Epidemie

Angst vor Corona, Angst ums Geld

Wie leergefegt: der Sarona-Markt in Tel Aviv Foto: Flash 90

Normalerweise herrscht auf Israels Märkten fast jeden Tag Gedränge, die Straßen sind bevölkert. Dieser Tage aber herrscht gähnende Leere. Während einige Stände noch Obst oder Gemüse anbieten, liegen die größten Teile des Mahane-Yehuda-Marktes in Jerusalem, der Basar in der Altstadt und Tel Avivs Carmelmarkt verwaist. Die Stimmung ist bedrückend – die Angst vor dem Coronavirus hat das Land fest im Griff.

Bei Redaktionsschluss lag die Zahl der Infizierten bei 427, fünf waren gesund geworden, mehr als 50.000 befanden sich in Heimquarantäne. Die Regierung in Jerusalem hatte relativ früh nach dem Ausbruch in China und Europa drastische Maßnahmen erlassen. Mittlerweile sind alle Schulen, Kindergärten, Unterhaltungsbetriebe geschlossen und Versammlungen von mehr als zehn Menschen verboten.

Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte für den öffentlichen Sektor den Notstand, wodurch 80 Prozent oder mehr Angestellte nicht zur Arbeit gehen werden. Für den privaten Sektor rief er ein reduziertes Handeln aus. Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern können weiter operieren, alle weiteren müssen die Zahl ihrer Beschäftigten um 70 Prozent reduzieren. Notwendige Betriebe wie Supermärkte, Lebensmittelproduktion, Banken und Tankstellen würden weiterhin relativ normal geöffnet sein.

ROUTINE Während die Schulen per WhatsApp und Lern-Websites versuchen, für Schüler zumindest am Vormittag eine gewisse Routine aufrechtzuerhalten, ist es für Eltern mit kleineren Kindern schwerer. Wie für Tami Farkasch aus Tel Aviv. Die freiberufliche Grafikdesignerin hat drei Söhne im Alter von zwei bis neun Jahren. Auch sie versucht, einen geregelten Tagesablauf beizubehalten. »Morgens spielen und basteln wir bis zum Mittagessen, dann eine Stunde Fernsehen. Am Nachmittag gehen wir auf den Spielplatz oder an den Strand. Wenn das jetzt nicht mehr erlaubt ist, drehen wir bald durch, glaube ich.«

An Arbeit sei dabei überhaupt nicht zu denken. Als ihre Babysitterin in Quarantäne musste, weil sie in Europa war, teilte sie ihren Kunden mit, dass sie im Moment leider nicht arbeiten kann. »Zum Glück haben alle Verständnis, denn es geht ja jedem so.« Die größten Sorgen macht ihr derzeit nicht das Virus, sondern das Geld. Zwar verdient ihr Mann als Manager in einem Start-up gut, doch auch sein Job ist alles andere als sicher. Berichten zufolge könnte mehr als ein Drittel der Angestellten in Hightech-Firmen den Arbeitsplatz verlieren.

Besonders hart ist der Tourismusbereich betroffen. Besucher aus dem Ausland gibt es derzeit so gut wie keine. Außerdem sind fast alle Hotels geschlossen, Fluglinien haben die meisten Routen oder sogar den kompletten Betrieb eingestellt.

Das Finanzministerium nimmt einen Schaden von zehn Milliarden Euro an.

Präsident Reuven Rivlin rief seine Landsleute am Dienstag dazu auf, die Res­triktionen nicht als Feiertage anzusehen. »Ich erwarte, dass Sie alle gut auf sich achtgeben. Ich weiß, dass es nicht leicht ist, im Haus zu bleiben. Ich verstehe auch, dass Kinder nach draußen müssen und auch Eltern Freiräume brauchen. Aber dennoch dürfen wir diese Tage nicht als Spaßtage ansehen. Ich höre, dass die Strände und Naturparks voll sind. Bitte beachten Sie die Regeln des sozialen Abstands. Die Gefahr ist real.« Verteidigungsminister Naftali Bennett nannte junge Leute, die auf den Straßen herumlaufen, »tickende Zeitbomben«.

Um dem zu begegnen, können die Sicherheitsbehörden jetzt Strafen von bis zu 1200 Euro verhängen, wenn jemand sich nicht an die Regeln hält. Seit Dienstag dürfen Israelis ihre Häuser nur noch verlassen, um Lebensmittel oder Medikamente einzukaufen, zur Arbeit zu gehen oder zum Arzt. Jegliche Freizeitausflüge sind untersagt.

Restaurants und Cafés dürfen lediglich Speisen zum Mitnehmen zubereiten, Tische und Stühle sind weggeräumt. In den sozialen Netzwerken rufen Israelis dazu auf, ab und zu Essen zu bestellen, um Solidarität mit den Lokalbesitzern zu bekunden, auf die finanziell harte Zeiten zukommen.

VERLUST Das Coronavirus belastet nicht nur das Gesundheitssystem, sondern die komplette Wirtschaft. Am Montag gab das Finanzministerium eine Schätzung heraus, dass der Schaden für Israels Markt mehr als zehn Milliarden Euro betragen und jegliches Wachstum zunichtemachen wird.

Da die Industrie des Landes fast komplett angehalten wurde, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, geht die leitende Ökonomin im Ministerium, Schira Greenberg, von einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um mehr als sechs Milliarden Euro aus. Internationale Geschehnisse würden zu einem weiteren Verlust von mindestens fünf Milliarden Euro für israelische Geschäfte führen.

Während das Gesundheitsministerium eine totale Abriegelung des Landes fordert, ähnlich dem Vorgehen in Italien, rät das Schatzministerium davon ab, da nicht klar sei, wie lange die Bedrohung durch das Virus anhält, und daher die Auswirkungen auf die Wirtschaft nicht absehbar seien.

darlehen Finanzminister Mosche Kachlon kündigte Darlehen in Höhe von jeweils 1500 Euro für kleine Betriebe und Selbstständige an sowie eine Finanzspritze in Höhe von 1,25 Milliarden Euro für die Gesamtwirtschaft. Die Details werden in den kommenden Tagen bekannt gegeben. Auch die Bank of Israel will Geschäften unter die Arme greifen, vor allem kleinen und mittleren Betrieben.

Schlomi Adar, der eine Pizzeria in Hadera betreibt, hat zwar noch geöffnet, doch Kunden würden kaum noch kommen. »Hier und da schaut ein Teenager vorbei und kauft ein Stück, doch eigentlich könnte ich auch zumachen.« Die meisten Leute seien dauerhaft zu Hause, hätten Zeit zu kochen und würden nicht außerhalb bestellen.

»Außerdem ist es deprimierend, wer will schon raus in dieser Situation«, sagt er und zuckt mit den Schultern. Der Familienvater hofft, dass er trotz Selbstständigkeit finanzielle Unterstützung von der Regierung bekommt. Denn Miete und Kredite laufen regulär weiter. »So geht auf jeden Fall bald gar nichts mehr.«

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