Nahost

Teherans Taktik

Warum der Iran die gesamte Region zu destabilisieren sucht. Und welche Rolle die Terrortruppen dabei spielen

17.05.2018 – von Alan PosenerAlan Posener

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Als Papst Benedikt XVI. einmal einen byzantinischen Kaiser zitierte, der dem Islam eine besondere Neigung zur Gewalt unterstellte, reagierten große Teile der islamischen Welt auf eine Weise, die dem Kaiser Recht zu geben schien. Ähnlich war es, als US-Präsident Donald Trump das Atomabkommen mit dem Iran aufkündigte, unter anderem deshalb, weil die Mullahs die gesamte Region zu destabilisieren suchen.

Iran reagierte prompt mit den ersten direkten Angriffen eines islamischen Staates auf Israel seit 1973. Die israelische Reaktion war schnell, gezielt und vernichtend. Aber man fragt sich schon, weshalb die Teheraner Theokraten partout ihre Rolle als Störenfriede unterstreichen mussten.

skorpion Vielleicht ist es so wie beim Skorpion, der den Fuchs überredete, ihn auf seinem Rücken über den Fluss zu bringen. Er werde den Fuchs nicht stechen, so der Skorpion, weil er dann ja selbst ertrinken werde. Der Fuchs willigt ein, und mitten im Strom sticht ihn der Skorpion. »Warum tust du das?«, ruft der Fuchs. »Nun sterben wir beide!« »Was soll ich machen?«, erwidert der Skorpion. »So ist nun einmal meine Natur.«

Der Sinn des Atomabkommens mit dem Iran bestand ja nicht in erster Linie darin, das Regime am Bau einer Atomwaffe zu hindern. Das ist dem Land nach dem vom Iran unterzeichneten Nichtverbreitungsabkommen ohnehin untersagt. Wichtiger war die Hoffnung, der Vertrag werde ein erster Schritt sein, um den Iran in das Geflecht internationaler Verträge einzubinden, das die Staatenwelt zusammenhält.

»In einer Region, die von Krisen und Konflikten wahrlich heimgesucht ist, können ganz viele heute ein wenig aufatmen«, sagte Deutschlands damaliger Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), als das Abkommen in Kraft trat. Diplomatie könne auch unüberbrückbar scheinende Gegensätze überwinden, so Steinmeier weiter, und Krisen entschärfen. Das Atomabkommen mache Hoffnung, dass es gelinge, auch andere Konflikte in der Region zu entschärfen, vor allem den Bürgerkrieg in Syrien.

widerspruch Doch schon bald wurde klar, dass der Skorpion seiner Natur nach handeln muss. »In eindeutigem Widerspruch zu den einschlägigen Bestimmungen des UN-Sicherheitsrats entwickelt der Iran sein Raketenprogramm weiter«, sagte Angela Merkel am 7. Juli 2016 in ihrer Regierungserklärung dem Deutschen Bundestag. Das ein Jahr zuvor geschlossene Atomabkommen habe daran nichts geändert. Empörung? Verhalten bis nicht existent. Folgen? Keine.

Mittlerweile ist die schiitische Hisbollah – nicht etwa der sunnitische Islamische Staat – der mächtigste nichtstaatliche Akteur, sprich: Terrortruppe, der Welt. Sie verfügt über ein Waffenarsenal, von dem die meisten arabischen Staaten nur träumen können. Bis zu 150.000 vom Iran gelieferte Raketen fast jeder Reichweite besitzt die Hisbollah, die von Anhängern des Ayatollah Khomeini gegründet wurde und deren Ziel die »Auslöschung« Israels ist.

Dabei verlangte Resolution 1701 des UN-Sicherheitsrats als Gegenleistung für den israelischen Rückzug aus dem Südlibanon die »vollständige Entwaffnung« der Hisbollah! Das war 2006. Bis heute schippern Boote der deutschen Marine vor der Küste des Libanon herum, um die Einhaltung von Resolution 1701 zu »überprüfen«.

nuklearabkommen Empörung über den eklatanten Bruch internationaler Abkommen? Verhalten bis nicht existent. Folgen? Keine. Empörung gab es erst, als Donald Trump die Farce beendete und aus dem Nuklearabkommen ausstieg. Internationale Abkommen seien sakrosankt, hieß es plötzlich, man könne sie nicht »einseitig« aufkünden – gerade so, als hätten die USA, und nicht der Iran, laufend gegen Geist und Buchstaben des Vertrags verstoßen.

Deutsche Unternehmen, die gegen alle Warnungen – etwa aus Israel: Aber seit wann haben uns die Juden etwas zu sagen? – sich in Teheran die Klinke in die Hand gegeben hatten, erhoben ein großes Geschrei über entgangene Profite, in das auch angebliche Linke einstimmten, als der neue US-Botschafter in Berlin das Selbstverständliche aussprach: Deutsche Firmen müssten zwischen dem iranischen und dem amerikanischen Markt wählen. Wenn es ums Irangeschäft ging, kannte man keine Parteien mehr, nur noch beleidigte Deutsche.

Trumps Herausforderung der Theokraten und die fast zeitgleiche Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem sind Triumphe Benjamin Netanjahus, und man darf annehmen, dass sich ein Teil der europäischen Empörung daraus speist. »Trumps Botschaftsverlegung kostet Dutzende Menschenleben« titelte der britische »Guardian«, nachdem die vom Iran finanzierte und kontrollierte Hamas am »Nakba«-Tag Zehntausende gegen Israel in Marsch gesetzt hatte. Merke: Nicht fanatischer Judenhass, sondern die Anerkennung von Israels Hauptstadt soll für die Toten verantwortlich sein.

Wie werden linksliberale Medien reagieren, wenn es zum unvermeidlichen Krieg gegen die Hisbollah kommt? Man kann es sich ausdenken. Aber ob es ihnen oder einem selbst passt oder nicht: Nach wie vor ist Israels militärische Stärke der einzige Garant für die Existenz des jüdischen Staates. Nur wenn man dem Skorpion den Stachel zieht, kann man mit ihm über den Fluss schwimmen.

Der Autor schreibt für die »Welt« und betreibt den Blog »Starke Meinungen«.

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