Raketenterror

Alarmstufe Rot

Einwohner des Moschaw Netiv Haasara vor einem durch Raketen beschädigten Haus Foto: Flash 90

»Zewa adom, zewa adom, zewa adom.« Lesen Sie diese Worte langsam. Dann wissen Sie, wie viel Zeit die Israelis in der Nähe des Gazastreifens haben, um sich in Sicherheit zu bringen. Es sind weniger als zehn Sekunden. Adele Raemer hat die Worte unzählige Male aufgesagt, als sie vor den Raketen um ihr Leben rannte. Aus der Küche, dem Kinderzimmer, aus dem Bett oder dem Garten im Laufschritt in den Sicherheitsraum. Dabei schrillen ihr immer dieselben Geräusche in den Ohren. Dreimal der Alarm mit Codenamen »Morgenröte«, dann der Knall, manchmal ohrenbetäubend. Am vergangenen Wochenende prasselten die Geschosse fast pausenlos auf die Gemeinden nieder. In zwei Tagen feuerten palästinensische Extremisten mehr als 140 Raketen auf Israel ab.

Raemer lebt im Kibbuz Nirim, der weniger als anderthalb Kilometer vom Gazastreifen entfernt liegt. Je geringer der Abstand zum Palästinensergebiet, desto kürzer ist die Zeitspanne von der Sirene bis zum Einschlag, und desto weniger Zeit bleibt den Menschen, sich in Sicherheit zu bringen. In Nirim ist sie am allerkürzesten. Dennoch müsse das Leben irgendwie weitergehen, sagt Raemer, die 1975 aus den USA hergezogen ist und diese Gegend ihr Zuhause nennt.

»Auch wir haben einen Alltag. Müssen zur Arbeit, in die Schule, einkaufen und mit dem Hund raus.« Im Bombenhagel? »Ja, manchmal auch das«, sagt die Frau, die als Lehrerin und medizinischer Clown arbeitet. Kurz vor dem Interview war sie mit dem Vierbeiner der Familie Gassi, ist noch »etwas aufgeregt«, wie sie selbst beschreibt, »denn gerade habe ich die Eiserne Kuppel in Aktion gesehen«. Raemer spricht über das im Süden stationierte Raketenabwehrsystem, das versucht, Bomben in der Luft abzufangen, bevor sie einschlagen und Schaden anrichten können. Es funktioniert allerdings lediglich bei Geschossen ab einer bestimmten Reichweite. Einen Schutz gegen die »Kassamim«, die Mörsergranaten, gibt es nicht.

Lösung Seit mehr als zehn Jahren befinden sich die Bewohner der Kibbuzim im Grenzgebiet, der Kleinstädte Sderot und Netiwot und auch immer häufiger der Städte Aschkelon, Aschdod und Beer Sheva unter Beschuss. In den vergangenen Tagen hatten die Menschen kaum eine ruhige Minute. Trotz eines durch Ägypten vermittelten Waffenstillstands landeten die Raketen weiterhin fast ohne Unterlass. Israel flog einige Vergeltungsschläge in Gaza und tötete am Mittwoch den Chef der zur Hamas gehörenden »Izz al-Din al-Qassam Brigade«, Ahmed al-Dschabari. Die Hamas kündigte daraufhin verstärkten Terror an.

Chaim Jalin, Bürgermeister der Eschkolregion, die an den Gazastreifen grenzt, fordert von Jerusalem, die Gewalt endlich abzustellen. »Ich kann keine Lösungen anbieten«, sagte er und erklärte, dass die Regierung ohnehin nur zwei Möglichkeiten habe: entweder einen Angriff auf Gaza, der so massiv ist, dass er die Terroristen zwingt, ihre Waffen niederzulegen, oder eine diplomatische Lösung mit der Hamas. »Ich erwarte, dass jede israelische Regierung durchgreift, unabhängig davon, welche Partei die Wahlen gewinnen mag.«

Frustration Yael Talker lebt mit ihrer Familie im Kibbuz Reim. In ihrem Haus gibt es keinen Schutzraum. »Frustration ist schon kein Ausdruck mehr für das, was die Menschen hier empfinden. Wir haben es so satt und wollen endlich Schutz.«

Bis dahin heißt es für die Talkers, irgendwie die Angriffe zu überstehen. »Wir beten viel.« Samstag und Sonntag seien besonders furchtbare Tage gewesen. Die Explosionen hätten überhaupt nicht mehr aufgehört. »Wir leben ja schon lange damit«, so Talker, »es sollte Alltag für uns sein. Und doch ist es immer wieder ein neuer Schock, wenn die Bomben fallen.« Am Sonntag war der Beschuss so schlimm, dass sogar die Schule ausfiel. Dabei sind das die einzigen bombensicheren Gebäude in der Gegend. Doch der Schulweg hätte für die Familien ein zu großes Risiko bedeutet.

Manchmal hört die Mutter von zwei Kindern noch vor dem Schrillen der Sirene das Schreien ihrer zwölfjährigen Tochter. »Und dann rennen wir.« Erst hasten die Eltern ins Kinderzimmer, schnappen ihren Nachwuchs, dann geht es zu viert ins Wohnzimmer. Alles binnen Sekunden. »Die Kinder müssen sich auf den Boden legen, mein Mann und ich legen uns dann auf sie, um sie bei einem Einschlag mit unseren Körpern zu schützen.« Manchmal wiederholen sie diese Prozedur Dutzende Male in einer Nacht.

»Vielleicht können wir Erwachsene irgendwie rational mit dieser Gefahr umgehen«, versucht Talker zu erklären. »Doch die Kinder können es nicht. Meine Tochter weint und zittert nach jedem Alarm minutenlang am ganzen Körper. Sie braucht lange, um wieder zur Normalität zurückzukehren.« Zu einer Normalität, die nicht kommt.

Montagfrüh war eine Rakete des Typs Grad im Garten eines Hauses der Kleinstadt Netiwot eingeschlagen. Dass niemand verletzt oder gar getötet wurde, grenzt an ein Wunder. Denn die Explosion war so stark, dass nicht nur das angrenzende Haus, sondern auch Gebäude in der Umgebung beschädigt wurden. Teile der Stadt waren stundenlang ohne Stromversorgung. 26 Menschen mussten wegen Schocks behandelt werden.

Trauma Raemer hat keinen Zweifel mehr, dass nach den Jahren unter Feuer nahezu alle Menschen in Gazanähe unter dem posttraumatischen Stresssyndrom (PTSD) leiden. Sie sieht klare Anzeichen bei sich selbst. »Ich zucke selbst im Ausland bei bestimmten Geräuschen zusammen. Jeder Alarm geht durch Mark und Bein und hinterlässt ein Zeichen auf der Seele.«

Um wenigstens ein wenig Stress abzubauen, hat die Mutter von drei erwachsenen Kindern eine Facebook-Gruppe gegründet, in der die Menschen im Süden ihre Erlebnisse aufschreiben können (»Life on the border with Gaza – things people may not know but should«). »Ohne Politik, ohne Polemik. Einfach, um etwas von dem Druck loszuwerden.« Und doch weiß Raemer ganz genau: »Es steckt eine tiefe Angst in uns allen hier. Eine, die uns nie wieder verlässt.«

Israelische Zeitungen

Wahlergebnisse

»Sieg der Extreme«

Nach dem AfD-Erfolg in Mecklenburg-Vorpommern wächst in Israel die Aufmerksamkeit für Deutschlands politische Verschiebung

von Sabine Brandes  22.09.2026

Debatte

Wehret den Anfängen gilt rechts und links

Ein Offener Brief an Bischof Christian Stäblein vom Evangelischen Arbeitskreis der CDU Berlin/Brandenburg

von Cornelia Seibeld  22.09.2026

Reaktionen

Besorgnis in Israel nach Berlin-Wahl

Der Wahlsieg der Linken sorgt vor allem mit Blick auf Antisemitismus und das jüdische Leben in der deutschen Hauptstadt für Aufmerksamkeit in israelischen Medien

von Sabine Brandes  22.09.2026

Umfrage

Mehrheit sieht keine Chance für friedliche Zwei-Staaten-Lösung

Eine friedliche Koexistenz ist für eine Mehrheit der Israelis und eine noch größere Mehrheit der Palästinenser im Westjordanland und in Ostjerusalem derzeit nicht vorstellbar

 22.09.2026

Alei Zahav

Terroranschlag im Westjordanland: Vater rettet seinem Sohn das Leben und stirbt

»Papa, ich möchte dir für 16 gemeinsame Jahre danken. Danke, dass du mir zugerufen hast, als der Terrorist kam«, sagte der 16-Jährige Yoav bei der Beerdigung seines Vaters

 22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Jerusalem

Ein toter Israeli bei Terroranschlag im Westjordanland

Kurz vor Beginn von Jom Kippur kommt es zu zwei Terroranschlägen im von Israel besetzten Westjordanland. Ein israelischer Zivilist und einer der angreifenden Palästinenser werden getötet

 20.09.2026

Jerusalem

Präsident Herzog begnadigt verurteilten Ex-Soldaten Elor Asaria

Israels Präsident lässt einen Strafregistereintrag des ehemaligen Soldaten löschen, der 2016 einen am Boden liegenden, palästinensischen Attentäter tötete. Die israelische Armee war laut Berichten dagegen

 20.09.2026

Kommentar

Wo ist mein Berlin, in dem es keinen Hass auf Juden mehr geben sollte?

Unsere Gastautorin Dorothea Schupelius warnt vor der unheiligen Allianz der Linkspartei mit radikalen Muslimen - und vermisst das Berlin, in dem sie aufgewachsen ist

von Dorothea Schupelius  20.09.2026