das jüdische Tessin

Wo die Schweiz Italien ist

von Peter Bollag

Palmen, Sonne, Italianità – das sind die Attribute, die viele Menschen in Deutschland mit dem Begriff „Tessin“ verbinden. Dass es im südlichsten Kanton der Schweiz auch eine jüdische Gemeinde gibt, ist kaum bekannt. Und dass diese sich nach ihrem Selbstverständnis sogar zur charedischen Orthodoxie zählt, wissen nur Eingeweihte.
Vielleicht hat ein politisch tolerantes Klima im Süden der Schweiz dazu beigetragen, dass diese kleine Gemeinde in Lugano entstanden ist. Hinterfragt wurde die jüdische Präsenz nur einmal. Das war vor knapp vier Jahren, als ein Brandanschlag auf die einzige Synagoge des Kantons und zwei Geschäfte in jüdischem Besitz das ganze Land erschreckte. Ein anscheinend verwirrter, aber trotzdem eindeutig judenfeindlicher Einzelgänger hatte die Tat begangen. Die Solidarität der Mehrheitsgesellschaft zeigte der jüdischen Gemein‐ schaft, dass sie im Tessin geschätzt wird. „Sogar der Bischof von Lugano kam spontan in unseren Gottesdienst“, erinnert sich Elio Bollag, eine Art inoffizieller Sprecher der Tessiner Juden.
Seine Erfahrungen als Vertreter einer bürgerlich‐demokratischen Partei im Luganeser Stadtparlament haben ihm diese Rolle ebenso aufgedrängt wie sein traditionell jüdischer Hintergrund. Der noch immer stark katholisch geprägte Kanton sei stolz auf seine Minderheit und bekenne sich zu ihr, sagt Bollag. Schmunzelnd erzählt er eine Begebenheit, die er eher als lustig denn als tragisch in Erinnerung hat: „Da ertönt an einem Rosch‐Haschana‐Fest das Schofar aus der Synagoge, worauf eine Nachbarin das Fenster öffnet und schreit: ‚Hört mit dieser Trompete auf!‘“.
Etwas kritischer sieht das christlich‐jüdische Verhältnis die ursprünglich aus Südafrika stammende Lucette de Picciotto, die sich stark im interreligiösen Dialog engagiert: „Bei vielen Veranstaltungen fällt mir auf, dass auf christlicher Seite eher Protestanten als Katholiken mitmachen, vielleicht weil sie hier selbst eine Minderheit sind“, meint sie. Das gelte nicht zuletzt für das „Forum der Religionen“, ein Zusammenschluss von religiösen Gemeinschaften und staatlichen Stellen im Kanton.
Dennoch – viele Probleme der kleinen jüdischen Gemeinschaft rund um den Luganer See sind hausgemacht und lassen sich – wie anderswo auch – auf zwei Nenner bringen: Assimilation und Abwanderung.
Das war in den 50er‐ und 60er‐Jahren ganz anders: Nach dem Holocaust waren viele Flüchtlinge zwar weitergezogen, doch die jüdische Gemeinde von Lugano zählte trotzdem weit über 1.000 Mitglieder und verfügte über ein reiches soziales Leben. Die bisherige Betstube genügte nicht mehr. Nach jahrelangen Anläufen konnte 1959 im Zentrum Luganos endlich die Synagoge eingeweiht werden. Der sehr nüchterne Zweckbau beherbergt bis heute eine Mikwe und eine Talmudschule.
Diese Entwicklung war sicher im Sinne des Rachower Rebben, Rabbiner Eugen Schlomo Salmen Friedmann, der sich mit einigen seiner Anhänger in der Stadt niedergelassen hatte und für die orthodoxe Ausrichtung der Gemeinde verantwortlich ist.
Wem Friedmanns Prägung nicht passte, der konnte ab 1968 in der Associazone Ebraico del Cantone Ticino beten. Diese Gemeinde verstand sich als liberal‐religiös und verfügte zeitweilig über 70 Mitglieder, vor allem jüdische Nazi‐Flüchtlinge aus den deutschsprachigen Ländern und ihre Nachkommen. In den 80er‐Jahren verschwand diese Gemeinde, vor allem aufgrund der natürlichen Überalterung.
Lange Zeit lockte das paradiesisch anmutende Lugano mit seinem See auch zahlreiche jüdische Touristen an. In den goldenen 60er‐ und 70er‐Jahren buhlten deshalb sogar zwei koschere Hotels um die Gunst der Gäste aus dem In‐ und Ausland, und auch das benachbarte Locarno verfügte zeitweilig über eine koschere Herberge. Die Gäste freuten sich über die Vorzüge der Südschweiz: ein sicherer Ort mit stabiler Währung, dazu Sommer und Sonne. Schön wie in Italien – nur nicht so chaotisch wie dort.
Von den beiden Hotels existiert heute keines mehr. Die Synagoge ist mittlerweile auch am Schabbat und an den Feiertagen nicht mehr ganz gefüllt, und unter der Woche ist ein Minjan nicht garantiert.
Auch wenn die orthodoxe Tessiner Gemeinde schrumpft, sieht es derzeit so aus, als werde sie noch viele Jahre bestehen bleiben. Der Nachfolger des Rachower Rebben, Rabbiner Benzion Rabinowitz von den Bialer Chassidim, hat nach wie vor in Lugano seinen Wohnsitz.
Gegenwärtig erlebt die kleine Gemeinschaft sogar einen Auftrieb: Seit einigen Monaten existiert in Lugano eine Chabad‐Außenstelle: Der aus New York stammende und teilweise in Australien aufgewachsene junge Rabbiner Jaacov Kantor und seine aus Zürich stammende Frau haben sich in Lugano niedergelassen und verzeichnen erstaunliche Erfolge. Als sie Ende Dezember wie überall in der Welt öffentlich die Lichter einer Chanukkia entzündeten, kamen mehr als 150 Menschen zur Zeremonie und der anschließenden Party. Ein Massenauflauf, legt man zugrunde, dass die Zahl der im Tessin lebenden Juden auf rund 300 geschätzt wird, darunter nicht wenige Israelis.
Dem jungen Rabbiner scheint es zu gelingen, auch jene Menschen anzusprechen, die bisher abseits standen, weil ihnen die Luganer Gemeinde zu orthodox ist. André Gradwohl ist ein Beispiel dafür. „Rabbiner Kantor kann jederzeit auf mich zählen“, sagt der 73‐Jährige, der ursprünglich aus Basel stammt und seit Jahrzehnten in einem Dorf in der Nähe der Tessiner Kantonshauptstadt Bellinzona lebt. Gradwohl, der sich selbst als traditionellen Juden bezeichnen würde, ist derart begeistert von Kantor, dass er ihm angeboten hat, seine Sukka im nächsten Herbst in seinem Garten aufzustellen. In die Synagoge nach Lugano mag Gradwohl nur dann fahren, wenn Kantor dort vorbetet oder aus der Tora vorliest – was immer häufiger vorkommt.
Kantor allerdings warnt vor Illusionen: „Wir müssen realistisch bleiben!“ Lugano werde nicht demnächst eine Großgemeinde sein. Jungen Familien rät der Rabbiner sogar ab, sich hier niederzulassen. „Für jüdische Erziehung ist Lugano keine ideale Adresse“, sagt er. Für den kommenden Sommer planen der Rabbiner und seine Frau einen kleinen koscheren Imbiss. So wird die Stadt auf ihre Art doch noch zu einer jüdischen Adresse – aber nur für Touristen.

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