Terror

Alarm in der Altstadt

Israelische Sicherheitskräfte patrouillieren nach der Messerattacke vom Mittwoch noch aufmerksamer als sonst durch die Altstadt. Foto: Flash 90

Dunkle Wolken hängen über Jerusalem. Viele Menschen heben kaum den Blick von der Straße – bestrebt, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Dabei soll der Winterregen erst in den nächsten Tagen auf die Stadt herabprasseln. Doch das Wetter schert die Jerusalemer wenig. Es sind die Ereignisse der vergangenen Tage, denen sie entkommen wollen: die immer wieder ausbrechende Gewalt, die Steine und Brandbomben, die Verletzten, die Toten.

Seit Wochen bestimmt rohe Aggression die Atmosphäre in der Stadt. Immer wieder bricht sich Gewalt Bahn, fast täglich kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen jungen Palästinensern und der Polizei. Die Sirenen der Sicherheitskräfte heulen so oft, dass die Bewohner sie schon nicht mehr hören. Besonders der Tempelberg im Herzen der Altstadt ist explosiver Dauerbrennpunkt.

angreifer Die Gewaltwelle riss auch in dieser Woche nicht ab. Mehrere israelische Fahrzeuge wurden am Mittwochmorgen nahe Tekoa im Westjordanland mit Steinen beworfen, darunter das Auto einer 38-jährigen Israelin. Die Angreifer versuchten, die Frau aus dem Auto zu ziehen. Sie konnte fliehen, wurde dabei jedoch leicht verletzt.

Kurz danach kam es zu einer Messerattacke in Jerusalem. Am Löwentor griff eine junge palästinensische Frau einen 36 Jahre alten Israeli an, der dabei mittelschwer verletzt wurde. Er wurde noch an Ort und Stelle von Sanitätern wegen seiner Stichwunden im Oberkörper behandelt und dann in ein Krankenhaus eingeliefert. Zuvor war es ihm gelungen, Schüsse auf seine Angreiferin abzugeben, die daraufhin ebenfalls im Krankenhaus behandelt wurde.

Am Mittag dann die nächste Attacke, diesmal in der Kleinstadt Kiryat Gat: Dort griff ein Palästinenser einen israelischen Soldaten mit dem Messer an. Dabei gelang es ihm, dessen Waffe zu entwenden und damit in ein nahe gelegenes Wohngebäude zu entkommen. Dort wurde er von Polizeikräften aufgespürt und erschossen.

Mord Am vergangenen Samstag bereits war es zum Schlimmsten gekommen. In den verwinkelten Gassen der Altstadt war die ultraorthodoxe Familie Benita auf dem Rückweg von der Kotel, als sie in der Nähe des Löwentores von dem Terroristen Muhannad Malabi mit einem Messer angegriffen wurde. Ahron Benita und Nechamia Lavi, der den Opfern zu Hilfe kam, wurden von dem Angreifer getötet, Adele Benita schwer verletzt. Ihr zweijähriger Sohn erlitt leichte Schnittverletzungen, das Baby blieb glücklicherweise unverletzt. In der folgenden Nacht erlitt ein 15-jähriger Israeli in Jerusalem durch eine Messerattacke eines Palästinensers mittelschwere Verletzungen.

Nur zwei Tage zuvor war das Ehepaar Henkin im Westjordanland bei einem grauenvollen Anschlag im Beisein ihrer vier Kinder auf dem Nachhauseweg in ihrem Fahrzeug von Mitgliedern einer Hamas-Terrorzelle erschossen worden.

notoperation Der Zustand von Adele Benita verbesserte sich nach einer Notoperation im Hadassah-Hospital. Vom Krankenbett aus berichtete sie Premier Benjamin Netanjahu von dem erschütternden Geschehen. »Ich habe um Hilfe geschrien, aber sie haben mich angespuckt.« Obwohl die Familie vor den Augen von Ladenbesitzern angegriffen wurde und ihr Mann blutend am Boden lag, half niemand. Im Gegenteil, palästinensische Jugendliche hätten sie sogar geschlagen und angespuckt, erzählte sie unter Tränen. Selbst ihren beiden Kindern, dem zweijährigen Sohn Matan und einem wenige Monate alten Baby, half niemand. Die Leute rannten davon oder schauten zu.

Die Sicherheitskräfte schränkten nach den Terroranschlägen den Zutritt zur Altstadt für zwei Tage ein. Lediglich Bewohnern, Menschen, die in der Altstadt arbeiten, und Touristen war es erlaubt, sich dort aufzuhalten. Doch von ausländischen Besuchern war einen Tag nach den Anschlägen nicht viel zu sehen. Viele der Läden im berühmten Basar waren verschlossen, andere Händler, die ihre Eisengitter hochgerollt hatten, saßen stumm auf ihren Hockern vor den Eingängen oder kümmerten sich um ihre Ware, ohne aufzuschauen. Auf die Frage, was gestern hier geschehen sei, folgte entweder Schweigen oder ein harsches »Absolut gar nichts, nichts von Interesse«.

Bürgermeister Nir Barkat drohte am Mittwochmorgen, gemeinsam mit Eltern und Lehrern in einen Schulstreik zu treten. Er fordert nach den jüngsten Attacken von der Regierung mehr Geld für Sicherheitspersonal vor Bildungseinrichtungen.

Moral Am Tag zuvor rief Palästinenserpräsident Mahmud Abbas zu einer Beendigung der Gewalt auf, mit der Begründung, dass jegliche Eskalation lediglich den Israelis diene. Gleichzeitig bezichtigte er die israelische Regierung der Aufwiegelung. Dennoch strebe er »eine friedliche Lösung an und keine andere. Wir wollen das Risiko der Zerstörung und die Verluste minimieren, die momentan auf beiden Seiten vorkommen«.

In der Hauptpost an der Jaffa Road flimmern Nachrichten über einen Bildschirm an der Wand. Eine religiöse jüdische Frau diskutiert mit ihrem Nachbarn in der Warteschlange: »Wir sind es doch, die wie Ratten in ihren Löchern sitzen, wenn es wieder rundgeht. Denen da oben ist es egal, die müssen hier nicht wie Freiwild durch die Straßen hetzen.« Der Mann neben ihr widerspricht und meint, dass sich die Israelis nicht als Opfer sehen sollten, weil man die Terroristen dadurch gewinnen lasse. »Wir dürfen unsere Moral nicht untergraben lassen, sondern müssen mit hoch erhobenem Haupt über die Straße gehen. Das ist das Wichtigste.« Die Frau dreht den Zettel mit der Wartenummer in der Hand und schüttelt den Kopf. »Moral«, murmelt sie, »wen, bitteschön, kümmert denn unsere Moral?«

Draußen zieht sich der Himmel immer weiter zu. Und eigentlich interessiert die Jerusalemer das Wetter doch: »Im Regen kühlen sich die Gemüter erfahrungsgemäß ganz schnell ab«, meint Amnon Levy, der an diesem frühen Abend mit seinem Hund über den Safra-Platz spaziert. Das habe man schon im vergangenen Winter gesehen. Als es trocken war, flogen die Steine, als der Regen kam, war niemand mehr draußen zu sehen. »Mit klatschnassen Klamotten protestiert es sich eben nicht gut. Da gehen selbst die Radikalsten nach Hause und wärmen sich hinterm Ofen.«

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