Symbol

Wie kommt der Hase in die Synagoge?

Von Felice Naomi Wonnenberg

Ostern steht vor der Tür. In Deutschlands Wäldern und Supermärkten sind die Hasen los. In Schokolade gegossen oder in natura – die Langohren vermehren sich derzeit wie die sprichwörtlichen Karni‐ckel. Dieser ausgeprägten Libido verdanken die Tiere auch ihre traditionelle Rolle als Frühjahrs‐ und Fruchtbarkeitssinnbild in verschiedensten Kulturen. Der Osterhase ist ein heidnisches Sexsymbol.
Aber auch das Judentum kennt den Hasen als Sinnbild, und das, obwohl er im 3. und im 5. Buch Moses gleich zweimal als nicht koscher aufgeführt ist. Was der Ehre des Langohres keinen Abbruch tut. Schließlich sind auch andere treife Tiere in der Tora positiv konnotiert, Löwe und Adler zum Beispiel.
Auf einen Übersetzungsfehler geht allerdings die Verortung des Hasen in den Psalmen zurück. Hebräisch heißt der Hase »shafan«. Bei dem »shafan sela« aus Psalm 104, der »im Schutze des Felsens G’ttes seine Zuflucht sucht«, handelt es sich jedoch um den Klippschiefer, eine Art Murmeltier mit kurzen, runden Ohren, das man heute nur noch im Naturreservat Ein Gedi am Toten Meer antrifft. Sozusagen ein falscher Hase.
Manche Toragelehrten, wie Rabbi Yosef Hayim Yerushalmi in seiner Augsburger Haggada 1534, sahen im Hasen ein Symbol für die Juden in der Diaspora – immer gejagt, stets auf der Flucht. Auch in anderen Pessachgebetsbüchern dieser Zeit findet man eine Hasenjagd dargestellt, etwa in einer Prager Haggada von 1526. Sie hat jedoch einen anderen Hintergrund. Es ist eine Eselsbrücke. »Jag’ nen Has« steht für die hebräischen Lettern »YaK‐Ne‐HaZ« und soll helfen, die komplizierte Abfolge der Segenssprüche einzuhalten, wenn der Pessachabend (wie übrigens auch dieses Jahr) auf Motzei Schabbat, Schabbatausgang fällt: Y = Yain (Wein), K = Kiddusch, N = Ner (Licht), H = Hawdala, Z= Zeman (Zeit).
Oft taucht der Hase im Judentum auch als Trio auf – drei sich jagende Hasen im Kreis mit einem Vexiermotiv, wie es in einem alten deutschen Rätsel beschrieben wird: »Der Hasen und der Ohren drei / Und doch hat jeder seine zwei.« Man sieht diese Darstellung etwa in der ehemaligen Sy‐nagoge von Horb am Neckar, die heute im Jerusalemer Israel‐Museum steht. Das tierische Trio findet sich auch auf den Holzpaneelen des Gebetsraums von Unterlimpurg bei Schwäbisch Hall: Eine Nachbildung dieser »mobilen Synagoge« ist im Jüdischen Museum Berlin zu sehen. Und auch eines der Hauptexponate des Diasporamuseums Beth Hatefutsoth in Tel Aviv wurde 1714 von Israel Ben Mordechai Lisnicki von Jaryzcow mit den drei Langohren ausgemalt: Die Synagoge von Chodorow bei Lemberg. Im Jahre 1941 von den Nazis zerstört, wurde dieses kunsthistorische Juwel mit Hilfe von historischen Fotografien rekonstruiert. Die israelische Kunsthistorikerin Ida Uberman schreibt über dieses Bethaus: »Wir finden hier Darstellungen von drei Tierarten, je in einem Kreis angeordnet. Ein Adler, Fische und Hasen. Diese drei repräsentieren die drei kabbalistischen Elemente der Welt: Erde, Wasser und Feuer/Himmel.« Die Zahl Drei, betont Uberman weiter, sei »im kabbalistischen Kontext sehr bedeutungsvoll«.
Das klingt plausibel, ist aber sehr überinterpretiert. Die drei Hasen sind alles andere als ein originär jüdisches Symbol. Die frühesten Darstellungen des »Dreihasenkreises« sind aus buddhistischen Höhlen in Touenhouang in China überliefert. Sie werden auf das 6. und 7. Jahrhundert datiert. Von China aus kam das Symbol im 12. Jahrhundert über die Seidenstraße in den Nahen Osten, in das Ajubidenreich Saladins. Hier begegnen die Hasen uns als Dekoration auf Keramik‐ und Metallprodukten. »Ex oriente Lepus« – aus dem Osten kommend, fanden die drei Hasen schließlich den Weg nach Europa. Ein Steinmetz schuf Anfang des 16. Jahrhunderts das Drei‐Hasen‐Fenster im spätgotischen Kreuzgang des Paderborner Doms, das sich zu einem Wahrzeichen der Stadt entwickelte. Man kann sich in Paderborn heute im »Drei‐Hasen‐Theater« unterhalten lassen und danach im »Drei‐Hasen‐ Hotel« übernachten; falls man Einschlafschwierigkeiten hat, gibt es Beruhigungsmittel in der »Drei‐Hasen‐Apotheke«.
Wie die rotierenden Langohren ihren Weg aus der ostwestfälischen Bischofskirche in jüdische Bethäuser gefunden haben, lässt sich nicht genau eruieren. Tatsache ist, dass sie in vielen aschkenasischen Holzsynagogen des 17. und 18. Jahrhunderts auftauchen. Ob das tatsächlich kabbalistische Hintergründe hat? Der Dreihasenkreis ist in viele Kulturen migriert. Dabei wurde das alte Symbol oft mit einer neuen Bedeutungsebene aufgeladen. Die christliche Kunstgeschichte versuchte eine Zeit lang, das Hasentrio als Sinnbild der Heiligen Dreifaltigkeit zu interpretieren. Das scheint ähnlich bemüht wie der Versuch, das Symbol dem Judentum zuzuordnen. Mit Sicherheit lässt sich nur sagen, dass die drei Hasen Menschen aller Religionen und Jahrhunderte derart fasziniert haben, dass die Tiere in den verschiedens‐ten Kulturen und Konfessionen ihre künstlerischen Fährten hinterlassen haben – auch wenn sie mit ihren Hakensprüngen allen Interpretationen der Kunsthistoriker immer wieder aufs Neue entkommen. évys »Jüdin« in Stuttgart
Die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito haben am Sonntag in der Staatsoper Stuttgart Jacques Fromental Halévys Grand Opéra »La Juive – Die Jüdin« als deutsche Neuinszenierung auf die Bühne gebracht. »La Juive« war eine der meistgespielen Opern des 19. Jahrhunderts. Das Stück in fünf Akten handelt von jüdischem Märtyrertum zu Zeiten der Inquisisiton. ja
www.staatstheater.stuttgart.de/oper/

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