USA

Wir Amerikaner

von Wladimir Struminski

Assaf ist begeistert. Die Studentenparty war toll. Was ihn aber am meisten beeindruckt hat: Am Eingang zu dem eigens für das Ereignis gemieteten Lokal standen alle ruhig in der Schlange. Kein Drängeln, kein Vormogeln, kein ungeduldiges Anherrschen. »Wie in Amerika«, schwärmt der junge Tel Aviver. Osnat ist aus ganz anderem Grund zufrieden. Sie hat eine Waschmaschine im Internet gekauft. Das gute Stück war nicht nur deutlich billiger als im benachbarten Einkaufszentrum, sondern wurde auch auf die Minute pünktlich ge-
liefert und anstandslos angeschlossen. Die Jungs vom Lieferdienst waren nett und haben im Badezimmer nichts kaputt gemacht. Dafür hat Osnat das höchste Lob: »Wie in Amerika«. Elimelech, Betreiber eines Hausreinigungsdienstes, ist auf zugkräftige Werbung angewiesen. So hat er ganz oben auf seiner Website die US-Flagge eingeblendet und empfiehlt seine Dienste mit einer handfesten Qualitätszusage: »Wie in Amerika«.
Die Beispiele ließen sich mehren. Ob das neue Sofa besonders bequem oder die neue Autobahn besonders breit ist – es heißt stets »Kmo be-Amerika«. Im Judenstaat ist »Amerika«, so mag es scheinen, einfach ein Synonym für »gut«. Sich mit amerikanischen Symbolen zu schmücken, gilt als schick, bis hin zu dem mit Stars and Stripes bemalten Lufterfrischer, der im Pkw vom Innenspiegel baumelt.
Die Verehrung, die Israelis als Einzelne und die israelische Gesellschaft als Ganzes der Weltmacht jenseits des Ozeans entgegenbringen sucht weltweit ihresgleichen – einschließlich der USA selbst. So übertrieb Staatspräsident Schimon Peres in der vergangenen Woche nicht allzu sehr, als er George W. Bush versicherte: »Sie sind in ein Land gekommen, das die Vereinigten Staaten von Amerika tief und ohne Vorbehalte liebt.«
Wohl wahr, auch in vielen anderen Ländern hängt Amerika das Prädikat »prestigeträchtig« an. Wenn israelische Nachwuchswissenschaftler ihren Doktor nur in den USA machen wollen, so gibt es ähnliche Tendenzen auch anderswo. Schließlich ist der erfolgreiche Aufenthalt an einer amerikanischen Elite-Universität in vielen Teilen der Welt eine Eintrittskarte für die akademische Karriere an einer einheimischen Alma Mater. Auch wenn sich die israelischen Fernsehzuschauer eine seichte TV-Serie made in USA nach der anderen reinziehen, unterscheiden sie sich nicht sonderlich von anderen Erdenbürgern. Wo ist dennoch ein Unterschied? In anderen Ländern mag parallel zum New Yorker Krimi eine Debatte ausgestrahlt werden, deren Teilnehmer die Vereinigten Staaten mit Wolllust durch den Dreck ziehen. In Israel wird das mangels Kritikermasse nicht der Fall sein.
Die Sympathie und die Bewunderung für die USA, glaubt Gadi Taub, Historiker und Amerikaexperte an der Hebräischen Universität in Jerusalem, rühren nicht zu-
letzt von einem Gefühl der Abhängigkeit her, das die Israelis gegenüber der amerikanischen Schutzmacht empfinden. In Europa, so der Forscher, mag eine Dosis Antiamerikanismus Politikern Wählerstimmen einbringen. In Israel nicht. Dass Jitzchak Rabin im Jahre 1992 bei den Knessetwahlen den Likud-Chef und amtierenden Ministerpräsidenten besiegte, habe nicht zuletzt an einer Kontroverse zwischen Schamirs Kabinett und Washington gelegen. Der damalige US-Präsident, George Bush Senior, hatte amerikanische Kreditbürgschaften für Israel von friedenspolitischen Zugeständnissen abhängig gemacht. Dazu war Schamir nicht bereit. An sich, so Taub, keine entscheidende Krise, doch löste der Streit bei vielen israelischen Bürgern den Eindruck aus, Schamir gehe auf Konfrontationskurs zu den USA. Das kostete den Likud genug Stimmen, um die Arbeitspartei an die Macht zu bringen. Auch der intellektuelle Einfluss der Amerikaner ist überwältigend. So hat sich Israel, einstmals das Land der Pioniere und der sozialen Solidarität, inzwischen mit Haut und Haaren der amerikanisch gefärbten Marktwirtschaft verschrieben. Und es wird kein Zufall sein, dass Israels einflussreichster und radikalster Wirtschaftsliberaler, Ex-Premier und Ex-Finanzminister Benjamin Netanjahu, seine Jugend in den USA verbracht und dort auch studiert hat.
Die Kritik an der Übernahme amerikanischer Normen hält sich in Grenzen, auch wenn es sie durchaus gibt. So etwa be-
zeichnete Peres die neoliberale Wirtschaftsorientierung vor einigen Jahren – damals war er noch nicht das Staatsoberhaupt – als »schweinischen Kapitalismus«. Allerdings war das ein Ausfall gegen Is-
raels Wirtschaftspolitik, nicht gegen die USA. Auch Jossi Sarid, Ex-Vorsitzender der linken Meretzpartei, möchte zwar, dass Israel mehr von Europa und weniger von den USA übernimmt, bescheinigt Amerika aber auch viele »schöne Aspekte«. Weniger gnädig gehen extreme Rechte mit den USA um. Sie nehmen Washington vor allem dessen Einsatz für einen israelisch-palästinensischen Frieden übel. Diese würde nämlich eine Teilung des Landes Israel bedeuten – aus der Sicht der Rechten eine schwere Sünde. Umgekehrt halten es israelische Araber. Ihnen gelten die USA trotz des erklärten amerikanischen Ziels, die Gründung eines unabhängigen Palästinenserstaates herbeizuführen, als zu zionistenfreundlich. Indessen mischt sich auch hier Kritik mit Bewunderung. »Also, Bush hätten wir hier wirklich nicht gebraucht«, faucht Abir, eine junge Araberin aus dem Jerusalemer Umland. Auch ihre Freundin San’a macht den USA einen schweren Vorwurf: Ihr Antrag auf ein Touristenvisum wurde von der amerikanischen Botschaft in Tel Aviv abgelehnt: Als Junggesellin steht sie unter dem Generalverdacht, illegal in Amerika bleiben zu wollen. Vielleicht nicht ohne Grund: »Amerika« schwärmt die ins schwarze Kopftuch einer frommen Muslima gehüllte San‘a »ist das Beste«.

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