Fußballfans

Wir sind Bundestrainer

Ich klebe vor dem Fernseher

»Mein Plan vom 9. Juni bis 9. Juli? Ich klebe vor dem Fernseher und bewege mich nicht davon fort. Ich werde viele Spiele anschauen, schließlich bin ich seit ewigen Zeiten Fußballfan. Karten habe ich keine, aber ich werde zum Beispiel mit Freunden zuschauen und wir werden natürlich, wie es sich gehört, alles besser wissen als der Bundestrainer. Die Gemeinde selber plant kein spezielles Programm, Makkabi Frankfurt wird einiges anbieten. Gäste haben sich bisher bei uns nicht angekündigt, aber jüdischen Besuchern können wir natürlich eine gute Infrastruktur bieten.«
Dieter Graumann, Frankfurt am Main

Mein Jüngster hat den WM‐Ball

»Fußball interessiert mich nicht. Wenn schon Sport, dann sehe ich lieber Tennis‐Übertragungen an. Entsprechend sehe ich der WM mit Gelassenheit entgegen. Mit dieser Haltung bin ich bei mir zu Hause allerdings in der absoluten Minderheit. Ich habe drei Söhne, die dann natürlich vor dem Fernseher sitzen werden. Vor allem der Jüngste – er ist sechs Jahre alt – kann es gar nicht abwarten, daß die Weltmeisterschaft endlich losgeht. Er hat einen WM‐Ball, und wir gehen jeden Tag damit raus kicken. In der Gemeinde organisieren sich die Jugendlichen wie auch die Senioren ihr eigenes WM‐Programm. Stuttgart ist ja Austragungsort. Gäste sind uns immer willkommen. Pro Jahr begrüßen wir bestimmt 200 Juden von außerhalb zu den Gottesdiensten. Jüdische Besucher, seien es ehemalige Bewohner oder Messegäste, empfangen wir regelmäßig.«
Barbara Traub, Stuttgart

Mein Herz gehört dem Boxen

»Ich interessiere mich nicht für Fußball, mein Herz gehört dem Boxen. Die Kämpfe der Brüder Klitschko habe ich bisher immer gern verfolgt, auch weil sie in Deutschland wohnen. Ursprünglich bin ich aus Moldawien, leider gibt es dort im Moment keine ähnlich guten Boxer. Dennoch, die WM im eigenen Land zu haben, ist natürlich etwas Besonderes, aber auf das Gemeindeleben wird sie keine Auswirkungen haben. Bisher wurde der Wunsch, gemeinsam die Spiele anzuschauen, nicht geäußert. Aber wir überlegen schon, ob wir so etwas anbieten werden. Die Gemeindemitglieder haben zu Hause natürlich alle Fernseher, aber Rußland konnte sich ja für das Turnier nicht qualifizieren, und die Weltmeisterschaft wird bei den russischen TV‐Sendern dann natürlich nicht so eine große Rolle spielen wie hier.«
Ghennadi Cusnir, Cottbus

Lieber ein Abend mit Freunden

»Naja, so ein großer Fußballfan bin ich nicht, ein gemütlicher Abend mit Freunden ist mir schon lieber, als vor dem Fernseher zu sitzen. Und Muße, stundenlang Spiele anzuschauen, habe ich eigentlich auch nicht. So hoffe ich dann vor allem, daß während der WM‐Zeit alles friedlich abläuft und die deutschen Fans nicht allzu enttäuscht sind, wenn es mit dem Titel nicht klappt. Im Gemeindezentrum passiert auch nichts, weil wir gerade umbauen, daher sind während dieser Phase Veranstaltungen sowieso nur sehr einge‐ schränkt möglich. Aber wir haben das große Glück, daß nur 150 Meter vom Gemeindezentrum entfernt eine riesige Leinwand für die Fans aufgebaut wird, da kann man also durchaus mal während der Arbeitszeit rasch hinüberschlüpfen, um zu schauen, wer gegen wen gewinnt.«
Renate Wagner‐Redding, Braunschweig

Ich bin großer Fußballfan

»Ich bin ein großer Fußballfan. Schon in Kindertagen, Ende der zwanziger Jahre, bin ich zu den Spielen des FC Nürnberg gegangen. Natürlich schaue ich mir jetzt auch bei der WM die Spiele an. So ein Sportereignis im eigenen Lande zu haben, kommt ja nicht alle Jahre vor. Und ich habe sogar Karten, aber beim Spiel Iran gegen Mexiko werde ich nicht im Stadion sein. Denn dann nehme ich an der Demonstration gegen den iranischen Präsidenten teil, bei der unter anderem der bayerische Innenminister Beckstein sprechen wird.«
Arno Hamburger, Nürnberg

Der Beste soll gewinnen

»Ich gucke bei großen Fußballereignissen wie bei den Champions‐League‐Spielen gern zu. Ursprünglich bin ich aus Usbekistan, dort ist man schon sehr sportverrückt. Wem ich nun bei der WM die Daumen drücke, entscheide ich allerdings erst noch. Denn ich finde es gut, wenn auch wirklich die beste Mannschaft den Titel gewinnt. Im Moment denke ich, daß Frankreich, Argentinien, Brasilien und Deutschland gute Chancen haben. Wenn interessante Begegnungen übertragen werden, dann zeigen wir die Spiele natürlich in unserem Heimkino. Es werden wohl eher die älteren Leute miteinander schauen, die Jungen machen ihr eigenes Programm. Man wird dann anschließend sicher ausgiebig über das gerade gesehene Spiel miteinander diskutieren, und genau das macht ja auch Spaß.«
Alexander Mazo, Augsburg

Ohne Bier und Cracker

»Alles dreht sich im Moment um das Thema Fußball. Meinetwegen. Aber ich bin nicht fußballverrückt. Hier ist gerade Hessen Kassel in die Regionalliga aufgestiegen, für seine Fans war das wie der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft, denn gerechnet hatte man damit wohl nicht so wirklich. Zur zweiten Halbzeit habe ich dann auch den Fernseher eingeschaltet und das einzige Tor des Spiels gesehen. Während der WM werde ich ganz sicher nicht Bier trinkend und Knabberzeug verputzend vor dem Fernseher sitzen, dazu habe ich einfach nicht die Zeit. Wenn ich am Computer arbeite, läuft immer das Radio, verpassen kann ich also nichts. Aber ganz ehrlich: Unsere Frauen‐Nationalmannschaft spielt einfach den viel besseren Fußball, mit viel mehr Engagement und vor allem nicht mit soviel Geld im Rücken, das finde ich einfach viel sportlicher. In der Gemeinde wird natürlich viel über die WM geredet werden. Die Zuwanderer fühlen nämlich sehr mit der deutschen Mannschaft. Bei den Olympischen Spielen ist mir schon aufgefallen, daß sie »wir« sagten, wenn es um deutsche Sportler ging. Das sagen sie nicht, wenn jemand aus der Ukraine oder aus Rußland gewonnen hat.«
Esther Hass, Kassel.

Bitte nicht das Spektakel

»Das ganze Drum und Dran beim Fußball kotzt mich ehrlich gesagt an – überall, in allen Ländern, werden die Spiele zu Naziveranstaltungen, die rechten Parolenbrüller sind mittlerweile in jedem Stadion anzutreffen. Dazu kommt der Kommerz, der den Sport mittlerweile bestimmt – ich kann wirklich gut ohne Fußball leben. Dabei habe ich in meiner Jugend selber gekickt. Mein erstes aktives Spiel war 1947, als Verteidiger bei Hakoa Erfurt. Wir spielten gegen eine andere Erfurter Mannschaft und verloren 1:8, und am schlimmsten war, daß man sich darüber nicht aufregen konnte, denn bei so einem Ergebnis weiß man einfach, daß man fußballerisch nichts getaugt hat. Ich werde mich höchstens aufregen, wenn ich zufällig die Fernsehprogramme durchschalte und irgendwo fliegt ein Ball durch die Gegend. Vor dem Fernseher werde ich in den nächsten vier Wochen nur sitzen, um mir alte Urlaubsfilme auf Video anzuschauen und vielleicht auch den einen oder anderen Film anzusehen.«
Wolfgang Nossen, Erfurt

Leider spielt Israel nicht mit

»Ich bin zwar wirklich kein Fußballfan, aber ich habe auch kein Problem mit Fußball – solange mein Sohn in den nächsten Wochen, in denen wir in Israel sind, nicht von Kopf bis Fuß in die deutschen Nationalfarben gehüllt herumlaufen möchte. Zum Glück möchte er das nicht, denn es wäre schon schwierig, einem Sechsjährigen zu erklären, warum man das nicht möchte. Aber jetzt freut er sich erst einmal auf die WM. Ich mußte schon sämtliche Trikots der beteiligten Mannschaften erklären und die Regeln – und auch, warum Israel nicht mitspielt, was besonders meinen Sohn schwer empört. Daß manche Spiele am Schabbat stattfinden, ist wirklich ein Problem, aber da kann man nichts machen und muß die Begegnungen eben aufzeichnen und hinterher anschauen. Spaß machen wird das ganz sicher trotzdem, ein guter Krimi ist schließlich auch dann spannend, wenn man das Ergebnis schon kennt. Meinem Mann habe ich schon versprochen, daß ich die Kinder hüten werde, während er dann mit seinen israelischen Freunden Fußball guckt. Das tue ich wirklich gern, denn allein vor dem Fernseher zu sitzen bei solch einem Ereignis, macht ja nun keinen Spaß.«
Gesa Ederberg, Berlin/Weiden
Ukraine gegen Schweden

»Oh, ich habe Karten für das Spiel Ukraine gegen Spanien! Die Stadt Leipzig hat an die ehrenamtlichen Mitarbeiter der verschiedenen Institutionen kostenlose Billets verteilt, und ich hatte Glück und kann das Team aus meiner alten Heimat sehen. Das ist eine Traum‐Paarung, die guten Fußball verspricht. Ich hoffe, den ukrainischen Stürmerstar Andrej Schewtschenko live zu erleben. In der Gemeinde können wir keine Übertragungen anschauen, weil sie aus Kostengründen den Kabelanschluß gekündigt hat. Ihn extra für die WM zu reaktivieren, würde sich nicht lohnen. In der Stadt gibt es viele Möglichkeiten, die Spiele gemeinsam mit anderen Fans zu verfolgen. Aus der Ukraine rechnen wir eher nicht mit Gästen, unsere Leute sind ja schon hier.«
Efim Kerzhner, Leipzig

Ich meide Sportsendungen

»Als Couchpotatoe dabei zuschauen, wie andere Leute sich abrackern, ist nicht mein Ding. Sport mag ich dann, wenn man ihn selber betreibt, nicht diesen organisierten Sport, bei dem man sich passiv daran delektiert, wie andere hin‐ und herrennen. Tja, damit bin ich natürlich in der Minderheit, auch im Freundeskreis. Einige meiner besten Freunde werden sich vor dem Fernseher in Sportkommentatoren verwandeln und natürlich mitfiebern. Und ich? Ich werde die Stadt, während die anderen mit der WM beschäftigt sind, für mich allein haben, das ist tatsächlich auch sehr schön. Das Klischee, wenn man mit den Sportlern eines Landes mitfiebert, dann ist man angekommen, trifft auch auf unsere Zuwanderer zu. Daß es bei mir mit dem Mitfiebern nichts wird, liegt nur an meiner grundsätzlichen Ignoranz gegenüber Sportereignissen. Aber natürlich komme ich beruflich am Thema WM nicht vorbei. Das Cover unseres Kulturprogramms für den Juni/Juli wird ein Fußball zieren und auch den Inhalt mitbestimmen. Und nach der Lesung mit Michael Brenner am 27. Juni auf dem Makkabigelände, wo er sein Buch Juden und Sport vorstellt, werden alle anschließend gemeinsam Fußball gucken.«
Ellen Presser, München

Etwas Ahnung habe ich schon

»Als Kind habe ich Geige und nicht Fußball gespielt. Aber ein bißchen Ahnung habe ich natürlich schon, ich werde auch manchmal vor dem Fernseher sitzen, klar. Obwohl man bei schönem Wetter in dieser Zeit natürlich auch eine Menge anderer Sachen unternehmen kann. Spiele zwischen gleich guten Mannschaften finde ich interessant, denn da geht es eben auch darum, wer die bessere Taktik hat und allgemein um Psychologie. Und um Glück. Der deutsche Satz »Der Ball ist rund«, wird – glaube ich – in jedem Land der Welt verstanden. Unser Geschäftsführer Manfred Ehrlich hat vom Kaiserslauterer Oberbürgermeister eine Karte bekommen, natürlich hat er sich darüber sehr gefreut. Aber die meisten Leute werden die WM wohl zu Hause vor dem Fernseher verfolgen. Wenn alles einen ganzen Monat lang nur um Fußball geht, wird manch einer vielleicht doch noch zum Fan.«
Michael Tsentseris, Kaiserslautern

80 Millionen Bundestrainer

»Ich schaue gern Fußball, als Fan des 1. FC Köln bin ich zwar wirklich leidgeprüft, aber man gewöhnt sich auch an Niederlagen. Im Moment versuche ich, noch Karten für das Spiel England gegen Schweden zu bekommen und bin einfach optimistisch, daß es klappt. Denn im Stadion zu sein und die Atmosphäre hautnah mitzubekommen, ist natürlich viel angenehmer, als zu Hause vor dem Fernseher zu sitzen. Ansonsten habe ich natürlich vor, einer von achtzig Millionen Bundestrainern zu sein, der wie alle anderen hinterher genau weiß, wen Jürgen Klinsmann als Linksaußen hätte aufstellen müssen.«
Benzion Wieber, Köln

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