Scheidebrief

Wenn aus Liebe Hass wird

von Rabbiner Avichai Apel

Zur heutigen modernen Zeit gehört, dass mehr und mehr Paare sich nach einigen Ehejahren trennen. Dann verwandelt sich »der glücklichste Tag im Leben«, der Hochzeitstag, in einen Tag, den man lieber vergessen will.
Die Ehe ist eine Lebensform voller Herausforderungen. Das Paar wird zur Zusammenarbeit und zum gegenseitigen Verständnis in verschiedenen Lebensberei- chen verpflichtet. G’tt schuf den Menschen als ein Wesen mit vielen unterschiedlichen Bedürfnissen. Es hängt von vielen Bedingungen und Interessen ab, ob das Paar zueinander passt. Dazu zählen ein gemeinsamer Lebensstil und eine gemeinsame Ideologie, ein gemeinsamer Weg in der Kindererziehung und auch das physisch-körperliche Verständnis und Zusammenpassen. Das sind die Bausteine für den Erfolg des Familienlebens. Wir wissen zwar, dass es nicht unbedingt erforderlich ist, dass das Paar über alles sofort einer Meinung ist. Aber es muss ein gegenseitiges Verständnis entwickeln, um ernsthafte Konflikte zu vermeiden.
Wenn eine Partnerschaft ohne Verpflichtungen aufgebaut wird, ist sie zum Scheitern verurteilt. Sie kann jeden Augenblick und beim ersten Konflikt auseinanderbrechen. Die Auflösung ist zwar von unangenehmen Gefühlen begleitet, aber der Schaden ist nicht unumkehrbar, denn eine solche Partnerschaft kann nach einer Pause wiederhergestellt werden.
Das Eheleben hingegen, die ideale Form für eine erfolgreiche Partnerschaft, ist ein System, das dem Menschen ein Sicherheitsgefühl und Stabilität schenkt. Der Mensch kann dadurch lernen, zwischen Wichtigem und Unwichtigem im Leben zu unterscheiden. Wenn zwei Menschen eine Prioritätenliste für sich erstellen, in der die Bewahrung der Partnerschaft an erster Stelle steht, werden die beiden alles tun, um den Familienkern zu schützen. Auf diese Weise lernt der Mensch, den anderen zu akzeptieren und keine Positionen zu verteidigen, deren Wert nicht bedeutsam ist. Das heißt, er muss verhandeln, um einerseits nicht auf seinen eigenen Willen zu verzichten und andererseits die Freiheit des Partners nicht zu verletzen.
Die Tora spricht über menschliche Eigenschaften, die den Erfolg einer Familie verhindern können: »wenn ein Mann eine Frau nimmt und ehelicht« – an dieser Stelle wird eine halachische Ehe beschrieben – und »wenn sie keine Gunst in seinen Augen findet, weil er an ihr etwas Schändliches gefunden«. Trotz der Heiligung der Ehe erwähnt die Tora Situationen im Eheleben, in denen es Probleme gibt.
Die Natur des Menschen birgt eine Gefahr in sich. Wir sind uns dessen bewusst, dass Missverständnisse über Kleinigkeiten in einem großen Konflikt enden können. Die Reaktionen der Menschen sind unberechenbar, manchmal reagieren wir unverhältnismäßig auf das, was geschah. Deshalb gibt uns die Tora die Möglichkeit der Scheidung.
Die Mischna berichtet von drei Meinungen als Gründe für eine Scheidung. Nach Beit Schamaj wird die Auflösung der Ehe durch den tatsächlichen Ehebruch verursacht. Rabbi Akiva im Gegenteil meinte, dass es ausreiche, dass ein Mann ein Auge auf eine andere Frau wirft, um sich scheiden zu lassen. Beit Hillel meinte, dass die Auflösung der Familie nicht nur mit dem Sexualleben des Paares zusammenhängt. Es gibt viele mögliche Ursachen für die Auflösung der Familie. Letztendlich wird jeder Fall individuell nach den Umständen zwischen den Ehepartnern betrachtet.
Vieles hängt auch davon ab, ob der Mann und die Frau bereit sind, trotz Krisen das gemeinsame Leben fortzuführen. Es wird jede Anstrengung unternommen, um zuallererst eine Friedenslösung in der Familie zu finden. Aber für den Fall, dass das Paar in einer Sackgasse angekommen ist, weist die Tora an, das Eheleben zu beenden. Und danach – erst danach! – können beide eine neue Ehe eingehen.
Manche Partnerschaften können praktisch nicht weiter bestehen. Wenn die Verständigung zwischen den Partnern zu schweren Konflikten geführt hat und die Möglichkeit blockiert, friedlich zusammenzuleben, kann eine Ehe beendet werden. Es besteht dann die Möglichkeit, sich schei- den zu lassen, das Blatt im Leben zu wenden und einen passenden Partner, eine passende Partnerin zu finden.
Die Scheidungszeremonie ist klar definiert. Eigentlich sollte ein Abschied vollkommen ausreichend sein. Aber die Tora weist an: »So soll er ihr einen Scheidebrief schreiben und in ihre Hand geben und sie aus seinem Hause entlassen.« Die Auflösung der Ehe muss in einer Schrift verfasst werden.
Beim Schreiben des Scheidebriefs kann der Mann über seine Taten nachdenken und vielleicht sogar seine Meinung ändern, um einen Weg zu finden, mit seiner Partnerin wieder friedlich zusammenzuleben. Falls es anders geregelt werden soll, wird der Mann sich von seiner Frau scheiden lassen und wieder heiraten, da sein Gemüt nicht kontrolliert werden kann.
Andererseits, falls das Ehepaar sich gemeinsam zur Trennung entschieden hat, muss dieser Akt in einer Schrift verfasst werden, um diesen Akt zu veröffentlichen. Es findet hier ein Akt der Erklärung statt, weil das Paar nicht ohne Scheidebrief getrennt sein kann. Ohne Scheidebrief kann keiner der beiden Kontakt mit einem neuen Partner aufnehmen, denn dadurch würde die Grundmoral des jüdischen Familienlebens verletzt werden. Die Folgen einer solchen Verbindung könnten katastrophal sein, wenn daraus Nachkommen entstehen.
Nach der Halacha muss die Scheidung im Einvernehmen beider Ehepartner erfolgen. Dass der eine Partner dem anderen die Scheidung aufdrängt, ist nicht erlaubt. Obwohl diese Regel dazu dienen soll, das Verständnis zwischen den Ehepartnern zu fördern, gibt es Ehepartner, die sie missbrauchen und den anderen erpressen oder es verhindern, dass er oder sie eine neue Beziehung eingehen kann. Dieses Verhalten ist schlimm und steht nicht im Einklang mit der Halacha.
Die Möglichkeit der Scheidung, die uns die Tora gibt, sollte die Ehepartner ermahnen, sich anzustrengen, einander zu respektieren, eine schöne Partnerschaft aufzubauen – und sie zu bewahren. Rabbi Elasar sagte: »Jeder Mann, der sich von seiner ersten Frau scheiden lässt, über den vergießt selbst der Altar Tränen.«

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Dortmund.

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