Israel

Alltag unter Beschuss

Alle auf den Boden: Schutzsuche in Aschkelon während eines Raketenangriffs am Mittwoch vergangener Woche Foto: Getty Images

Die drei Hunde auf dem Bild leben nicht mehr, der Fernseher ist ein anderer. Und doch ist alles beim Alten. Gerade tauchte auf ihrer Facebook-Seite ein Foto zur Erinnerung an den gleichen Tag vor sieben Jahren auf. Déjà-vu-Effekt. Adele Raemer sitzt im Schutzraum ihres Hauses. Damals und heute wieder.

Draußen knallen die Raketen und Granaten, die aus dem Gazastreifen von palästinensischen Terroristen auf ihren Kibbuz gefeuert werden. Damals und heute wieder. Das Leben im Süden Israels ist eines unter Feuer. »Es ist so schwer, sich zu konzentrieren und den Fokus wiederzufinden, wenn man tagelang nur geflüchtet ist.«

Dieses Mal sei es noch härter als sonst. »Doch eigentlich«, sagt Raemer dann und zögert einen Moment, »eigentlich wird es mit jeder einzelnen Rakete schwerer, sich wieder aufzurappeln und zur Normalität zurückzukehren.«

Seit 18 Jahren prasseln mit grausamer Regelmäßigkeit Raketen und Granaten auf die Gemeinden im Süden Israels. Manchmal Hunderte in wenigen Tagen. In den vergangenen zehn Jahren waren es mehr als 10.000. Ein zehnjähriges Kind, das in dieser Gegend geboren und aufgewachsen ist, musste in den etwa 4000 Tagen, die es auf der Welt ist, mehr als 10.000-mal Angst haben. Um sein Leben.

STRESS In der Großstadt Aschkelon, etwa 13 Kilometer von Gaza entfernt, sind innerhalb von 36 Stunden, während derer die Geschosse in der vergangenen Woche flogen, im Barzilai-Krankenhaus 21 Babys geboren worden. Normalerweise sind es zwölf bis 14 Neugeborene in demselben Zeitraum. Alle kamen in einem unterirdischen, bombensicheren Krankenhaustrakt zur Welt.

Mitten hinein in die Realität dieser Region. Es ist der Stress, dem die werdenden Mütter ausgesetzt sind, der die Wehen beginnen lässt, so die Mediziner. »Ich bin an Sirenen gewöhnt«, meinte eine frisch gebackene Mutter im Anschluss an die Geburt lakonisch. »Aber doch nicht, wenn gerade mein Baby zur Welt kommt.«

Bei einem Angriff rasen alle Emotionen von null auf eine Million – Angst, Sorge, Hilflosigkeit.

Adele Raemer, in den USA geboren, ist seit 1975 Mitglied des Kibbuz Nirim. Er ist ihr Zuhause, hier lebt ihre Familie. Nirim ist eine der israelischen Gemeinden, die dem Gazastreifen am Nächsten liegen. Seit Jahren schreibt sie in der Facebook-Gruppe »Life at the border« über ihren Alltag im Raketenhagel. »Es hilft mir, mit dem Wahnsinn umzugehen, doch es kostet auch viel Zeit und Energie.«

sirene Raemer hat neben ihrem Engagement in den sozialen Netzwerken gleich zwei Berufe und viel zu tun. Sie ist Lehrerin, Lehrer-Ausbilderin, medizinischer Clown, Mutter und Großmutter von sieben Enkeln. Zwei von ihnen, zwei und vier Jahre alt, leben auch in Nirim. Von der Sirene bis zum Einschlag hat man hier nur wenige Sekunden Zeit, um sich in Sicherheit zu bringen.

An manchen Tagen kommt Raemer gar nicht aus dem Bunker. »Alles wird abgesagt, auch Dinge, die man lange geplant hat, Arbeitstreffen, Besuche, Theater. Einfach alles. Ständig wird unser Leben auseinandergerissen, und danach müssen wir sofort wieder funktionieren.«

Das aber sei gar nicht möglich, weiß sie aus eigener Erfahrung. »Bei einem Angriff rasen alle Emotionen von null auf eine Million – Angst, Sorge, Hilflosigkeit. Du hast keine Kontrolle mehr. Das kann man nicht ein paar Stunden später abschalten, alles hat einen Langzeiteffekt auf die Psyche.«

Trotz ihres schwierigen Alltags hat Adele Raemer ihre Empathie für die Menschen jenseits der Grenze nicht verloren.

Die Situation hier sei sehr schwierig, vor allem für Familien mit Kindern. »Ich sehe es an den Kindern meiner Tochter. Meine viereinhalbjährige Enkelin macht wieder ins Bett, weigert sich, allein zur Toilette oder irgendwohin zu gehen, und hat oft Angst, das Haus zu verlassen. Ist die Eskalation vorbei, geht es ihr langsam besser. Bis zum nächsten Mal. Dann beginnt alles wieder von vorn.«

EMPATHIE In die Armee hat Raemer volles Vertrauen, »sie schützt mich und sorgt dafür, dass ich in den meisten Nächten ruhig schlafen kann«. Von den Politikern aber fühlt sie sich im Stich gelassen. Es bräuchte eine mutige Politik und Taten, meint sie. Doch: »Nichts wird getan, und das ist das Problem. Das Leben ist für uns unerträglich geworden, viele Menschen haben dauerhafte Angst rauszugehen. Sie trauen sich nicht einmal ins Auto, um in diesen Situationen wegzufahren. Denn unsere Normalität ist nicht normal.«

Trotz ihres schwierigen Alltags hat Raemer ihre Empathie für die Menschen jenseits der Grenze nicht verloren. Im Gegenteil: Sie will sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden, verlangt von der Politik eine Lösung für beide Seiten, organisiert Gesprächsrunden zwischen Israelis und Palästinensern, auch aus Gaza, in den sozialen Netzwerken und beteiligt sich an gemeinsamen Aktionen.

»Manchmal wünschte ich, ich könnte sie hassen und denken, sie sind alle einfach nur böse. Wäre das nicht viel leichter?« Aber sie kann es nicht. Während sie in ihrem gesicherten Zimmer sitzt, sorgt sie sich nicht nur um ihre eigenen Kinder und Enkelkinder, sondern fragt sich, wie es den Müttern und Großmüttern geht, die ebenfalls um ihre Kleinen bangen. Hinter der Mauer. »Und die haben nicht einmal einen Schutzraum.«

SCHUTZRÄUME Für Sicherheitsräume auf israelischer Seite sorgt unter anderem die israelische Spendenorganisation Keren Hayesod. »Wir sammeln Geld, um Bunker zu renovieren und mobile Schutzräume aufzustellen.

Das ist eine dauerhafte Aktion, die wir immer weiter fortführen«, sagt Carole Ouaknine von Keren Hayesod in Jerusalem. »Die Sicherheitslage entlang der Grenze mit dem Gazastreifen ist extrem angespannt, Terror gehört zum täglichen Leben der Menschen in der Region.« Die Bewohner müssten dauerhaft in Alarmbereitschaft sein und die nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen, um sich in Sicherheit zu bringen. Leider wird sich diese Situation der andauernden Angriffe in nächster Zeit nicht ändern.

Ganze Generationen leben in einem Land, das unter ständiger Bedrohung steht.

»Daher sind die Unterstützer von Keren Hayesod selbst aktiv geworden, um den Bewohnern im Süden in Krisenzeiten zu helfen«, sagt Ouaknine. Die mobilen Schutzräume (Migunijot) bieten Schutz und auch ein Gefühl von Sicherheit. »Wir sind sehr stolz, dass wir bis heute mehr als 400 von ihnen überall im Süden aufgestellt haben.«

traumazentrum Eine neue Studie von Natal, dem israelischen Traumazentrum, verdeutlicht die Langzeitfolgen für die Menschen in diesen extremen Stresssituationen: Im Jahr 2018 riefen 4000 Israelis bei Natal an, eine Steigerung im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent. Im Mai dieses Jahres allein gingen während des zweitägigen Beschusses 1000 Anrufe ein. Damals waren innerhalb von 48 Stunden 750 Raketen aus dem Gazastreifen nach Israel geflogen.

65 Prozent der Anrufer stammen aus den südlichen Gebieten, gibt Natal an, dabei beträgt der Anteil der Bevölkerung dort gerade einmal 14 Prozent. Auch die Zahl von Menschen in der Region, die professionelle Hilfe für psychologische Anliegen bei Natal suchen, steigt stetig.

»Wir müssen das Phänomen erkennen und angehen«, meint die Leiterin von Natal, Orly Gal. »Komplette Generationen leben in einem Land, das unter ständiger Bedrohung steht.« Der dramatische Anstieg bei der Zahl der Anrufer spiegele den seelischen Zustand der Bewohner Israels wider.

Adele Raemer ist überzeugt, dass in den Gemeinden am Gazastreifen nur die wenigsten unter dem posttraumatischen Belastungssyndrom leiden. »Wir haben kein Post-Trauma. Es wäre schön, wenn es so wäre. Doch da kommen wir gar nicht hin. Was wir haben, ist ein andauerndes Trauma. Es hört einfach nicht auf.«

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