Tel Aviv

Zirkus in der weißen Stadt

Mit der »ArtTLV« nimmt Tel Aviv nach der Sommerpause seinen Kunstbetrieb wieder auf. Das ambitionierte Projekt schürt hohe Erwartungen, denn es nennt sich »Biennale«.
Wer sich für Kunst begeistert, kann bis zum 24. September viel erleben: Mehr als 50 Galerien und Artspaces feiern mit neuen Ausstellungen die Eröffnung des neuen Kunstjahres. Vergangene Woche öffneten sich 100 lokale Künstlerateliers der breiten Öffentlichkeit zur Besichtigung. »Wir lieben Kunst, wir machen Kunst«, hieß diese Initiative, die den Besucher entdecken ließ, wie viele Künstler in der weißen Stadt am Meer – trotz der exorbitant hohen Mieten – Studios betreiben. Ein Großteil der Kunstproduktion findet in den seit den 70er‐Jahren leer stehenden Fabriken im Süden Tel Avivs statt. Die meisten Ausstellungen sind in diesem Teil der Stadt zu sehen.
Wer bereit ist, sich in diesen Kunst‐dschungel zu stürzen, bekommt zahlreiche Flyer in die Hände gedrückt, die diese Events erklären und auffindbar machen sollen. Dabei ist eine Grundausbildung bei den Pfadfindern gewiss von Nutzen. Nicht weniger als sieben verschiedene Stadtpläne, auf denen die Kunstlocations eingezeichnet sind, verteilten allein die Stadt Tel Aviv und ihre Mitorganisatoren. Die »Biennale« untergliedert sich in vier bis sieben Einzelausstellungen mit verschiedenen Titeln. Das Hauptevent dieser Ausstellungen heißt »Der universale Zirkus – Stadt‐Performances«. Wie wahr: Viel Zirkus wird um diese Biennale veranstaltet, die hauptsächlich junge israelische Künstler zeigt und nicht, wie der Name vermuten ließe, internationale Kunst von Rang und Namen.
Wer den Hinweisen der verschiedenen Karten folgt, findet einen gänzlich neuen Ort in der Tel Aviver Kunstszene. Dieser Ort war so neu, dass sich die Organisatoren noch nicht einmal auf einen Namen für ihn einigen konnten. Er sei ein »prä‐Tel Aviver Ort«, heißt es im Katalog‐Text. Gemeint sind die Fabrik und das Wohnhaus der Brüder Wagner in Neve Zedek, dem ältesten Stadtteil Tel Avivs. Dort ducken sich drei renovierte Templerhäuser aus dem 19. Jahrhundert im Schatten eines riesigen Edelhochhauses. In der Tat ein skurriler Ort, den Normalsterbliche bisher nicht aufsuchten, da der Komplex nur höchst betuchten Mietern zugänglich war. Keine 20 Meter entfernt, erstreckt sich der südliche Teil Tel Avivs, in dem die Stadtverwaltung Dienste wie Straßenreinigung nur sporadisch verteilt.
»Gerade dieser Ort der Ausstellung bietet die Möglichkeit, den immer verwischter werdenden Blick auf die Grundstruktur der Stadt wieder zu schärfen«, sagt Hila Oren, eine der Kuratoren. Und tatsächlich bietet die Ausstellung hauptsächlich Arbeiten, die sich mit urbaner Verwandlung beschäftigen: Edelrenovierungen, die die Mieten für die ehemaligen Bewohner unerschwinglich machen, Verwahrlosung von Stadtteilen und radikale Veränderungen der Stadtlandschaft durch das »Implantieren« von riesigen Wohntürmen in alte Viertel.
Zusätzlich zu all den verzeichneten Kunstorten gibt es auf den Straßen Dutzende temporäre Installationen und Performances zu sehen. Politisch beschreiten lässt sich die Stadt auch mit einem Stadtplan, auf dem auf der einen Seite Tel Aviv und auf der anderen Seite Gasa gedruckt ist. Wer den Plan gegen das Licht hält, sieht die Städte übereinander gelegt. »Unser Thema ist Kartografie«, heißt es in der Pressemitteilung. Wahrlich, wahrlich. Vor lauter Karten sieht man fast die Kunst nicht mehr. Felice Naomi Wonnenberg

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