Siedler

Wut und Blut

von Sabine Brandes

Nackt und kahl sind die Wände. Der Boden ist nur dreckiger Beton, getreten von vielen Hundert Füßen. In den letzten Stunden kamen immer mehr. Festen Schrittes, entschlossen. Mitten im düsteren, unwirtlichen Raum steht ein großes Pult, provisorisch zusammengezimmert, außen herum billige Plastikstühle. Hier sitzen sie, lehnen und stehen, dicht gedrängt und versunken im Gebet. Zumindest wollen sie glauben machen, ihr Wort an Gott sei inständig und echt. Tatsächlich schielt fast jeder immer wieder zur Tür, nervös, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Es sind fast ausnahmslos junge nationalreligiöse israelische Männer und Frauen, manche noch Kinder. In einem besetzten Haus inmitten der geteilten Stadt Hebron liefern sie sich seit Wochen mit Israels Staatsmacht einen Kampf und testen, wie weit sie gehen können.
Oberflächlich betrachtet dreht sich alles um ein halb verfallenes Haus in der staubigen Einöde der Stadt Hebron im Westjordanland. Tatsächlich aber geht es um viel mehr. Die Radikalen, die sich hier versammelt haben, wollen ein Exempel statuieren und zeigen: „Wir sind hier, weil wir unsere eigenen Regeln und Gesetze machen.“ Für Israel geht es dabei um nicht viel weniger als die Vermeidung eines Bürgerkriegs und den Fortbestand der Demokratie. Immer wieder gibt es gewalttätige Übergriffe von israelischen Jugendlichen auf Palästinenser in der Stadt.
Elyscha ist einer, der den Aufstand probt. Eigentlich kommt er aus Kiriyat Arba, einer jüdischen Enklave von mehr als 6.000 Einwohnern nahe Hebron, auch sie ein Zuhause vieler rechtsgerichteter Nationalisten, die ein „Groß‐Israel“ propagieren und jeglichen Landanspruch der Palästinenser ablehnen. Elyscha ist mit einigen seiner Mitschüler aus der Jeschiwa hier. Sie alle meinen, was sie tun, sei richtig und gut. „Wir vertreten die jüdischen Werte“, behauptet der 16‐Jährige mit der überdimensionalen Häkelkippa auf dem Kopf. „Alle anderen lassen sich doch immer noch wie Schafe wegführen. Wie damals in der Diaspora.“ Seine Worte klingen wie auswendig gelernt, ein Herunterrattern polemischer Phrasen.
Wie Elyscha jüdische Werte mit wiederholten Übergriffen auf unschuldige Palästinenser und deren Eigentum in Einklang bringen soll, weiß er offenbar selbst nicht recht. Befragt nach dem Verhältnis zwischen seiner Moral und der Gewalt gegen Menschen, sagt er lediglich: „Das ist der Preis, der bezahlt werden muss. Das jüdische Land muss in jedem Fall geschützt werden.“ Die Idee vom einem „Groß‐Israel“ oder dem „ungeteilten Heiligen Land“ wird von Extremisten wie Daniella Weiß oder Baruch Marzel vertreten, die diese Jugendlichen wochenlang auf dem Dach des besetzten Hauses indoktriniert haben.
Klamme Kälte kriecht durch die Ritzen an Fenstern und Türen. Die Atmosphäre ist am vergangenen Donnerstag angespannt, da helfen auch die bunten Luftballons nicht, die an zwei Leinen unter der Decke baumeln. Wie ein trotziges Zeichen: „Hier sind wir, hier gehen wir nicht weg.“ Oben auf dem Dach schimmeln die Essensreste vor sich hin, neben den provisorischen Matratzenlagern stapeln sich Autoreifen, leere Flaschen und Steine. Bereit gelegt, um damit Menschen zu verletzen.
Dazu kommt es aber nicht. Plötzlich dröhnt es von unten. Blendgranaten werden gezündet. Verwirrung. Hektische Schreie: „Bleibt hier, bleibt hier!“ Doch die israelische Armee lässt niemanden bleiben. Die meisten Siedler müssen hinausgetragen werden. Mehr als einer beißt, tritt und schlägt. Die Soldaten, es sind ein paar Hundert, tun alles, um die Verwünschungen und die „Nazi‐Rufe“ zu ignorieren. Binnen einer Stunde ist schon alles vorbei. Draußen vor dem Haus liegt Elyscha im Staub, windet sich, mehr vor Wut denn vor Schmerz. „Verräter“, brüllt er, bis er heiser ist. Als ein Soldat vorbeigeht, greift der Teenager nach seinem Bein, klammert sich an den Stiefel. Der junge Mann in Uniform ist vielleicht drei Jahre älter als der, den er gerade bekämpft. Es gibt 25 Verletzte auf beiden Seiten.
Hebron mit seinen etwa 200.000 palästinensischen Einwohnern liegt im Westjordanland. Ein Abkommen von 1998 teilte die biblische Stadt in zwei Sektoren, die jeweils unter israelischer und palästinensischer Kontrolle stehen. 30 Kilometer südlich von Jerusalem in den Judäa‐Bergen gelegen, befinden sich hier die Patriarchengräber in der Machpelah‐Höhle, nach der Klagemauer der zweitheiligste Ort des Judentums. Abraham, Isaak, Jakob, Sara, Rivka und Lea sind hier begraben. Abraham kaufte die Höhle und das umliegende Land vor 3.700 Jahren zum vollen Marktpreis. So steht es geschrieben. Wie für Juden gilt Abraham auch als Stammvater der Muslime. Hebron ist damit auch eine der bedeutendsten Stätten ihrer Religion. Vor etwa 700 Jahren errichteten die Mamelucken eine Moschee über den Gräbern und verboten Juden den Zutritt.
Das Recht zu beten: Immer wieder kommt es deshalb zu blutigen Auseinandersetzungen, mit Toten und Verletzten. Kurz nach dem Sechstagekrieg von 1967 und Israels Annektierung des Westjordanlandes beginnt eine rechtsgerichtete Gruppe um Rabbiner Mosche Levinger mit der „jüdischen Neubesiedlung Hebrons“. Die heute etwa 800 Köpfe zählende Gruppe, fast ausschließlich radikale Siedler, lebt im Herzen der arabischen Altstadt, rund um die Uhr von Soldaten bewacht und bis an die Zähne bewaffnet. Beschimpfungen und Gewalt zwischen Juden und Arabern sind an der Tagesordnung.
An diesem zerrissenen Ort scheint es keine Platitüde zu sein, dass sich Geschichte wiederholen kann. Unbestritten ist, dass das Grab der Patriarchen beiden Religionen heilig ist. Doch statt Koexistenz und Besinnung auf die gemeinsamen Wurzeln, ist die Stadt zu einer Kampfzone geworden. Als reiche der Disput um die historischen Steine nicht aus, flammte vor einigen Monaten der um das besetzte Haus auf. Das Pendant zur antiken Machpelah‐Höhle ist im 21. Jahrhundert ein etwas schäbiges Mehrfamiliengebäude. Diverse Siedlerfamilien lassen sich in dem Haus nieder, ihre Anführer beteuern, es rechtmäßig von den palästinensischen Eigentümern erworben zu haben. Die Verkäufer wiederum erklärten später, sie hätten nicht gewusst, an wen sie da verkaufen. Wer Recht hat und wer nicht, spielt mittlerweile keine Rolle mehr. Das Oberste Gericht Israels entschied aber, dass das Haus binnen 30 Tagen zu räumen sei.
Eine Entscheidung, die von den extremistischen Siedlern nicht anerkannt wird. Verteidigungsminister Ehud Barak versucht noch am Morgen der Räumung mit den Mitgliedern des Yescha‐Rates, der für die Verwaltung der jüdischen Siedlungen im Westjordanland verantwortlich ist, eine friedliche Lösung zu finden. Ohne Erfolg. Danach zögert der Verteidigungsminister nicht länger. Überraschung lautet die Taktik. „Es war einfach“, sagt Rafi Ben David, einer der für den Einsatz verantwortlichen Offiziere. „Das hat mich gewundert. Ich hätte mit viel mehr Gegenwehr gerechnet. Wir haben allerdings in den Augen der jungen Leute eher ein Aufgeben gesehen als Bosheit und Hass.“
Wenn sich Ben David da mal nicht irrt. Hebron ist ein Ort im ständigen Ausnahmezustand, von Kapitulation kann keine Rede sein. Noch während die israelischen Sicherheitskräfte die Türen des geräumten Hauses verschweißen und die gesamte Gegend zur militärischen Sperrzone erklären, beginnen die angestachelten Jugendlichen wieder, in der arabischen Stadt zu randalieren. Sie stecken Autos und Häuser in Brand, zerstören Gärten, schießen sogar scharf. An die Wände kleben sie Plakate, die eine „Woche der Revanche“ ankündigen. Ein Siedler feuert in ein Palästinenserhaus und verletzt dabei drei Menschen, zwei von ihnen schwer. Ein jüdischer Teenager wird von arabischen Steinewerfern am Kopf getroffen, Schädelbasisbruch.
Ministerpräsident Ehud Olmert findet klare Worte für die Geschehnisse: „Wir sind die Kinder eines Volkes, dessen historisches Ethos auf die Erinnerung an Pogrome aufgebaut ist. Der Anblick von Juden, die auf unschuldige Palästinenser schießen, hat keinen anderen Namen als ‚Pogrom’. Ich schäme mich, dass Juden so etwas tun können.“ Der Yescha‐Rat wiederum bezichtigt den Verteidigungsminister wegen der Ad‐hoc‐Aktion des Verrates, da er während des Treffens am Morgen nichts von seinem Räumungsplan erwähnt habe. Barak jedoch will davon nichts hören. Schließlich sei die stille Mehrheit der Siedler vom Gebaren der Extremisten angewidert. In der Tat hatten sich sogar einige Bewohner des besetzten Hauses wiederholt gegen die radikalen Jugendlichen ausgesprochen, die jedoch auf niemanden mehr hören wollen. „Mit Liebe erreicht man nichts“, skandieren sie. Ein Rabbiner, der mit seinen Schülern zum Protestieren aus der Siedlung Beit El gekommen ist, zeigt sich bestürzt ob der Gewalt und reist prompt wieder ab.
Was aus der Ferne wie eine bloße Räumungsaktion der Armee mit einigen Verletzten aussehen mag, hat in Wirklichkeit eine wesentlich größere Dimension. Hier geht es nicht nur um den Anspruch radikaler Siedler auf das gesamte Heilige Land, und auch nicht nur darum, dass Friedensbemühungen mit Füßen getreten werden. Hier geht es darum, dass extremistische Jugendliche versuchen, die Existenz des jüdischen Staates zu untergraben. Die Gewaltbereitschaft der immer jünger werdenden Radikalen innerhalb der nationalreligiösen Strömung empfinden viele Israelis als bösartiges Geschwür, das nicht mit bloßen Worten bekämpft werden kann. Das haben die Bilder der Räumung gezeigt: Junge Mädchen, die ihre Anständigkeit mit langen Ärmeln und Röcken betonen, bezeichnen im selben Moment Soldaten Israels als „Abschaum“ und „Nazis“, zehnjährige Kinder, die rassistische Parolen johlen, Araber als minderwertig ansehen und sie am liebsten vertreiben wollen.
Es ist noch nicht lange her, da ist Elyscha mit seinen Freunden auf dem Fahrrad um die Wette geradelt, um zu zeigen, dass er ein Großer ist. Jetzt liegt er im Dreck, das Gesicht vor Wut zur Fratze verzerrt. Seine Hand umklammert keinen Lenker, sondern einen dicken Knüppel. Damit will Elyscha zeigen, dass er heute ein Held ist. Doch Helden sehen anders aus.

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