Fußball

Auf der Zuschauerbank

Vuvuzelas haben sie nicht dabei. Dafür Trillerpfeifen, Tambourins und zu Trommeln umfunktionierte Serviertabletts. Von denen machen die jungen Frauen und Männer in den gelb‐grünen Shirts regen Gebrauch. Pusten, hauen und schütteln, was das Zeug hält. Bei jeder noch so kleinen Chance donnert ein Pfeif‐, Hup‐ und Kreischkonzert durch Jerusalems Jaffastraße, dass den Passanten die Ohren nur so klingeln. König Fußball regiert dieser Tage auch im Heiligen Land. Von Nord nach Süd hängen die Menschen an den Bildschirmen, schauen gebannt, wer wo trifft oder auch nicht. Und das, obwohl Israel bei der Weltmeisterschaft 2010 gar nicht mitkickt. Der bunte Einwanderermix jedoch brachte nicht nur Zionisten aus allen Winkeln dieser Erde ins Land, sondern auch eingefleischte Fußballfans. Und deren Herzen schlagen noch immer höher, wenn die Elf aus der alten Heimat um den Cup kämpft.

Fans Hier, auf der bekannten Einkaufsstraße der Hauptstadt, haben viele Kneipen und Restaurants große Leinwände aufgestellt. An diesem Sonntagabend ist das Rivlin fest in brasilianischer Hand, als die Männer vom Zuckerhut gegen die von der Elfenbeinküste spielen. Schon vor dem ersten Tor fließt das Bier in Strömen, die Stimmung ist locker‐flockig. Ganz lateinamerikanisch singt und tanzt man mit wogenden Hüften. Je später der Abend, desto schwerer die Zunge, immer mehr Portugiesisch mischt sich ins Hebräisch der Neueinwanderer. »Klar, wir sind mit Brasil, Brasil, Brasil!«, singen die Fans mehr als sie es sagen. Ron Schwartz zeigt auf den Rücken seines gelben Nationaltrikots. Über der dicken 9 prangt der Name Ronaldo. »Mein Held«, brüllt er, während er die Augen nicht eine Sekunde lang von der Leinwand abwendet. »Brasilien wird es schaffen, ich bin mir ganz sicher. Und beim nächsten Mal ist endlich auch Israel dabei.« Sagt’s und schlägt wieder wie wild auf sein Tablett ein.

Strand Manchmal sitzt nur eine Handvoll Leute auf der Straße vor einem Lokal oder in einem der unzähligen Kioske und schaut zu, wer heute wen nach Hause schickt, wer weiterkommt. Hier sagt niemand: »Sie müssen etwas bestellen, um bei uns zu gucken.« Man bleibt einfach auf der Straße stehen und schaut, so lange man will. Auch die Strände stehen dieser Tage ganz im Zeichen der Mondial, wie die Fußball‐WM in Israel genannt wird. Ob Banana Beach in Tel Aviv, Chof Hazuk in Herzlija oder der Strandstreifen von Caesarea: Leinwand raus, ein paar Plastikstühle in den Sand gestellt, Pita mit Hummus oder Pommes mit Ketchup, jede Menge kühle Getränke – und die Fußballparty ist schon so gut wie klar.

Dort, wo sonst Verliebte ein romantisches Dinner bei Wellenrauschen genießen oder Sonnenanbeter an ihrem Teint arbeiten, versammeln sich in diesen Wochen allabendlich die Ballverrückten. Um 21.30 Uhr wird das späte Spiel in der Beachbar in Caesarea auf dem Großbildschirm gezeigt, und dann kommen sie 90 Minuten, um zu fachsimpeln, zu johlen, zum Haare raufen und um mitzufiebern. Joav Schimon lässt dafür derzeit sogar zweimal wöchentlich sein Basketballtraining sausen. »Mit Freunden am Meer sitzen und Fußball gucken – nichts ist besser als das«, meint er. Sein Favorit ist Italien. Nach dem misslungenen Auftakt der Squadra Azzurra überlegt er allerdings, ob er nicht noch auf Neuseeland umschwenken soll. Schimons Freundin sieht seine Spielbegeisterung gelassen. »Zu den richtig guten Games kommt sie mit, ansonsten sagt sie: ›Geh du mal, die WM geht ja auch wieder zu Ende‹, lacht und gibt mir einen Kuss.«

Erinnerung Manchen allerdings bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn Sie an das Ende der Weltmeisterschaft denken. Drei Tage, nachdem Italien vor vier Jahren das Siegestor schoss, brach der Libanonkrieg von 2006 aus. Den ganzen Sommer über mussten die Menschen in Nord und Süd in Schutzbunkern verbringen, während Raketen von Hisbollah und Hamas an zwei Fronten auf das Land niederprasselten.

Amit Menko will daran nicht eine Sekunde lang denken. Nur, dass sein Team gewinnen wird. Mit dem neuen T‐Shirt wird es bestimmt klappen, da ist er ganz sicher. Die Großeltern haben es gerade aus Holland mitgebracht. Natürlich leuchtet es in grellem Orange. Auf dem Bauch prangt ein riesiger Löwe. Fällt ein Tor, zieht der Zehnjährige an zwei Klettverschlüssen und der Löwe öffnet sein riesiges Maul. Dann brüllen Löwe und Amit gemeinsam aus vollem Hals: »Goooooool!«

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