Amsterdam

Wo Rembrandt malte

von Kerstin Schweighöfer

Entschieden schüttelt der junge Ober den Kopf: Von einer Gedenktafel an der Fassade seines Cafés mit einer jüdischen Jahreszahl hat er noch nie gehört. „Das muss ein Irrtum sein!“ Aber, meint er seufzend: „Es wird ja so viel geschrieben!“ Er hat auch schon gehört, dass Rembrandt hier 50 seiner Bilder gemalt haben soll: „Dabei hatte der sein Atelier gleich nebenan, im Rembrandthaus!“
Dass der alte Meister zum Arbeiten ins Nachbarhaus ausgewichen sein soll, darf bezweifelt werden. Aber was die Gedenktafel betrifft, hätte sich der junge Ober vom Café „Rembrandt Corner“ nur auf die andere Straßenseite begeben und nach oben schauen müssen: „1886“ steht da in den Backstein gemeißelt – und rechts daneben die jüdische Jahreszahl 5649. Sie erinnert an die einstigen jüdischen Bewohner, denn das gemütliche Café liegt an der Jodenbreestraat, der jüdischen Breiten Straße, mitten im alten Judenviertel von Amsterdam.
Das ist nur eine von vielen Überraschungen, die der Reiseführer Jüdisches Amsterdam aus dem Wiener Mandelbaum‐Verlag zu bieten hat – zum Teil selbst für Einheimische. Denn die Autoren Jan Stoutenbeek und Paul Vigeveno belassen es nicht bei altbekannten Sehenswürdigkeiten wie dem Anne‐Frank‐Haus, der portugiesischen Synagoge oder dem Denkmal für den jüdischen Widerstand. Der Leser erfährt auch, dass das berühmte Warenhaus „Bijenkorf“ (Bienenkorb) auf dem Dam auf ein Lädchen für Wolle und Kurzwaren zurückgeht, das ein gewisser Simon Philip Goudsmit wie viele andere jüdische Einzelhändler in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnet hatte. Oder dass mit dem Bau des teuersten und feinsten Hotels der Stadt, dem „Amstel“, sich ein Wunschtraum von Samuel Sarphati (1813–1866) verwirklichte: Dieser renommierte Arzt portugiesisch‐jüdischer Herkunft, dem in Amsterdam ein Park gewidmet ist, machte auch in Sachen Stadterweiterung seinen Einfluss geltend – was ihm den Beinamen „der Amsterdamsche Hausmann“ eintrug.
Insgesamt bietet der Reiseführer sechs abwechslungsreiche Streifzüge durch die reiche jüdische Geschichte der niederländischen Hauptstadt. Zwei weitere Kapitel sind der Umgebung gewidmet. Im abschließenden Serviceteil finden sich zahlreiche Adressen über jüdische Einrichtungen in der Stadt. Und die Einleitung bietet einen ebenso umfassenden wie kritischen Überblick über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Amsterdam: Angefangen Ende des 16. Jahrhunderts bei der Ankunft der ersten sefardischen Juden aus Portugal und Spanien bis hin zur deutschen Besatzungzeit 1940–45, in der die Zahl der Amsterdamer Juden von 81.000 auf 15.000 dezimiert wurde. Dabei konnten die Besatzer auf den Übereifer vieler Amsterdamer Beamten bauen, die sogar Überstunden einlegten, um sämtliche Juden zu erfassen und abtransportieren zu lassen. Der Anteil der ermordeten Juden ist in den Niederlanden nach Polen der höchste in Europa. Viel zu lange haben die Niederländer an ihrem Idealbild „Schlechte Deutsche – Gute Niederländer“ festgehalten. Inzwischen mussten sie erkennen, dass es auch Grautöne gibt – und in den Niederlanden nicht nur Widerstandskämpfer.
„Wir kennen unser jüdisches Erbe“, betont Truce Wilmink fast entrüstet, als sie mit einer Freundin aus ihrer Wohnung an der Sint Antonisbreestraat kommt. Die 65‐Jährige wohnt mitten im alten jüdischen Viertel. Dort, wo sich um 1600 die ersten Sefarden ansiedelten, steht heute die Stopera aus Oper und Rathaus, aber vom jüdischen Viertel ist wenig übrig geblieben. Auch in Truces Straße wurde viel abgerissen und durch fantasielose Neubauten ersetzt. Aber die weltberühmte portugiesiche Synagoge am Mr. Visserplein steht noch, ebenso wie die vier aschkenasischen Synagogen an der Nieuwe Amstelstraat: In diesem größten Synagogenensemble Europas befindet sich heute das Jüdisch‐Historische Museum. Auch das Haus der Familie de Pinto mit reich verzierter Fassade sei einen Besuch wert, schreiben die Autoren des Reiseführers.
Die de Pintos kamen 1646 über Antwerpen nach Amsterdam. Berühmtester Familienspross war Isaac de Pinto: Als Freund des niederländischen Statthalters Willem IV. verkehrte er nicht nur in Regierungskreisen, sondern auch am französischen Hof, wo er mit Voltaire zu philosophieren pflegte. Nebenbei war er auch noch einer der Direktoren sowohl der Ostindischen als auch der Westindischen Handelskompagnie.
Im Reiseführer wird das De‐Pinto‐Haus denn auch ausführlich erwähnt. Ebenso die Sint‐Antonis‐Schleuse, geht es doch um einen der malerischsten Orte im alten Judenviertel, von wo sich ein weiter Blick über das Wasser bietet. Die Schleuse galt als inoffizielle Grenze zum Viertel, doch niemals lebten hier ausschließlich Juden. „Es war immer ein Mix“, weiß Rob List, ein „echter Amsterdamer“, der ein paar Häuser weiter einen kleinen Tabakladen führt. Bester Beweis: Rembrandt. „Der war auch kein Jude, aber er hat hier seine besten Jahre verbracht, nur ein paar Häuser weiter“, so List. Wobei der alte Meister, so weiß der Reiseführer zu vermelden, unter seinen jüdischen und christlichen Nachbarn nicht nur viele Auftraggeber fand, sondern auch Modelle.
Die Autoren sind zuweilen sehr akribisch vorgegangen. Übereifrig wird unter jedem Stein nach jüdischen Spuren gesucht, um diese dann manchmal bloß der Vollständigkeit halber, so scheint es, zu vermelden – auch wenn sie zum Teil wenig spektakulär sind. Das allerdings wird wettgemacht durch die vielen kleinen Überraschungen, für die dieses Buch sorgt – auch im Tabaksladen. Zwar weiß dessen Betreiber, dass sich sein Geschäft in einem ehemals jüdischen Haus befindet mit einer Tafel an der Fassade, doch was die hebräi‐ schen Wörter darauf bedeuten, hat er erst aus dem Reiseführer erfahren: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte! (Psalm 137,5)“.

Jan Stoutenbeek und Paul Vigeveno:
„Jüdisches Amsterdam“
Mandelbaum‐Verlag, Wien 2007,
253 S., 15,80 Euro

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