armeedienst befreit werden sollen, gefällt den Frommen nicht. Das sei wie in der Diaspora, hieß es im Leitartikel, als für Juden Quoten eingeführt wurden.

Auch in der Ausgabe für Kinder, Yated Schlanu, war das Armeegesetz Thema. Die nationalreligiöse Partei Beit Hajehudi etwa wurde als »säkular« bezeichnet, die Armee verulkt. Die hebräische Bezeichnung Zahal steht für »Armee zur Verteidigung Israels«. Doch das sei ein ganz und gar unpassender Name, sollen schon die jüngsten Leser wissen. »Denn schließlich ist die beste Verteidigung für Israel einzig und allein das Studium der heiligen Tora.«

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