Antisemitismus

Zu Hause unerwünscht?

von Vladimir Matveyev

Ein Drittel der Ukrainer will keine Juden in ihrem Land, wie eine neue Untersuchung herausfand. Die vom Internationalen Institut für Soziologie in Kiew durchgeführte Untersuchung ermittelte, dass 36 Prozent der Befragten keine Juden als Bürger der Ukraine sehen möchten. In einer vergleichbaren Untersuchung aus dem Jahr 1994 waren es 26 Prozent. Die Befragung von 2.000 Einwohnern in 24 Regionen der Ukraine wurde vom 13. bis 24. Oktober durchgeführt und weist eine Fehlertoleranz von knapp 2 Prozentpunkten auf.
Die Meinungsforscher stellten überdies eine hohe Verbreitung antisemitischer Einstellungen gerade bei jüngeren Befragten fest. Laut der Umfrage wollen 45 Prozent der Befragten im Alter zwischen 18 und 20 Juden nicht als Bürger der Ukraine sehen. Die Umfrage verzeichnete auch einen hohen Grad von Ausländerfeindlichkeit und rassistischen Vorurteilen – insbesondere gegen Roma und Dunkelhäutige - in der ukrainischen Gesellschaft.
»Die Einstellung gegenüber Juden ist nicht am schlimmsten. In unserem Diagramm liegt sie ungefähr in der Mitte«, sagt Vladimir Panioto, Leiter des Instituts. »Gegen Zigeuner und dunkelhäutige Menschen hegen die Ukrainer eine noch stärkere Abneigung.« Gefragt nach den Roma, meinten 71,8 Prozent der Befragten, sie wollten sie nicht als Bürger der Ukraine sehen. Über 61 Prozent ließen eine ähnliche Haltung zur rumänischen Minderheit erkennen.
Über 6 Prozent der Ukrainer wollen laut der Untersuchung nicht, dass Juden in die Ukraine kommen, verglichen mit 14,6 Prozent, die keine Amerikaner im Land sehen möchten, und 0,7 Prozent, die nicht wollen, dass Russen die Ukraine besuchen.
Jüdische Führer und Aktivisten bewerteten die Umfrage unterschiedlich. Ein Aktivist sagt, die Studie spiegele ziemlich genau die weit verbreiteten antijüdischen und ausländerfeindlichen Gefühle in der ukrainischen Gesellschaft wider. Zudem, so Alexander Naiman, täten die ukrainischen Behörden nichts, um die Situation zu verbessern. Bislang habe es von Regierungsseite »keine angemessene Stellungnahme zu den Problemen der ethnischen Minderheiten in der Ukraine gegeben«, sagt Naiman, der die ukrainische Antidiffamierungsliga in Kiew leitet, eine Gruppe, die jedoch nichts mit der ADL (Anti-Defamation League) in den USA zu tun hat.
Diejenigen, die mit Naiman einer Meinung sind, glauben, dass die antijüdische Gesinnung unter den 47 Millionen Einwohnern des Landes aufgrund der Situation im Nahen Osten, vor allem nach dem israelischen Krieg gegen die Hisbollah im letzten Sommer, noch alltäglicher geworden ist.Laut einer jährlich durchgeführten Erhebung zum Antisemitismus in der Ukraine, die Anfang des Jahres von der Jewish Agency for Israel veröffentlicht wurde, ist die Zahl gewalttätiger Angriffe gegen Einzelpersonen in der Ukraine 2005 gegenüber dem Vorjahr um 50 Prozent gestiegen.
Mikhail Frenkel, jüdischer Journalist und Leiter des Verbands Jüdischer Medien in der Ukraine und andere Aktivisten machen dafür unter anderem die »Interregionale Akademie für Personalmanagement« (MAUP) verantwortlich. Die Privatuniversität in Kiew gilt als eine der Hauptquellen für antisemitische Propaganda in der Ukraine. Jüdische Repräsentanten sind sich weitgehend einig darüber, dass trotz der Schritte, die in jüngster Zeit unternommen wurden – insbesondere die Schließung einiger regionaler MAUP-Niederlassungen –, die Ukraine nicht genug tut, um die Verbreitung antijüdischer und antiisraelischer Propaganda durch die Leitung der Schule zu verhindern.
Andere führende Vertreter der Gemeinde hingegen meinten, die Ergebnisse der Studie erforderten eine ausgewogenere Interpretation und die jüdische Situation in der Ukraine sei nicht ganz so trostlos, wie die Umfrage nahe legt. »Es gibt Fremdenfeindlichkeit, und es gibt die MAUP, aber wir sollen in Rechnung stellen, dass alle ethnischen Minderheiten sich noch immer frei in der Ukraine entfalten können«, sagt Josef Zissels, Leiter des ukrainischen Wa’ad und eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in der jüdischen Gemeinde. Einer der ukrainischen Oberrabbiner stimmt mit ihm überein. Der Antisemitismus in der Ukraine ist hoch, »aber meiner Meinung nach ist er viel niedriger«, als die Umfrage nahe legt, sagte der ukrainische Oberrabbiner Yaacov Dov Bleich.
In Zusammenhang mit diesen jüngsten Entwicklungen hat eine Gruppe jüdischer Abgeordneter und Aktivisten die ukrainischen Behörden aufgefordert, den Verkauf ausländerfeindlicher und antisemitischer Bücher und Periodika auf dem größten Stadtplatz in Kiew zu verbieten. Von staatlicher Seite gab es noch keine Reaktion.

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