Pessach-Erzählung

Wer nicht fragt, bleibt dumm

von Jonathan Rosenblum

Eine Stelle in der Haggada ließ Kommentatoren lange Zeit ratlos zurück: Der Sohn, der nicht weiß, wie man fragt, erhält die gleiche Antwort wie der böse Sohn. Das Problem wird noch verzwickter, wenn uns klar wird, dass die Antwort für den bösen Sohn nicht die gleiche Antwort auf seine Frage ist wie die, die in der Tora steht.
Der Verfasser der Haggada stellte also absichtlich einen Zusammenhang her zwischen dem bösen Sohn und dem Sohn, der nicht zu fragen weiß. Warum aber wird ein Sohn, der nicht einmal die einfachste Frage zu formulieren versteht, in ein so negatives Licht gestellt?
Einige Kommentatoren meinten, dass die Erklärung für die Unfähigkeit des vierten Sohnes nicht Dummheit, sondern Apathie ist. Anders als den bösen Sohn stört es ihn nicht, wenn seine jüdischen Brüder an absurden uralten Ritualen teilnehmen möchten. Doch genau wie dieser fühlt er sich allem, was mit dem Seder zu tun hat, völlig entfremdet. Er fragt nicht, weil ihm die Abläufe gleichgültig sind.
Dem israelischen Bildungswesen sind viele Versäumnisse zur Last zu legen. Das gravierendste – und für Israels Zukunft folgenschwerste – ist, dass es dafür verantwortlich ist, dass einer ganzen Generation von jungen Juden die Vergangenheit ihrer Nation vollkommen gleichgültig ist. Ein Mitglied der Gründergeneration klagte einmal: »Wir wollten eine Generation von großen Apikorsim (Verneinern) heranziehen; es gelang uns aber nur, amei ha’aretz (unwissende Menschen) großzuziehen.«
Seither hat sich die Situation eher noch verschlechtert. Vor dreißig Jahren kannten säkulare Israelis meines Alters das Land und jede Siedlung darin, einschließlich der entsprechenden biblischen Bezüge. Heutzutage kennen nur wenige etwas, was weiter entfernt ist als der nächste Strand und das nächste Einkaufszentrum. Über die Hälfte der israelischen Oberschüler sind noch nie in Jerusalem gewesen.
David Ben-Gurion bestand darauf, dass Talmud, Tanach und biblische Archäologie in die Lehrpläne für die Schulen der werdenden Nation aufgenommen wurden. Er wusste, dass das »Dritte Jüdische Gemeinwesen« nur überleben konnte, wenn es sich in den Herzen und Köpfen seiner Staatsbürger mit dem verband, was früher war. Das heißt, eine elementare jüdische Erziehung war nötig.
Was weiß der säkulare Schüler heute über diese Themen? Oder auch nur über jüdische Geschichte? Zutreffend fasste Hillel Halkin zusammen, worin das schlimmste Vergehen eines Geschichtstextes für die neunten Klassen besteht, der vom Bildungsministerium über zehn Jahre lang erarbeitet wurde: seine kalkulierte Neutralität im Hinblick auf jüdische Geschichte. »An keiner Stelle wird ein Neuntklässler daran erinnert, dass er dem Volk angehört, über das er liest, dass er Fleisch seines Fleisches und Blut seines Blutes ist. An keiner Stelle erfährt er, dass die Geschichte der Juden auch die seine ist.«
Tausende junge Israelis reisen jedes Jahr in den Fernen Osten, um etwas über östliche Mystik zu erfahren. Der Gedanke, erst einmal die Schätze ihrer eigenen Religion kennen zu lernen, kommt ihnen nicht. Nichts in ihrer Erziehung hat ihnen auch nur andeutungsweise eine Tradition vermittelt, die viele der größten Geister in der Geschichte vollkommen in Anspruch genommen hat. Die vor kurzem erschienenen Briefe an einen buddhistischen Juden – der Briefwechsel zwischen Rabbi Akiva Tatz und David Gottlieb, einem sprachgewandten jüdischen Buddhisten – sollten Pflichtlektüre sein für israelische Schüler, die glauben, geistige Tiefe sei nur außerhalb ihrer eigenen Tradition zu finden.
Sogar der elementare jüdische Stolz ist verschwunden. Während des Holocausts gaben sich Menschen, die davor jahrzehntelang als Nichtjuden galten, als Juden zu erkennen. Das taten sie, als die Juden ihrer Stadt zur Vernichtung zusammengetrieben wurden, um ein gemeinsames Schick-
sal zu teilen. Doch als unlängst die UEFA insistierte, dass die Fußballer von Maccabi Tel Aviv an Rosch Haschana spielen sollten, und ein UEFA-Sprecher die israelischen Juden mit den Worten verhöhnte, sie müssten eben zwischen Fußball und Synagoge wählen, gab es keinen Aufschrei der Empörung. Und die Möglichkeit, durch Nichterscheinen eine Niederlage zu akzeptieren, wurde zu keinem Zeitpunkt ernsthaft in Betracht gezogen.
Wie der Schriftsteller Aharon Appelfeld im vergangenen Jahr klagte, fliehen moderne Israelis »vor ihrem Judentum«. Jede Erinnerung, dass sie Juden sind, »lässt sie zusammenzucken und verursacht Ekel in ihnen«. Das Resultat ist »ein schwarzes Loch von Identität« anstelle der »inneren Organe der Seele«.
Diese Selbstentfremdung ist keineswegs zufällig. Zum überwiegenden Teil ist sie das Ergebnis eines systematischen Angriffs auf die jüdische Identität seitens der wichtigsten Institutionen des Staates. Zum Beispiel wurde in Israel kürzlich durch ein Gerichtsurteil entschieden, dass das Gemeinwesen kein stichhaltiges Interesse daran habe, jüdische Identität durch das Verbot von Schweinefleisch – dessen Verzehr allen Juden über Jahrtausende verabscheuungswürdig war – zu stärken.
Angesichts der Anforderungen des Alltagslebens in Israel können wir uns den Luxus nicht leisten, als einziges Land auf der Welt seine Jugend im günstigen Falle zur Gleichgültigkeit und im schlimmsten Falle zur Verachtung gegenüber ihrer Vergangenheit zu erziehen.
Am Sederabend feiern wir unsere Geburt als Volk. Möge in diesem Jahr die Er-
zählung vom Auszug aus Ägypten in all jenen jüdischen Söhnen und Töchtern, die zurzeit so gleichgültig sind, dass sie nicht einmal danach fragen, die Neugier entfachen, etwas über unsere nationale Mission zu erfahren.

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