Jüdische Allgemeine | 01.12.2011 | Beate Roßbach | https://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/11790

Hannover

Harmonie und Hartnäckigkeit

20 Jahre hat Andor Izsák für eine jüdische Musikhochschule gekämpft – jetzt wird sein Traum wahr

Im Frühjahr 2012 wird gefeiert. Der genaue Termin ist noch ein Geheimnis, aber dass der Bundespräsident dabei sein wird, das steht schon fest, sagt Andor Izsák. Das Ereignis: Die Villa Seligmann in Hannover, die neue Heimat des von ihm geleiteten Europäischen Zentrums für Jüdische Musik (EZJM), wird nach umfassender Sanierung und Restaurierung feierlich eröffnet.

Bereits seit April 2011 hat das Zentrum in einigen Räumen der Villa seinen Sitz. Wenn alle Handwerker und Restauratoren die Tür hinter sich geschlossen haben, kann die Arbeit dort beginnen. Für Andor Izsák erfüllt sich damit ein Traum, den er hartnäckig verfolgt hat. Seine Augen funkeln hinter den Brillengläsern, wenn er davon erzählt. »Es war ein Kampf, der 20 Jahre gedauert hat. Aber ich habe mich durchgeboxt.«

Biografie Eine unmögliche Geschichte, die wahr wird, und ein Glaube, der Berge versetzt, so könnte man auch das Leben von Andor Izsák betiteln, nachzulesen in seiner jüngst erschienenen Biografie Andor der Spielmann. 1944 im Budapester Ghetto geboren, überlebt er den Krieg im besetzten Ungarn. Hunger, Verfolgung, ein Granateneinschlag, der den Säugling im Kinderwagen unter einem Steinhaufen begräbt und schwer verletzt – es ist ein Wunder, dass dieses Kind lebt. Hineingeboren in eine strenggläubige und fromme jüdische Familie, heißt es sowohl unter den Nazis als auch im Reglement der sozialistischen Gesellschaft, sich anzupassen, ohne sich untreu zu werden.

Für Andor Izsák wird die Musik zum Leitstern und zur Konstante seines Lebens. Schon früh wird seine Liebe zur Orgelmusik und zur Musik der Synagogen geweckt. Er studiert an der Franz-Liszt-Musikhochschule und ist bereits als Student Organist in der Budapester Dohány-Synagoge, dem größten jüdischen Gotteshaus Europas. 1962 gründet er gemeinsam mit dem Kantor Marcel Lorand den Lewandowski-Chor, das erste Ensemble, das nach dem Holocaust wieder synagogale Musik aufführt. Er ist als Dozent am Béla-Bartók-Konservatorium und an der legendären Fodor-Musikschule sowie als Chor- und Operndirigent tätig.

1983 heiratet Andor Izsák die ungarische Pianistin Erika Lux. Sie ist zu diesem Zeitpunkt nicht nur eine bereits international bekannte, sehr erfolgreiche Künstlerin – sie ist vor allem Katholikin. Doch auch in diesem Punkt beweist Andor Izsák einmal mehr, dass er das, was er sich vornimmt, sehr wohl in die Tat umsetzen kann. Obwohl klein von Statur, besitzt er alle Attribute eines großen Eroberers – im positiven Sinne.

Gespür Sein Erfolg basiert auf Klugheit und Hartnäckigkeit, auf guten Argumenten, die charmant vorgebracht werden, und auf dem Gespür für die jeweils richtige Strategie. Andor Izsák ist ein begnadeter Netzwerker, der die Menschen zusammenbringt. Die Begeisterung, die aus seinem Herzen kommt, steckt an. So wurde auch das Projekt Villa Seligmann zur Erfolgsgeschichte, mit dem heutigen Bundespräsidenten als langjährigem Unterstützer.

In den 80er-Jahren verlegt das Ehepaar, nachdem die beiden Künstler schon vorher viel im Westen gearbeitet haben, seinen Wohnsitz nach Deutschland. Zuerst in Süddeutschland ansässig, erfolgt später der Umzug nach Hannover. Erika Lux wird 1991 Professorin für Klavier an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Andor Izsák gründet 1988 in Augsburg, in Zusammenarbeit mit der dortigen Universität, das Europäische Zentrum für Jüdische Musik. 1992 wird es unter seiner Leitung ein Institut der hannoverschen Musikhochschule, und 2003 erhält Izsák dort eine Professur für Synagogale Musik. Da ist sein Engagement für die Villa Seligmann bereits voll im Gange.

kulturerbe Die Villa, ein stattlicher Bau im Stil der Neorenaissance, ist eine Besonderheit. Sie wurde 1906 für Siegmund Seligmann, den Direktor der Continentalwerke in Hannover, erbaut und gehört zu den wenigen bedeutenden Bauten, die in Norddeutschland als jüdisches Kulturerbe erhalten geblieben sind.

Es ist eine großzügige Anlage. Ein Haus mit 1.700 Quadratmetern Wohnfläche vom Keller bis zum Dach, auf einem 3.800 Quadratmeter großen Grundstück, früher angelegt als neobarocke Gartenanlage, das einst für nur drei Personen ein Zuhause war – für Siegmund Seligmann, seine Frau Johanne und den Sohn Edgar.

Schon 1925 stirbt Siegmund Seligmann. Seine Witwe und sein Sohn bleiben zunächst in der Villa wohnen, müssen dann aber wegen der hohen Unterhaltskosten 1931 verkaufen. Das Grundstück für 60.000 Mark, das Haus schenkt Edgar Seligmann der Stadt Hannover. Seine Mutter überlebt die Nazizeit und die Kriegsjahre in der Schweiz. Sie stirbt 1949 in Luzern. Edgar wird am 9. November 1938 verhaftet, enteignet und wenige Wochen später in die Schweiz gebracht, wo er kurz danach stirbt.

Nach dem Auszug der Familie Seligmann hat das Haus wechselnde Bewohner. Ab 1974 wird es von der Musikschule der Stadt Hannover genutzt und »verhunzt«. Akustikdecken werden über Deckenmalereien und Holzrosetten gezogen, Linoleum über Parkett- und Mosaikböden, Glasfasertapeten über die Wandmalereien im Treppenhaus.

Erhalten Aber, so sagen die Experten, es war zum Glück nie genug Geld da, um Neues zu gestalten, dem wäre wohl das historische Interieur zum Opfer gefallen. So konnten alle repräsentativen Räume fachgerecht restauriert werden. Im künftigen Konzertsaal, früher das Wohnzimmer der Seligmanns, ist bereits eine von Andor Izsáks historischen Orgeln eingezogen. »Wenn jemand also authentische synagogale Musik hören möchte, muss er nach Hannover kommen.«

Die Villa, jetzt wieder ein echtes Schmuckstück, solle ein Haus der jüdischen Musik werden, sagt er. Außer dem EZJM mit Büro und Verwaltung wird auch die Forschung hier angesiedelt werden sowie eine Bibliothek und ein Archiv von europäischem Rang. Natürlich werden auch Seminare und Kongresse sowie Lehrveranstaltungen stattfinden.

Hier hat der Professor zwei Aspekte im Blick: »Das ist zum einen das internationale Fachpublikum, das hungrig auf solche Themen ist. Aber ich hoffe auch sehr auf das Interesse von Laien. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass alle Musikhochschulen und Universitäten in Deutschland mit kirchenmusikalischen Fakultäten ihre Kompaktseminare hier in der Villa veranstalten. Ich möchte die jüdische Musik wieder in den allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Kreislauf injizieren.«

Projekte Zwei große wissenschaftliche Projekte sind es, die bearbeitet werden sollen. Zum einen ist es die Aufarbeitung der Geschichte der Synagogenorgeln, zu dem Izsák bereits einiges veröffentlicht hat. Jetzt sei es an der Zeit, sagt er, ein internationales Gremium ins Leben zu rufen und fortan gemeinsam von Hannover aus die Forschungsergebnisse zu veröffentlichen.

Zum anderen soll das Archiv, die Andor-Izsák-Sammlung, ein großes Konvolut von historischen Noten und Tonträgern, aufgearbeitet, katalogisiert, erschlossen und publiziert werden, die wichtigsten Handschriften in Form von Faksimiles. »Das ist wirklich eine Großbaustelle.

Die Erforschung der Synagogalen Musik geschieht natürlich nicht nur bei mir.« Damit beschäftigten sich Kollegen in Jerusalem und in den USA, in New York, Paris oder London. In der Villa sollen diese Kräfte gebündelt und via Internet soll ihre wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit vernetzt werden. »Dadurch wird die Villa letztlich eine Art Hochschule für jüdische Musik. Ich hoffe auch auf neue Ausbildungsmöglichkeiten«, sagt Izsák.

Wie viele Millionen es gekostet hat, die Villa Seligmann glanzvoll ihrer neuen Bestimmung zuzuführen, möchte Izsák nicht verraten. Nur so viel, dass er für jeden Pfennig und jeden Cent gekämpft und gebettelt hat. »Ich würde es wieder machen. Aber einfach war es nicht. Die großen Türen waren immer zu. Ich musste immer die kleinen Türen suchen und finden, aber das ist mir gelungen.«