Kindergarten

Wohin mit dem Nachwuchs?

von Sophie Neuberg

Vergnügt türmt Samuel Spielzeugobst und jüdische Kinderbücher in seinen kleinen Einkaufswagen und schiebt ihn durch den Aufenthaltsraum des Familienclubs Bambinim. Der Zweijährige geht noch nicht in den Kindergarten, seine Mutter hat ihn aber bereits auf die Warteliste der jüdischen Einrichtung Masorti in Berlin‐Wilmersdorf setzen lassen. Trotzdem möchte sie sich zur Sicherheit informieren, ob andere Kindergärten infrage kommen könnten. In diesen Tagen beginnt das neue Kita‐Jahr und viele Eltern suchen nach einem Platz in einer perfekten Einrichtung.
Bis es so weit ist, geht Samuel einmal die Woche in den Musikkurs von Bambinim und lernt jüdische Lieder. Der Familienclub Bambinim ist keine Kita, sondern ein Projekt für Babys, Kleinkinder und ihre Eltern, die vor dem Kindergarteneintritt oder parallel zum Kindergartenbesuch das Judentum für ihre Kleinen erlebbar machen möchten. Für die Leiterin Jana Vilensky war die Geburt ihres Sohnes vor drei Jahren der Anlass, das Projekt zu gründen, weil sie ein solches Angebot vermisste. Sie nahm die Sache selbst in die Hand und ist überzeugt, dass der Bedarf wachsen wird. Schon heute hat sie rund 200 interessierte Familien im Verteiler. Mit Unterstützung des American Jewish Joint Distribution Committee, der Chais Family Foundation und von Privatpersonen bietet sie Musikkurse auf Russisch, Deutsch und Iwrit, Russischförderung, eine Schabbatspielgruppe für Kinder und Eltern und einen Malkurs mit jüdischen Motiven für Vier‐ bis Sechsjährige an.
Viele Eltern, die Jana Vilenskys Kurse besuchen, schlagen sich mit der Frage der Kindergartensuche herum. Deshalb lud sie jüngst zu einem Informations‐ und Austauschabend ein. Denn nach ihrer Erfahrung sind die in Berlin vorhandenen Angebote nicht immer allen Eltern bekannt.
Der Andrang war groß. Es kamen gut ein Dutzend Eltern in die Räume von Bambinim, um sich über ihre Vorstellungen und Erfahrungen auszutauschen. Schnell kristallisierte sich heraus, dass die wichtigsten Fragen in Bezug auf eine Kita die Vermittlung jüdischer Werte und Traditionen sowie die Zweisprachigkeit sind.
Gerade Eltern, die aus Russland oder Israel stammen, möchten einerseits, dass ihre Kinder ihre Muttersprache pflegen, andererseits aber auch, dass sie die deutsche Sprache beherrschen lernen und für den Schulbesuch in Deutschland fit gemacht werden. Dem kommen bilinguale Kindergärten (zum Beispiel Masorti oder die Kindergärten von Mitra e.V.) sowie Kindergärten mit einem Zusatzangebot an Sprachunterricht (wie etwa der Gemeindekindergarten) entgegen.
Manche Eltern erzählen, für sie wäre es nicht entscheidend, einen jüdischen Kindergarten zu finden, wenn bloß viele nichtjüdische Kindergärten nicht so stark christlich geprägt wären: Eine Mutter nahm von einem Kindergarten Abstand, weil dort der Gottesdienstbesuch für die Kinder verbindlich war. Julia Konnik, die ihr drittes Kind erwartet, wurde auf der Suche nach einem Platz für ihren ersten Sohn von einem Erlebnis im nichtjüdischen Kindergarten abgeschreckt: „Ich bekam mit, wie zwei Kinder sich stritten“, erzählt die 30‐Jährige aus Heidelberg, die seit zwei Jahren in Berlin lebt und sich als sehr religiös beschreibt. „Die Erzieherin sagte, ‚wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte‘“. An dem Punkt wurde ihr klar, „ich will nicht, dass meinem Kind so etwas beigebracht wird. Vermitteln, Nächstenliebe und Rücksichtnahme – das sind die jüdischen Werte, die mein Kind lernen soll.“
Ihr jetzt sechsjähriger Sohn besuchte den Chabad‐Kindergarten Gan Israel, ihre dreijährige Tochter geht in den Lauder‐Kindergarten und die junge Frau ist begeistert, wie viel Sozialverhalten der Sechsjährige bereits gelernt hat und von sich aus umsetzt: ruhig sein, wenn jemand schläft, oder auch kürzlich ganz selbstverständlich dem Übernachtungsbesuch sein Zimmer überlassen. Jüdische Werte und natürlich jüdische Feiertage sollen also im Kindergarten vermittelt werden. Auch für die 30‐jährige Diana Gronert ist das wichtig, doch sie beschreibt sich als nicht so streng religiös und möchte auf keinen Fall, dass ihr kleiner Joshua orthodox, ja möglicherweise dogmatisch erzogen wird. Sie hält beispielsweise den Schabbat nicht strikt ein und sieht Probleme aufkommen, falls ihr Sohn strengere Vorschriften im Kindergarten lernt. Was soll sie tun, wenn Joshua dann zu Hause sagt, der Fernseher darf nicht angemacht werden oder die Familie darf nicht ins Auto steigen?
Manchen Eltern ist die Vielfalt der Kulturen wichtiger als die reine jüdische Lehre. Oft sind es auch diejenigen, die zu Hause die Traditionen pflegen oder die Angebote von Bambinim wahrnehmen. Sie erwarten es von einer Kita nicht, sondern freuen sich, wenn – wie zum Beispiel in den Kindergärten von Mitra e.V. – sowohl Weihnachten als auch Chanukka gefeiert wird.
Doch ganz profane Fragen wie Erreichbarkeit und Wartezeit können die schönen Ideale durchkreuzen. Wer nicht so frühzeitig wie die Mutter von Samuel aktiv wird, kann böse Überraschungen erleben. Zum Beispiel Diana Gronert: Sie ging als Kind mit Begeisterung in den Kindergarten der jüdischen Gemeinde in der Delbrückstraße und wollte deshalb selbstverständlich ihren anderthalbjährigen Sohn Joshua dort anmelden – viel zu spät, wie sich dann herausstellte.
Offiziell reicht es zwar aus, sechs Monate vor Eintrittsdatum des Kindes in die Kita einen sogenannten Kita‐Gutschein beim Bezirksamt zu beantragen, doch die Realität sieht anders aus. Der Gemeindekindergarten empfiehlt den jungen Eltern, die ihr Kind in der Delbrückstraße betreuen lassen möchten, gleich nach der Geburt vorbeizukommen. Diana Gronert: „Ich war schockiert!“
Im Masorti‐Kindergarten gibt es auch eine Warteliste und es können nur frei werdende Plätze vergeben werden. Da jedoch die Gruppen altersgemischt sind, kann man Glück haben, falls das Kind gerade das passende Alter hat. Auch in den zwei Kindergärten von Mitra e.V., die jeweils eine jüdisch‐deutsch‐russische Gruppe anbieten, sind diese momentan voll. Etwas entspannter ist die Lage im Chabad‐Kindergarten und im Lauder‐Nitzan‐Kindergarten, wahrscheinlich weil sie relativ neu und daher noch nicht so breit bekannt sind. Das könnte sich aber schnell ändern.

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