Zahal

Ärzte in Uniform

Zeremonie: 49 Offiziere im medizinischen Dienst erhalten ihre neuen Rangabzeichen auf der Zrifin-Armeebasis. Foto: Sabine Brandes

Ob grün, lila, schwarz oder in Tarnfarben. Die rechte Hand liegt feierlich am Barett, die Brust ist stolzgeschwellt, der Blick geradeaus gerichtet. In voller Montur stehen sie auf dem sandigen Platz, als der Kommandant vor jeder jungen Frau und jedem Mann stehen bleibt, gratuliert und den Schutz aus Plastik von der Schulter entfernt. Der neue Rang wird enthüllt, gleich darunter baumelt das medizinische Zeichen, die Schlange mit dem Stab des Äskulap. Diese 49 sind keine gewöhnlichen Offiziere. Es ist die größte Gruppe von Ärzten, die jemals den medizinischen Kursus der israelischen Armee absolvierte.

»Im gewöhnlichen Alltag der Soldaten geht es meist um Grippe, Sportverletzungen oder wunde Füße, die plagen«, weiß Dani Mashayov; Kommandant der Militärischen Ärzteausbildung in der Zrifin-Armeebasis nahe der Stadt Ramla. Jederzeit jedoch könne die Stimmung kippen, und dann ist Einsatz gefragt. Unter Einsatz des eigenen Lebens, wohlgemerkt. Ärzte in der Armee müssen immer dort sein, wo am heftigsten gekämpft wird, wo die Schüsse knallen und die Bomben fallen. Nach sieben Jahren an der Universität und dreieinhalb Monaten Armeekursus beginnt in diesen Tagen die Arbeit in den verschiedenen Bataillonen, die meisten davon Kampfeinheiten. »Bis vor Kurzem herrschte ein Mangel an Ärzten in der IDF, erst mit dieser Gruppe bekommt jedes Bataillon seinen eigenen Mediziner.« 30 Prozent der Absolventen sind Frauen. »Im medizinischen Bereich gibt es keine Diskriminierung«, so der Kursleiter weiter. »Während Frauen sonst nicht in die Kampfeinheiten dürfen, können die weiblichen Armeeärzte überall eingesetzt werden.«

Motivation Ein Barett in Tarnfarben steht für die Truppe im Westjordanland, die dazu da ist, Terroranschläge zu vereiteln, zwischen Siedlern und Palästinensern zu vermitteln, Siedlergebiete zu schützen, die Grenzübergänge zu bewachen und vieles mehr. Shani Kesari trägt es auf dem Kopf. Die zierliche Frau hat ihr schulterlanges dunkles Haar zu einem Zopf gebunden. »Ich wollte eine sinnvolle Aufgabe in der Armee«, sagt sie und schaut ihrem Gegenüber geradewegs in die Augen. Eine Bestätigung braucht die 26-Jährige nicht. Kesari ist sich ihrer Sache ganz sicher. »Als ich zum Medizinstudium zugelassen wurde, habe ich schnell gemerkt, dass ich gern Armeeärztin werden würde.«

Warum ein Leben auf dem Feld statt eines im Krankenhaus oder einer privaten Praxis? Und dann am Abend und Wochenende zu Hause? »Die meisten der Soldaten sind nicht freiwillig hier, sie werden eingezogen«, erklärt Kesari ernst. Darum sei es nur fair, dass sie mit guter Medizin versorgt werden. »Mein Leben kann in Gefahr geraten, ich weiß das. Aber jeder muss seinen Teil der Aufgabe hier übernehmen. Es ist mehr als ein Job, es ist eine Berufung.«

Arbeitsbedingungen Ärzte in der Armee haben 24 Stunden Rufbereitschaft, sind oft wochenlang von zu Hause weg. Besonders schwierig ist das für jene, die bereits Familien gegründet haben. Dennoch: »So viele Menschen leisten etwas für die Armee. So gebe ich auch etwas von mir.« Dann zögert sie: Es sei schon etwas Besonderes, hier Arzt zu sein. »Dabei gibst du einfach dein Bestes.« Freiwillig entschied sich die junge Frau, in eine Kampfeinheit eingeteilt zu werden. »Ich werde dort gebraucht«, begründet sie ihre Entscheidung schlicht. Zudem sei es ein humanitärer Akt, denn neben den Soldaten muss die Medizinerin zukünftig auch die lokale Bevölkerung verarzten, wenn etwas in ihrer Umgebung geschieht. »Ob ein Palästinenser mit einer Verletzung zu mir kommt oder bei einer schwangeren Frau am Grenzübergang die Wehen einsetzen – ich bin da.«

Neben ihrer Motivation, der Gesellschaft zu dienen, hat sie auch eine Agenda. »Stimmt«, gibt sie offen zu. Gemeinsam mit ihren Kameradinnen, die ebenfalls in Kampfeinheiten arbeiten werden, sieht sie es als Zeichen. »Wir sind das Beispiel für Feminismus in der sehr chauvinistischen Armeewelt. Wir zeigen damit, dass wir nicht schwächer sind als die Männer.«

Ausbildung Statt direkt nach der Schule zur Armee zu gehen, studieren diese Wehrpflichtigen zunächst an einer gewöhnliche Universität Medizin. Im Anschluss an das praktische Jahr folgt der medizinische Offizierkursus der IDF. Der Kursleiter weiß, dass es eine große Umstellung ist, von der Universität in die Armee zu kommen. »Es ist oft hart für Zivilisten, sich den Gepflogenheiten anzupassen. Die jungen Leute müssen ihre Art zu denken ändern. Auf einmal tragen sie eine Waffe und Kampfmontur statt Kittel. Sie wissen, wie man sich um Patienten kümmert, nicht um Soldaten. Das lernen sie bei uns.« Neben der besonderen Armeemedizin, die in erster Linie aus dem Verarzten von Verletzungen besteht, werden allgemeine Armeestandards und -werte vermittelt. Ein Großteil der Ausbildung beschäftige sich damit, wie man »ein Kommandant im Kampf ist, Opfer birgt und versorgt«.

Alex Sorkin hofft, dass es dazu niemals kommen wird. »Doch wenn, dann bin ich bestens ausgebildet«, gibt er sich selbstbewusst. Sein Praktikum machte der 27-Jährige, der im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern aus Weißrussland nach Israel einwanderte, an einem Traumazentrum in Chicago. Sorkin wird sich demnächst um die medizinischen Belange einer Kampftruppe im Norden kümmern. Auch da ist es nicht immer ruhig. »Ist mir klar«, sagt er, »doch dies ist eine einmalige Chance, die nicht jeder hat«. Für Sorkin ist die Tätigkeit als Armeearzt ein Geben und Nehmen, meint er. Denn eine gute Leis-tung in der Armee ebne später den Weg in der Zivilgesellschaft. »So tue ich Gutes für mein Land und gleichzeitig etwas für meine persönliche Zukunft.«

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