Hamas

Zu früh gefreut

von Wladimir Struminski

Mit einem einzigen Satz hat Chaled Maschal für Schlagzeilen gesorgt. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters sagte der Leiter des Hamas‐Politbüros in Damaskus in der vergangenen Woche: „Es wird auch künftig einen Staat namens Israel geben, das ist eine Realität“. Unverzüglich priesen internationale Medien Maschals Worte als ein Zeichen der Mäßi‐ gung oder sogar als implizite Anerkennung des jüdischen Staates. In Israel hielt sich die Begeisterung in Grenzen. Ministerpräsident Ehud Olmert verweigerte eine Stellungnahme. Der stellvertretende Verteidigungsminister Efraim Sneh vermochte keine Mäßigung der Hamas zu erkennen. Für das Außenministerium war Maschals Spruch „eines der Wortspiele, wie man sie von der Hamas bereits kennt“. Eine Anerkennung Israels bedeute die Äußerung Maschals nicht.
Das sah die Hamas genauso. Nur eine Stunde nach Veröffentlichung des Interviews stellte der palästinensische Regierungssprecher Rasi Chammad klar: „Unsere Position, Israel nicht anzuerkennen, hat sich nicht geändert“. Tatsächlich weigerte sich Maschal im Verlauf des Interviews wiederholt, eine auch nur indirekte Anerkennung Israels auszusprechen: „Als Hamas und als Palästinenser sprechen wir nicht davon, Israel anzuerkennen oder es als Realität zu akzeptieren“, erklärte Maschal. Ohnehin, so Hillel Frisch, Forscher am BESA‐Zentrum für Strategische Studien an der Universität Bar‐Ilan, hätte der Politbürochef der Hamas nicht die Befugnis, eine verbindliche Anerkennung Israels auszusprechen. Da die Zerstörung des jüdischen Staates in der Charta der Hamas festgeschrieben sei, könne dieses Ziel nur von den zuständigen Gremien der islamistischen Organisation aufgehoben werden.
Ein Zufall oder ein Ausrutscher war das Interview dennoch nicht, zumal es mit der iranischen Führung abgesprochen worden sein dürfte. Die Äußerung, glaubt Frisch, reiht sich in die Bemühungen der Hamas ein, weltpolitische Akzeptanz zu erlangen. Im Verhältnis zu Israel wiederum wolle die Hamas die Möglichkeit eines modus vivendi ausloten, bei dem sich beide Seiten auch ohne offizielle Anerkennung arrangieren. Das lehnt Jerusalem ab. Anfang dieser Woche stellte Premier Olmert klar, er werde mit keiner palästinensischen Regierung verhandeln, die Israel nicht anerkennt und den Terrorismus nicht unterbindet. Darin wird Olmert nicht nur von den meisten seiner Landsleute, sondern auch von der US‐Regierung bestärkt. Dem israelischen Außenministerium zufolge hat es Maschal auch nicht geschafft, die Anti‐Hamas‐Front in den europäischen Hauptstädten ins Wanken zu bringen.
Gleichwohl hat die „inoffizielle“ Annäherung auch in Israel ihre Anhänger. Sie glauben, ein ungeschriebenes Stillhalteabkommen würde der Hamas eine Einstellung des Terrorismus ermöglichen, ohne ihre ideologischen Grundpositionen offiziell aufgeben zu müssen. Ob Maschal wirklich in diese Richtung steuern will, muss sich erst erweisen.

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