Schweden

Zukunft hinterm Meer

von Katharina
Schmidt-Hirschfelder

Wollweste, vier Hemden und ein Buch über jüdische Geschichte. Als Jacki Jakubowski 1968 die Packliste für seine Ausreise nach Schweden schrieb, war er in Polen nicht länger willkommen. Die akkurate Liste auf kariertem Papier hat der Chefredakteur der schwedischen Zeitschrift »Judisk Krönika« sorgfältig aufbewahrt. Ebenso die vergilbte Wartenummer seines ersten Besuches beim Stockholmer Arbeitsamt. Sein Akkordeon jedoch, ein Familienerbstück mit 89 Tasten, konfiszierten die polnischen Behörden auf dem Gdansker Bahnhof in Warschau. Erlaubt waren, laut polnischer Norm, nur 67 Tasten.
Dass die polnischen Juden damals Arbeit, Eigentum und Existenz verloren, empört Yvonne Jacobssohn noch heute. »Und dann wurden sie auch noch gedemütigt und erniedrigt«, ereifert sich die Chefin des Stockholmer Jüdischen Museums, während sie die Papierberge auf ihrem überladenen Schreibtisch energisch zur Seite schiebt.
Auf 30 Quadratmetern will »1968«, so der Titel der aktuellen Ausstellung des Museums, beides beleuchten, Einzelschicksale und Weltgeschichte. »Während in Paris Studenten demonstrierten und sowjetische Panzer auf Prag zurollten, hat das kommunistische Regime in Polen unter Wladyslaw Gomulka die Juden als Sündenbock für Unruhen im eigenen Land herausgepickt«, erklärt Jacobssohn. 20.000 Juden, Überlebende der Schoa und ihre Kinder, emigrierten damals in eine ungewisse Zukunft, nachdem ihnen die polnische Staatsbürgerschaft aberkannt worden war. Schweden nahm 3.500 Flüchtlinge auf. Anfangs als Durchgangsstation auf dem Weg nach Israel gedacht, wurde das skandinavische Land jenseits der Ostsee für die meisten von ihnen schnell zur dauerhaften Bleibe.
Die polnisch-jüdischen Emigranten von damals gehören heute zur intellektuellen Elite des Landes. »Keine Gruppe ist so etabliert und integriert in die schwedische Gesellschaft wie diese 1968er«, konstatiert Yvonne Jacobssohn. Jacki Jakubowski, Dorotea Bromberg, Jerzy Holzer und Maciej Zaremba sind Namen, die in Schweden jeder kennt. Dass sie Juden waren, wurde den meisten von ihnen erst 1968 bewusst. Beim Kofferpacken.
Es ist ihre Geschichte, die die Ausstellung erzählt. Eine gewagte Installation aus Videoclips, Originalaufnahmen polnischer Propagandareden und pfeifender Lokomotiven simuliert den Gdansker Bahnhof in Warschau. Für viele Flüchtlinge damals die letzte Station im kommunistischen Polen. Mit einem One-Way-Ticket nach Stockholm und ein paar Erinnerungsfotos im Gepäck.
Eines davon hat die Verlegerin Dorotea Bromberg dem Jüdischen Museum zur Verfügung gestellt. Es zeigt sie zusammen mit ihrer besten Freundin Grazyna. Zwei fröhliche, kichernde Teenager. »Als Dorotea von der Schule flog, weil sie Jüdin war, protestierte Grazyna beim Rektor«, erzählt Museumschefin Jacobssohn. »Daraufhin folgte auch für sie der Schulverweis. Wenige Tage später nahm sich Grazyna das Leben. Sie schäme sich für Polen, schrieb sie im Abschiedsbrief an Dorotea. Klar, dass Dorotea dieses Foto all die Jahre wie einen Schatz gehütet hat.«»
Jacobssohn kennt jede Geschichte hinter den Exponaten. Auch die von Jerzy Holzer. An jenen Abschied auf dem Gdansker Bahnhof erinnert sich der Fotograf mit nahezu professioneller Präzision. An rot geweinte Augen, wachsweiche Knie und die endlos hoch scheinenden Stufen des Zugabteils, das ihn nach Schweden bringen sollte. «Ich wollte mir alles genau einprägen. Tagebuch zu schreiben hat mir geholfen, diesen Bruch zu verarbeiten.» Polen ist ihm bis heute fremd geblieben. «Alles was mir an Polen lieb war, habe ich auch in Schweden: die Natur, das Meer. Ich vermisse nichts.»
Maciej Zaremba fallen auf Anhieb drei Dinge ein, die ihm in Schweden fehlen. «Der Sinn für das Absurde, die Distanzlosigkeit, der Duft meiner Kindheit.» Allerdings – nach spätestens zwei Wochen Polen sehne er sich nach seinem neuen Zu- hause jenseits der Ostsee, sagt Schwedens bekanntester Publizist. Die Versöhnungsofferte des polnischen Präsidenten Anfang des Jahres begrüßt Zaremba ausdrücklich. Aus praktischen Gründen. «Ich habe oft in Polen zu tun. Zwei Pässe? Warum nicht.» Erst vergangene Woche sei er zum Klassentreffen nach Polen gefahren. «Ein komisches Gefühl. Kurz nach dem Abitur verkündete meine Mutter: ‚Wir emigrieren und sind Juden.‘ In dieser Reihenfolge», erzählt er trocken. Erst in diesem Moment sei ihm klar geworden, warum es mütterlicherseits keine Verwandten gab. «Vater hatte jede Menge Brüder und Schwestern. Alter polnischer Adel. Dass ich nicht nur Pole, sondern auch Jude war, hat mein ganzes Selbstbild schlagartig verändert», überlegt Zaremba. «Plötzlich war ich der Andere.» Schweden habe ihm diesbezüglich gut getan. «Ich glaube, ich hatte Glück, nach Schweden zu kommen. Wegen meines Charakters. In Polen wäre ich viel arroganter und selbstbezogener geworden», sagt er und lacht.
Mit einem Ausreisevisum für Israel in der Tasche und der kranken Großmutter an der Hand flog der damals 18-jährige Maciej zuerst nach Kopenhagen. Von dort aus ging es weiter nach Stockholm. Wo sie mit offenen Armen aufgenommen wurden. «Diese Wärme war rührend. Das Hotelzimmer, das Essen, nahezu ein Empfang – alles hatte die jüdische Gemeinde für uns arrangiert. Dabei haben wir so wenig ihren Erwartungen entsprochen», überlegt Zaremba kurz.
Die Jüdische Gemeinde Stockholm hatte entscheidenden Anteil daran, dass die schwedischen Behörden die Grenzen öffneten. Später half sie den Emigranten bei Wohnungssuche, Sprachkursen und Formalitäten. Aber die Neuankömmlinge waren keineswegs daran interessiert, aktiv am Gemeindeleben teilzunehmen. Von Synagogenbesuchen ganz zu schweigen. «Ich hatte keine Ahnung von Religion. Die meisten von uns waren vollkommen säkularisiert», erklärt Zaremba das Aufeinanderprallen dieser zwei Welten. Museumschefin Jacobssohn bestätigt: «In Polen wurden sie als Juden betrachtet, in Schweden als Polen. So wurden sie auf verschiedene Art abgestempelt». Dass sich die meisten Emigranten von damals so schnell etabliert haben, erfüllt die jüdische Gemeinde Schwedens heute mit Stolz.

Die Ausstellung «1968» im Jüdischen Museum Stockholm, Hälsingegatan 2, ist noch bis 15. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: Sonntag bis Freitag 12 bis 16 Uhr.

www.judiska-museet.se

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