schwanger

Zukunft aus dem Reagenzglas

von Hannes Stein

Diese Geschichte beginnt 1978 in England. In diesem Jahr gelang es dem Embryologen Robert Edwards und dem Gynäkologen Patrick Steptoe, eine menschliche Eizelle in einer Petrischale mit menschli‐ chem Samen zu befruchten und den Embryo anschließend einer Frau so in den Unterleib einzupflanzen, dass am Ende ein gesundes, schreiendes Baby daraus wurde. Die Frage, die sich naturgemäß sofort daraus ergab, lautete: Ist es gut für die Juden, oder ist es schlecht für die Juden? Und: Ist es halachisch überhaupt zulässig?
„Die meisten rabbinischen Autoritäten meinten, es sei ‚assur‘ – verboten“, sagt Lea Davidson, die als Pressesprecherin für das Puah‐Institut in Brooklyn arbeitet. „Aber Mordechai Eliahu urteilte, In‐vitro‐Fertilisation sei halachisch erlaubt.“ Mordechai Eliahu war der sefardische Oberrabbiner von Israel, und nachdem er die In‐vitro‐Fertilisation für koscher befunden hatte, rannten ihm kinderlose Paare die Tür ein. Er musste im Keller seines Hauses eine Beratungsstelle für sie einrichten.
Damit war das Puah‐Institut geboren. Bibelkundige erkennen im Namen sofort eine der beiden Hebammen, die sich weigerten, Pharaos Befehl zu folgen und jüdische Kinder umzubringen (2. Buch Moses 1,15). Noch Bibelkundigere erkennen in der hebräischen Abkürzung PUAH (Pej‐Waw‐Ain‐Heh) Mirjam wieder, die ein Wort der Aufmunterung ins Ohr einer Mutter flüsterte, worauf diese prompt ihr Kind gebar.
„Unsere Hauptbeschäftigung ist die Beratung“, sagt Lea Davidson, eine orthodoxe attraktive Frau mittleren Alters. „Jeden Tag gehen bei uns mehr als 200 Anfragen ein – per Telefon, per E‐Mail, per Brief.“ Der Grund, warum sie gern für Puah arbeite: „Wir kümmern uns wirklich um alle, unabhängig von der religiösen Orientierung.“
Eines von sechs Paaren – völlig unabhängig von Religion, Hautfarbe, Kulturkreis und gesellschaftlichem Status – hat Schwierigkeiten damit, auf natürlichem Weg für Nachwuchs zu sorgen. Sogar ein nichtjüdisches Paar habe einmal die Dienste von Puah in Anspruch genommen. „In 95 Prozent der Fälle erweist sich eine In‐vitro‐Fertilisation, die ein eher dramatischer medizischer Eingriff ist, gar nicht als nötig“, sagt Davidson. „Wir sprechen mit Paaren über solche Themen wie Stress und Ernährung, aber auch über intime Dinge.“
In fünf Prozent der Fälle ist der medizinische Eingriff allerdings unumgänglich. Hier kommt dann die zweite Stärke des Puah‐Instituts zum Einsatz: die Supervision. Im Grunde geht es dabei nicht anders zu als bei der Überwachung der Kaschrut. Es darf – um Gottes willen! – nichts vertauscht werden. Dass der Embryo ja nicht in den Bauch der falschen Mutter gerät! Sonst handelt es sich, halachisch gesehen, bei dem Kind hinterher um einen Mamzer, einen Bastard. Also steht eine ausgebildete orthodoxe Frau daneben und schaut den Ärzten peinlich genau auf die Finger.
„Seit der Gründung des Instituts ist es uns gelungen, in vielleicht 35 bis 40 Fällen einen Irrtum zu verhindern“, berichtet Lea Davidson. „Statistisch gesehen ist das nichts, rein vernachlässigenswert. Doch man bedenke: 40 Familientragödien! So gesehen, ist es wieder sehr viel.“
Es sei „das wahre Wunder“, setzt sie nach einer kleinen Pause fort, „dass die Ärzte uns in ihre Labors lassen.“ In Amerika sei das übrigens leichter als in Israel. Die israelischen Ärzte stellten sich eher auf den Standpunkt: „Lo zarich, wozu braucht es das?“ In Amerika seien die Herrschaften in den weißen Kitteln – gerade auch die Nichtjuden unter ihnen – viel offener und respektvoller.
Der Gerechtigkeit halber muss man jedoch hinzufügen: Die meisten In‐vitro‐Fertilisationen der Welt werden heute in Israel durchgeführt, nicht in Amerika.
Dafür gibt es einen sehr einsichtigen Grund: Geld. „In Amerika kostet ein Eingriff 20.000 bis 50.000 Dollar“, sagt Lea Davidson. In vielen Fällen schlägt die Behandlung nicht gleich an, manchmal sind bis zu zehn Anläufe nötig – „dann sind Sie ganz schnell bei einer halben Million“. In Israel kostet die Operation deutlich weniger, nämlich gar nichts. Kupat Cholim, die staatliche Krankenkasse, deckt die gesamten Kosten.
Das geht, so Lea Davidson, noch auf eine Regelung aus der Zeit des ersten Premierministers David Ben‐Gurion zurück: Schwangerschaften sollen jede nur mögliche Unterstützung erfahren, damit das jüdische Volk wächst und gedeiht. Und keine Frage, selbstverständlich gibt es einen jüdischen Schwangerschaftstourismus. Frauen, denen es ohne medizinische Hilfe nicht gelingt, in andere Umstände versetzt zu werden, fliegen gern mal aus New York ins Gelobte Land. Neapel sehen und sterben? Nein, Israel sehen und gebären!
Wie geht das Puah‐Institut eigentlich mit alleinstehenden Frauen um, die gern ein Kind großziehen möchten? Das ist der Punkt, an dem orthodoxe Rabbiner mit großer Entschiedenheit die Stirn runzeln, und Lea Davidson tut es ihnen gleich: „Ich würde solchen Damen raten, ein Kind zu adoptieren. Damit tun sie etwas Großartiges für sich und die Gesellschaft. Alles andere kommt mir sehr egoistisch vor.“
Klickt man die Website des Instituts an, dann sieht man sofort, dass Puah von vielen halachischen Autoritäten unterstützt wird. Freilich gibt es auch immer noch Rabbiner, die die In‐vitro‐Fertilisation für religiös bedenklich halten. „Wenn ein Paar zu uns kommt, dessen Rabbi gesagt hat, es dürfe keine medizinische Hilfe in Aspruch nehmen, bitten wir diesen Rabbi meistens, das Paar ‚gehen zu lassen‘“, sagt Lea Davidson. Halachisch sei dies erlaubt. Der Rabbi entlässt das Paar in diesem Fall aus seiner Obhut, damit es sich anderswo Rat holen kann – auch wenn dieser Rat seiner Meinung ganz und gar widerspricht.
So pragmatisch kann Religion funktionieren, so lange nur immer wieder ein neuer Anfang gemacht wird. Dieser ist, wie Hannah Arendt schrieb, „garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen“.

www.puahonline.org

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