DÜSSELDORF

Wintergarten und Würstchen

Die Schlange vor dem Pavillon im Hof wird länger und länger. Mit Tellern und Besteck in den Händen drängen sich immer mehr Besucher unter dem blauen Zeltdach und einige Meter weiter in das Foyer des Gemeindezentrums, um vor dem Regen geschützt auf gegrillte Köstlichkeiten zu warten. Familien mit Kindern, Ehepaare, klei- ne Gruppen und vor allem viele Jugendliche sind zum Grillfest nach Düsseldorf gekommen. Die Jüdische Gemeinde feiert ein lockeres, fröhliches Beisammensein, und sie feiert auch eine große Renovierung: Der Eingangsbereich, der Innenhof und der Leo-Baeck-Saal erstrahlen in neuem Glanz und sind bereit für Veranstaltungen und reges Gemeindeleben.
Davon überzeugen sich beim Grillfest nicht nur Düsseldorfer und Gäste aus umliegenden Städten, sondern auch aus den USA: Ein Komitee des American Jewish Joint Distribution (JDC) nimmt den Umbau rund um die Synagoge an der Zietenstraße in Augenschein. »Wirklich wundervoll und sehr beeindruckend«, urteilen Besucher wie Jerry Spitzer, der Vorsitzende des JDC-Europakomitees. 20 Jahre nach dem Mauerfall macht sich die Gruppe ein Bild vom jüdischen Leben in Deutschland und besucht Berlin, Köln, Duisburg, Essen und Düsseldorf.

grosszügig Eineinhalb Jahre haben die Umbauarbeiten an der Zietenstraße gedauert, nun ist alles fertig. Hell, freundlich und deutlich größer wirken der Saal und der Eingangsbereich mit holzvertäfelten Wänden, hellen Marmorfliesen und einem Wintergarten mit Blick auf Olivenbäumchen. »Es fehlen nur noch winzige Kleinigkeiten«, erklärt Vanessa Rothe, die sich heute um das Grillfest kümmert. Die junge Frau versorgt die knapp 100 Besucher, die durch Treppenhaus, Eingangsbereich und die neu eingerichtete Lounge im dritten Stock wuseln, ausgestattet mit Wertmarken für Speisen und Getränke, und führt sie dann zu den Neuerungen. Mitten im Treppenhaus beginnt der renovierte Bereich und ist nur bei genauem Hinsehen zu erkennen: »Achtung, hier fängt’s an«, sagt Vanessa Rothe und deutet auf den Übergang vom grauen Boden zu den hellen Marmorplatten.
Unten angekommen, nimmt Juan Mi-guel Strauss die Gäste im Empfang. Der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde führt die Gruppe aus den USA und interessierte Besucher in den Leo-Baeck-Saal und informiert über das Gemeindeleben und die Renovierung. »Irgendwann stand ich mit einem Vorstandskollegen im Leo-Baeck-Saal, wir sahen uns an und sagten beinahe wie aus einem Munde: ›Hier müssen wir hier dringend etwas ändern. So geht es nicht mehr‹«, erzählt er. Der Saal ist 1959 entstanden und seitdem nicht mehr renoviert worden. »Vielleicht haben wir mal einen neuen Vorhang gekauft oder etwas ausgebessert, aber mehr nicht«, sagt Strauss. »Ehrlich gesagt, roch es mittlerweile auch ein wenig muffig«, fügt Vanessa Rothe hinzu. Davon ist nun nichts mehr zu spüren. Zwar liegt der Saal im Dunkeln, doch als der Hausmeister die Lampen entzündet, eröffnet sich ein eindrucksvoller Blick: Der Raum bietet Platz für 420 Personen, wirkt aber keinesfalls riesig, sondern einladend. Vorn ist eine mobile Bühne, auf der ein schwarzer Flügel glänzt, ansonsten dominieren Dunkelrot, Weiß und das helle Holz. Ein Stück weiter sieht man die Außenwand der Synagoge, die jetzt im Innern liegt, da das Foyer um einen Wintergarten erweitert wurde. Die Synagoge hat einen Eingang für Frauen bekommen, den eine Tür mit Geschichte ziert. Juan Miguel Strauss erzählt: »Die Tür stammt aus der ehemaligen Synagoge an der Kasernenstraße. Bei der Plünderung 1938 hat sie jemand mitgenommen. Seine Familie hat sie uns vor einiger Zeit zurückgegeben.«
2,8 Millionen Euro hat der Umbau gekostet, finanziert in erster Linie durch die Gemeinde selbst sowie mit Zuschüssen der Stadt Düsseldorf und durch Darlehen. Architekt und Gemeindemitglied Awi Spievak hat das Konzept entworfen. »Alles hat wunderbar funktioniert. Wir sind in der vorgesehenen Zeit fertig geworden, und alles sieht nun sehr schön aus«, erzählt Strauss. Zwischendurch nimmt er sich Zeit für Gespräche am Rande und dafür, sich persönlich darum zu kümmern, dass der Grill funktioniert. Zwei Köche versorgen die Besucher mit koscherem Grillgut.

geschenkt »Es hat schon auf der Straße sehr lecker gerochen, und es schmeckt wirklich einfach toll«, sagt Danielle Rinka (27), die zusammen mit Michael Anapolski (33) Putenfleisch und Würstchen kostet. Das Fleisch bezieht die Gemeinde von einem auf koscheres Fleisch spezialisierten Lieferanten. Auch den Kleinsten gefällt das Fest: Stürmisch läuft Rephael (2) auf seine Eltern Caroline und Rothem Lanzman zu. Im Jugendzentrum, wo Jana Mitnik mit den Mädchen und Jungen bastelt, hat Rephael einen Luftballon mit einem Fisch bemalt. »Für Papa«, sagt er und trollt sich sodann mit einem Stück frischer Melone. Auch die JDC-Vertreter genießen Obst, Salat und Fleisch und plaudern mit den Düsseldorfern. Nach dem Besuch in Deutschland reist die Gruppe weiter ins Baltikum. »Es ist spannend zu sehen, dass es dort in den Gemeinden vor allem um die Versorgung der Armen geht, und in Gemeinden wie Düsseldorf eher um die Entwicklung jüdischer Identität und um intensives Gemeindeleben«, sagt Julian Voloj. Er koordiniert den Besuch und findet: »Die umgebauten Räume bieten dafür optimale Möglichkeiten.«

gerüstet Schon jetzt habe sich die Investition gelohnt, sagt Rabbiner Julian-Chaim Soussan. Durch Neuerungen wie die Becken für die rituellen Handwaschungen im Leo-Baeck-Saal kommen die Gemeindemitglieder ins Gespräch, und für Veranstaltungen im neuen Raum gäbe es schon jetzt viele Anmeldungen. So steht der Raum am 23. September im Licht der Öffentlichkeit: Dann verleiht die Gemeinde dort die Josef-Neuberger-Medaille für Verdienste um die jüdische Gemeinschaft.

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