Machane

Wer, wie, was?

von Ralf Pasch

Kinderlachen und unbefangenes Durcheinanderplappern hallten dieser Tage durch die Flure und das Treppenhaus der Kasseler Synagoge. Der Gemeinderaum wirkte wie eine Künstlerwerkstatt: An den Wänden klebten Zeichnungen, auf Tischen türmten sich Papier, Farben und andere Utensilien, dazwischen eine selbst gebastelte Menora. Eine Woche lang hatte die Gemeinde während der hessischen Herbstferien die Synagoge für Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren geöffnet und außerdem ein Programm mit Ausflügen organisiert. Doch dabei ging es um mehr als bloße Freizeitbeschäftigung.
»Unsere Kinder- und Jugendarbeit ruhte eine ganze Weile, weil wir schlicht kein Geld dafür hatten«, gesteht Gemeindevorsitzende Esther Haß. Außer an Geld mangelte es an Gemeindemitgliedern, die mit anpackten. Das hat sich geändert. Eine Gruppe Jugendlicher fand sich, die sich schnell darüber einig war, »dass etwas passieren muss«, sagt Chajm Wienes. Gemeinsam mit Konrad Hädicke und Slava Grebnev wollte er Kindern zeigen, »dass Re- ligion nicht nur mühsam und anstrengend ist, sondern auch Spaß machen kann«. Tatkräftige Unterstützung bekam das Trio von Alla Hodorowska, eins der Gemeindemitglieder, die in der Synagoge immer dann zur Stelle sind, wenn Hilfe gebraucht wird.
Bereits in den Sommerferien hatte die Gemeinde zum ersten Mal das Experiment gewagt, eine Machane auf die Beine zu stellen. Zwölf Jungen und Mädchen erfuhren damals zum Beispiel, was koscher essen bedeutet oder was es mit Noah und der Arche auf sich hat.
Fast doppelt so viele Kinder waren zum Herbstprogramm angemeldet worden. Und das, obwohl die Eltern sich mit 20 Euro an den Kosten beteiligen mussten. Die Gemeinde konnte wegen ihrer nach wie vor angespannten Finanzlage nur einen bescheidenen Zuschuss gewähren. »Die gute Resonanz ist für uns Bestätigung und Anerkennung«, freut sich Chaim Wienes. Gemeinsam mit den anderen Initiatoren hatte er auch die Betreuung der Kinder übernommen. Das war durchaus eine Herausforderung, denn »wir mussten oft improvisieren, weil wir von vielen Dingen eigentlich keine Ahnung hatten«, gibt Wienes zu. Trotzdem war das Ganze ein Erfolg, und in den Osterferien soll es eine Neuauflage geben.
In der Herbstferienwoche hörten die Kinder Geschichten von Abraham und Isaak oder über Chanukka. Sie zeichneten eine Landkarte Israels, lernten etwas über das Land und seine Bewohner. Und sie backten in der Gemeindeküche Brot, das sie mit nach Hause nehmen durften. Es ging allerdings nicht nur um religiöse Themen. Die Kinder wanderten auch, besuchten ein Museum oder tobten zwischendurch auf dem Spielplatz.
Dass sich die Gemeinde um ihre Kinder kümmert, ist mehr als eine soziale Aufgabe. Die etwas mehr als 1.100 Mitglieder zählende Gemeinde besteht aus Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion kamen. Die meisten von ihnen wissen wenig über die Religion, im Sozia- lismus waren sie zu Atheisten erzogen worden. »Normalerweise werden Bräuche und Gesetze von den Eltern auf die Kinder übertragen, doch darauf können wir uns nicht verlassen, die Eltern wissen einfach zu wenig«, beschreibt Esther Haß das Problem. Deshalb lernten die Kindern in der Ferienwoche auch, wie ein Schabbat vorbereitet und gefeiert wird. »Vielleicht«, hofft Esther Haß, »löchern die Kinder zu Hause ihre Eltern, weil sie auch Schabbat feiern wollen.« Über diesen »Umweg« könne vielleicht das gelingen, was sie »Rückführung zum Judentum ohne Belehrung« nennt. Doch es geht um mehr: »Kinder und Jugendliche sind unsere Zukunft, sie müssen später die Gemeinde bilden und führen.«
Esther Haß hatte mit einem »Kinderlehrhaus« einen ersten Schritt gewagt, Kindern zusätzlich zum Religionsunterricht etwas zu bieten. Seit Mai vergangenen Jahres vermittelt sie alle zwei Wochen spielerisch religiöse Themen. Daraus, so wünscht sie sich, könnte ein Lehrhaus werden, in dem sich auch Jugendliche und Erwachsene bilden können.
Den drei jungen Männern, die die Projekte für die Kinder angeschoben hatten, gelang es auch, die Jugendarbeit in Gang zu bringen. Im Sommer gab es eine Grillparty, inzwischen gehört ein regelmäßiger Kiddusch für Jugendliche zum Gemeindeleben. Im Dezember ist eine Chanukka-Fete im Gemeindesaal geplant. Rückenwind bekommt die Gemeinde durch eine aktuelle Entscheidung der Stadt: Sie will die Jugendarbeit ab nächstem Jahr durch einen regelmäßigen Zuschuss unterstützen. Dazu fehlt nur noch der politische Segen der Stadtverordnetenversammlung, doch es gilt als sicher, dass die Kommunalpolitiker bei ihrer nächsten Sitzung Anfang November ihre Zustimmung geben werden.

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