Artour Gourari

„Wir beraten und entwickeln“

Es gibt berufsbedingt keinen typischen Alltag bei mir, denn ich muss ständig verschiedene Aufgaben wahrnehmen. Jede Woche ist anders, im Idealfall sieht sie etwa so aus: Montagmorgen um genau 7.30 Uhr werden meine Frau und ich von unserem Sohn Eduard geweckt. Er hat einen ganz festen Tagesablauf, deshalb ist er auch unser zuverlässigster Wecker. Eduard ist jetzt zweieinhalb Jahre alt. Nach dem Aufstehen frühstücken wir zusammen, und dann verabschiede ich mich von meinem Sohn und meiner Frau. Die beiden gehen dann zahlreichen Aktivitäten nach, wie zum Beispiel Kindersport, musikalische Früherziehung und solche Sachen. Ich gehe ein Stockwerk höher in mein Heimbüro, wo ich montags arbeite. Das fällt mir nicht leicht, denn zu Hause kann man kaum eine professionelle Stimmung herstellen. Man ist immer von privaten Dingen umgeben, deshalb arbeite ich auch nur zwei Tage in der Woche zu Hause. Mittags kommen meine Frau und mein Sohn wieder zurück und gehen nach dem Essen wieder los. Das ist so abgesprochen, damit ich wenigstens ein bisschen Ruhe habe.
Ich leite ein Software‐Unternehmen, die Edita International GmbH. Wir beraten Firmen aus der Telekommunikations‐ und Personaldienstleistungsbranche und entwickeln Software. Kunden haben wir nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa und in Asien. Dazu gehören auch namhafte Unternehmen. In Deutschland bekommen ungefähr eine Million Haushalte Telefonrechnungen für Auslandsverbindungen, die mit unserer Software erstellt werden. Die Entwicklung der Software findet hauptsächlich in Charkow statt, das ist meine Heimatstadt in der Ukraine. Es ist die zweitgrößte Stadt des Landes. Dort haben wir unser Tochterunternehmen. Früher musste ich ständig in Charkow sein, ich konnte jeden Flugbegleiter auf der Strecke Wien – Charkow mit Namen ansprechen. Man musste damals immer über Wien fliegen, es gab noch keine andere Verbindung.
Meine Woche beginnt meistens zu Hause in Remscheid. Dienstag oder Mittwoch fahre ich dann nach Frankfurt. Ich habe dort ein kleines Apartment. Früher habe ich in Hotels geschlafen, aber auf Dauer ist das nichts für mich. Auch in Frankfurt fängt mein Tag um 7.30 Uhr an, obwohl ich mich nicht von meinem Sohn wecken lassen kann. Das muss dann leider ein normaler Wecker übernehmen. Als Erstes rufe ich meine Frau in Remscheid an, möchte wissen, wie sie geschlafen hat und wie es ihr geht. Wir erwarten Ende Mai noch ein Kind. Das ist eine schwierige Situation, auch wenn ihre Eltern und Freunde da sind. Ich lasse sie nur ungern allein. Wir haben uns 1995 kennengelernt. Ich war erst drei Jahre in Deutschland und studierte. Die Anfangszeit war nicht leicht für uns, mehrmals wurde der Strom abgestellt, weil wir die Rechnung nicht bezahlen konnten. Wir erinnern uns heute noch, wie wir an manchem Abend bei Kerzenlicht gelesen haben oder lernen mussten. Ich habe mich damals auf eigene Kosten fortgebildet. Meine Frau hat kostenlos in einem Krankenhaus gearbeitet, für die Anerkennung ihrer russischen Krankenschwesterausbildung.
Das Judentum habe ich in dieser Zeit nicht vergessen. Ich war mein Leben lang ein Jude, nach innen wie nach außen. Meine Eltern waren aber nie religiös, das war bei uns kein Thema. Doch ich bin in dem Bewusstsein aufgewachsen, ein Jude zu sein. Das ließ uns auch die Umwelt nicht vergessen. Mein Vater war ein überzeugter Zionist, er wollte sogar nach Israel auswandern. Kurz nach meiner Geburt in den 70er‐Jahren standen wir vor der Ausreise. Doch dann wurde meine Oma, die Mutter meines Vaters, sehr krank. Deshalb sollte zunächst nur sein jüngerer Bruder auswandern, was er auch gemacht hat. Aber dann kam plötzlich der Krieg in Afghanistan, und die Grenze wurde geschlossen. Wir haben es nicht geschafft. Mein Vater ist 1989 gestorben, ohne dass sein Traum, israelischen Boden zu betreten, in Erfüllung gegangen ist.
Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie wir uns früher am Freitagabend immer beim Onkel meines Vaters versammelt haben. Da wurde viel über Israel, die Weltpolitik, Diktatur und Antisemitismus diskutiert. Und über den Kommunismus geschimpft. Wenn einer lauter sprach, hieß es: „Schhh, die können mithören!“ Aber man hat auch musiziert oder Schach gespielt. Es war naiv, aber das war meine Vorstellung vom Judentum, diese intellektuelle Versammlung. Heute sieht mein Judentum selbstverständlich anders aus. Es besteht unter anderem aus der Gemeindearbeit und dem Lernen der Tora mit unserem Rabbiner. Manchmal gelingen mir auch die Versuche, die Mizwot einzuhalten. Mein Judentum ist zwar weiterhin eine ethnische Zugehörigkeit, aber es hat mehr Bezug zur Religion.
In Frankfurt bin ich bis Donnerstag oder Freitag. Da ist der Hauptsitz der Firma, weil dort die wichtigsten Kunden sind und ich sie besuchen muss. Zum Wochenende versuche ich, zu Hause zu sein. Darauf lege ich großen Wert. Am besten schon am Donnerstag, aber spätestens geht es am Freitag zurück nach Remscheid. Freitagabend schaffe ich es leider nicht in die Gemeinde, jedenfalls nicht immer. Aber am Samstagmorgen gehen wir hin. Wir haben in Wuppertal eine sehr starke Gemeinde, zu der wir als Remscheider auch gehören. Ich bin in der Repräsentanz dieser Gemeinde. Vor allem liegen mir da die Belange von Kindern und Jugendlichen am Herzen. Ich halte zwar nichts von Parolen wie „Rettet die Jugend“ und „Es ist fünf vor zwölf“, aber die Realität sieht wirklich so aus, dass sich die Jugend assimiliert, wenn es uns nicht gelingt, sie zu binden. Und wenn das passiert, werden wir in einigen Jahren, bedingt durch die Altersstruktur, noch nicht mal zehn Erwachsene für einen Gottesdienst haben. Doch wir wollen hier jüdisches Leben entwickeln. Und ich bin guter Dinge, dass meine Kinder in eine starke Gemeinde integriert werden und ihr jüdisches Leben in allen Facetten ausüben können.
Aber ich beschäftige mich in meiner Freizeit nicht nur mit der Gemeinde. Nach meiner Rückkehr aus Frankfurt reden wir immer über die neuen Entwicklungen in Eduards Leben, was er gelernt hat, was er kann. Und auch das Baby ist ein Thema. Wir treffen uns am Wochenende in der Regel mit der Familie und mit Freunden.
Zu unserem Freundeskreis gehören selbstverständlich auch Deutsche. Zu Recht oder zu Unrecht habe ich als Jude zu erwarten, dass die Beziehung zu mir in dem Bewusstsein aufgebaut wird, dass ich eben Jude bin. Und das mit positiven oder negativen Folgen. Man könnte zum Beispiel sagen: Der ist Jude, mit dem will ich nichts zu tun haben. Der andere sagt vielleicht: Der ist Jude, mit dem muss ich wegen der Geschichte besonders vorsichtig umgehen. Ich möchte aber nicht, dass in der Beziehung zu Freunden, Geschäftspartnern und meiner Umwelt nur mein Judentum die Grundlage ist. Meine Geschäftspartner sollen mich aufgrund meiner Dienstleistungen beurteilen. Das gilt auch für meine Freunde. Freundschaft ist Geben und Nehmen. Danach möchte ich die anderen beurteilen, und danach möchte ich auch selbst beurteilt werden.

Aufgezeichnet von Zlatan Alihodzic

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