Binnenflüchtlinge in Israel

Auf sich allein gestellt

Sie wartet mit ihrem vollgepackten Rucksack in der Lobby. Doch Shachar Tzuk reist nirgendwohin. Sie ist auch nicht gerade erst eingetroffen. Jeder hier kennt sie mit Namen, die Frauen an der Rezeption, der junge Mann an der Bar. »Schalom, Shachar, ma nischma?«, fragen sie freundlich. »Wie geht’s?« Die 32-Jährige ist Dauergast im Hotel Port Tower im Süden von Tel Aviv. Dabei würde sie sich nie als Gast bezeichnen. »Ich bin eine Geflüchtete.« Seit mehr als sieben Monaten muss die Israelin im Hotel leben. Denn ihr Zuhause, den Kibbuz Kfar Aza, gibt es nicht mehr.

Das Zimmer, in dem sie lebt, möchte sie ungern zeigen. »Es ist nicht wie in einer Wohnung, wohin man jemanden einlädt und die Tür zum Schlafzimmer zumacht«, erklärt sie. »Ich habe einen kleinen Raum, mittendrin steht das Bett, und ein Bad.« So wohnt sie bereits seit Anfang November.

Auf die Frage, wie lange das weitergehen wird, hat sie keine Antwort. Es ist kein Leben wie im Hotel und doch ein Leben im Hotel. Eine der größten Schwierigkeiten: die eingeschränkte Privatsphäre. »Wir essen Frühstück, Mittag und Abendessen im Speisesaal. Jeder weiß alles über die anderen. Sich als Familie im eigenen Heim zusammensetzen und etwas besprechen, das gibt es nicht.«

Die Ungewissheit ist mit das Schwierigste des derzeitigen Lebens.

Am 7. Oktober 2023, als die Terroristen der Hamas ihr Zuhause überrannten, Familienangehörige, Freunde und Bekannte ermordeten, war Shachar mit ihren Eltern, ihrer Ehefrau, dem Bruder und der Schwägerin zu einem Wochenendausflug in einen anderen Kibbuz gefahren. »Ich hatte einen kleinen Koffer mit etwas Kleidung dabei, mehr nicht.« Aus Sicherheitsgründen durfte sie danach drei Wochen nicht in ihre Wohnung. »Ich lebte aus Plastiktüten und saß ständig im Waschsalon. Es war die schwerste Zeit.«

»Eines Tages wollte ich meine Lieblingshose anziehen, für die ich einen Gürtel brauche. Aber so sehr ich suchte, ich fand ihn nicht«, erzählt sie. Da sei sie durchgedreht. »Nichts ging mehr. Ich habe nur noch geweint, geschrien und musste zu meiner Therapeutin, um Beruhigungsmittel zu bekommen.« Es sei nicht wirklich um den Gürtel gegangen, »aber er stand stellvertretend für alles, was ich seit dem 7. Oktober verloren habe, und ich konnte nicht noch eine Sache verlieren«. Shachar ist mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung diagnostiziert.

Für einen kurzen Moment in der Wohnung, um persönliche Dinge zu holen

Als sie schließlich für einen kurzen Moment in ihre Wohnung durfte, um persönliche Dinge zu holen, sah sie dort alles von den Terroristen verwüstet. »Ich schnappte mir meine Gitarre, Fotoalben und bin wieder raus, es fühlte sich an, als sei ich vergewaltigt worden.« Vor der Tür wehte immer noch die LGBTQ-Flagge, die sie aufgehängt hatte. »Wäre ich am 7. Oktober zu Hause gewesen, wäre ich tot.«

Kurz nach dem »Schwarzen Schabbat« wurde sie von ihrer Frau verlassen. »Sie hat das alles nicht ausgehalten und verschwand plötzlich aus meinem Leben.« Das Gefühl von »Zuhause« vermisst Shachar schmerzlich. »Ich habe meine Wohnung, meinen Zufluchtsort geliebt. Ich wäre so gern noch länger geblieben, wenn auch nur, um Erinnerungen zu sammeln.«

Die Menschen aus den südlichen Gemeinden in der Nähe des Gazastreifens sind nicht die Einzigen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden. Insgesamt flüchteten nach dem 7. Oktober etwa eine Viertelmillion Menschen, entweder vor den Angriffen und dem Raketenterror der Hamas im Süden oder dem Dauerbeschuss der Hisbollah im Norden. Sie kamen in Hotels im ganzen Land, bei Verwandten und Freunden unter.

Die offiziellen Zahlen über die israelischen Binnenflüchtlinge beruhen auf Schätzungen des nationalen Informationszentrums für ziviles Krisenmanagement. Mittlerweile sind viele Menschen wieder in ihre Häuser zurückgekehrt. Vor allem jene, die nicht per Regierungsanordnung evakuiert wurden, sondern auf eigene Faust ihre Koffer gepackt hatten.

Zurück zum Terror, zurück zu der Angst

»Wie sollten wir es bezahlen?«, fragt beispielsweise Mira Amar aus Aschkelon, die mit ihrer Familie vor den Raketen in ein Hotel am Toten Meer flüchtete. »Nach sechs Wochen, als klar war, dass wir kein Geld vom Staat bekommen, fuhren wir nach Hause. Zurück zum Terror, zurück zu der Angst. Was sollten wir machen? Unser Haus verkaufen, um ein Hotelzimmer zu bezahlen?«

Auch viele von jenen, die auf Anweisung der Regierung evakuiert wurden, fühlen sich vom Staat alleingelassen. Victor Weinberger, der zwar selbst nicht im Süden lebte, doch dank seiner Ehefrau, wie er sagt, »30 Jahre lang mit Kfar Aza verheiratet ist«, hat sich zur Aufgabe gemacht, auf eigene Initiative hin Geld aufzutreiben. Er wurde für den Kibbuz zum Direktor für Strategie und Planung ernannt. Denn genau das würde bei der Regierung fehlen. »Wir fühlen uns vom Staat verlassen, sind voll und ganz auf uns allein gestellt.«

Fünf Monate lang lebten die 450 Kibbuzniks in Hotelzimmern im Kibbuz Shfaim, Eltern mit Babys, Kleinkindern, Teenagern, Haustieren. »Es war eine extrem komplizierte Dynamik, und es gab viele Spannungen«, weiß Weinberger zu berichten. Mittlerweile stehen auf einem Feld hinter dem Hotelkomplex 50 mobile Häuser. »Sie sind zwar kein wirkliches Zuhause, bringen aber etwas Erleichterung.« Derzeit wird an einer neuen Siedlung mit mobilen Unterkünften in der Nähe von Ruhama in der Negev­wüste gebaut.

Etwa 35.000 Menschen aus dem Süden Israels sind nach wie vor vertrieben, rund weitere 70.000 aus dem Norden

Etwa 35.000 Menschen aus dem Süden Israels sind nach wie vor vertrieben, rund weitere 70.000 aus dem Norden des Landes. Einer von ihnen ist Itai Gonel aus dem Kibbuz Dan, zwei Kilometer von der Grenze zum Libanon entfernt. Auch heute wohnt er im »Dan«. Sein »Zuhause« nennt er das gleichnamige Hotel in Haifa jedoch nicht. Hier ist er seit mehr als acht Monaten mit seiner Familie untergebracht.

Vor Kurzem sprach er mit einem Freund im Kibbuz Kfar Blum, der nur wenige Kilometer weiter von der Grenze entfernt liegt als Dan und nicht evakuiert wurde. Der Freund argumentierte, er sei besser dran, weil er in seinen eigenen vier Wänden lebe. »Doch ich dachte, wie unsicher es ist. Seine Familie wagt sich kaum noch vor die Tür. Eine seiner Töchter liebt Pferde und ist früher jeden Tag in den Stall gegangen. Seit Monaten war sie nicht mehr dort. Es ist viel zu unsicher.« Doch auch die Gonels leben mit der Gefahr. Itai Gonels Frau fährt als Kinderärztin bis zu viermal wöchentlich durch den Norden, um ihre Patienten zu besuchen.

Darüber hinaus sei die Ungewissheit eine der schwierigsten Seiten des derzeitigen Lebens. »Wir haben keine Ahnung, wann wir nach Hause können, es gibt null Informationen seitens der Behörden.« Mit zwei kleinen Kindern sei es für die Familie »absolut keine Option, zurück in ein Kriegsgebiet zu ziehen«.

In Sicherheit leben

Itai Gonel wünscht sich eine diplomatische Lösung, die gewährleistet, dass sie in Sicherheit leben können. Doch er glaubt, dass die Regierung dem weder Priorität einräumt noch einen Plan dafür habe. Während die staatliche Hilfe für die täglichen Ausgaben des Lebens in Ordnung sei, lasse sich für die Zukunft so gut wie nichts finanziell planen. In vielen Kibbuzim im Norden sei mittlerweile sehr viel zerstört, in einigen bis zu 80 Prozent der Infrastruktur, erzählt Gonel. Die verheerenden Brände der vergangenen Wochen kämen noch erschwerend hinzu. »Doch es geschieht nichts.«

Die Regierung lobt sich derweil oft gern selbst. So sagte kürzlich Transport- und Infrastrukturministerin Miri Regev (Likud), dass »die Koalition für so viele Menschen Hotels bezahle und wundervolle Dinge« getan habe. Auch Premier Benjamin Netanjahu äußerte sich. Zwar macht er klar, dass »die Menschen aus dem Norden in ihre Häuser zurückkehren müssen«, doch auf die Frage von Gemeindevorsitzenden, ob das zum neuen Schuljahr am 1. September geschieht, antwortete er: »Wer hat gesagt, dass das ein Ziel ist? Was wird schon passieren, wenn es noch ein paar Monate länger dauert?«

Die Regierung lobt sich selbst, allen voran Transportministerin Miri Regev.

Es sind Aussagen wie diese, die Yael Radoshitzky Eilat und ihren Mann dazu veranlasst haben, eine Entscheidung zu treffen. Nachdem sie monatelang darauf gewartet hatten, dass sich etwas an ihrer Situation ändert, setzen sie Plan B um und bereiten ihren Umzug nach Südafrika vor, wo die Mutter von drei Kindern geboren ist.

Es war keine leichte Entscheidung. Yael weint, als sie davon erzählt. »Es ist so hart. Wir funktionieren wie auf Autopilot. Wenn wir innehalten, brechen wir emotional zusammen.« Das gesamte Leben würde sich auf dem Bett des Hotelzimmers abspielen. »Hier schlafen, essen, spielen, reden wir, machen Hausaufgaben, laden Freunde ein.«

»Die Kinder weinen, wir weinen«

»Südafrika ist sicher nicht das einfachste Land der Welt. Doch wir müssen unseren Kindern etwas Stabilität und Sicherheit geben. Und auch wieder Lebensfreude«, ist Yael überzeugt. Das sei im Hotel so gut wie unmöglich. »Die Kinder weinen, wir weinen. Wir wollten den Kibbuz niemals verlassen, vielleicht war es nicht perfekt, doch es war wunderschön, es war unser Leben. Aber in einem Hotel darauf zu warten, dass etwas passiert, das kann nicht unser Leben sein.«

Auch Shachar Tzuk hat keine Ahnung, wie ihre Zukunft aussieht. Zieht sie in die mobile Kibbuz-Siedlung Ruhama? Mietet sie sich eine Wohnung in Tel Aviv? »Ich weiß es nicht, weil ich mich auf nichts mehr verlassen kann.« Klar sei nur eines: »Dass ich seit diesem verfluchten Tag Geflüchtete bin und mich im Überlebensmodus befinde.« Auch wenn sie mit dem Leben im Hotel, wie sie es beschreibt, »den Jackpot der Geflüchteten gezogen hat«, sei der Zustand auf Dauer unerträglich. Und das, ist sie sicher, könne kaum jemand nachvollziehen.

Aus diesem Grund trägt die junge Israelin ihr schweres Gepäck immer bei sich – wohin sie auch geht. Gefüllt ist der Rucksack mit Wäsche, Reisepass, Bargeld in verschiedenen Währungen, ihren Medikamenten und persönlichen Gegenständen. »Es ist meine Fluchttasche. Damit ich jederzeit fliehen kann. Einfach weg. Wohin, das weiß ich nicht.«

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