Displaced Persons

Weißer Fleck

Für viele, die zur Lesung von Jim Tobias in die Literaturhandlung im Jüdischen Museum gekommen sind, ist das Thema des Abends ein Teil ihres Lebens. „Ich bin mit dieser Geschichte aufgewachsen und so gespannt“, sagt ein grauhaariger Mann leise zu seiner Nachbarin. Damals gehörte er zu den Menschen, die von den Alliierten Displaced Persons (DP) genannt wurden. Gemeint waren damit vom Naziregime aus der Heimat vertriebene und geschundene Menschen. Die Überlebenden der Todesmärsche und der KZs, zumeist Juden, die im Nachkriegsdeutschland in sogenannten DP‐Camps auf die Möglichkeit zur Auswanderung warteten.
„Bis heute ist die Geschichte der DP ein weißer Fleck in unserer Heimatgeschichte“, beginnt der Autor Jim Tobias das Gespräch mit seinen Lesern. Seit fünfzehn Jahren beschäftigt sich der Historiker und Journalist mit diesem Kapitel der jüngeren Geschichte. Als Resultat dieser großen Forschungsarbeit ist das Buch „Sie sind Bürger Israels“ entstanden.
Der Zweite Weltkrieg ist kaum zu Ende, da begreifen die Überlebenden in den DP‐Camps, dass sie ihre Zukunft im verheißenen Land nicht ohne Waffen werden bauen können. Schon 1945 reisen Gäste aus Palästina nach Deutschland, um die überlebenden Juden für die zionistische Idee zu gewinnen. Träger dieser Aktivitäten ist die jüdische Selbstschutzorganisation Hagana, die seit 1920 existiert und zur Vorgängerin der israelischen Armee wird. Sie mobilisiert die Kräfte der Juden in Deutschland und bereitet sie darauf vor, für die Unabhängigkeit des neuen Landes zu kämpfen. Diese von den Alliierten offiziell nicht erlaubte und dennoch stillschweigend geduldete Rekrutierung umfasst alle Bereiche und Gruppen der jüdischen Bevölkerung. Ob es Sportler, Studenten oder Jugendliche sind – viele melden sich freiwillig zum Militärdienst. Die Hagana betrachtet die Rekrutierung nicht nur als einen freiwilligen Akt, sondern als offizielle Einberufung. „Ich möchte, dass sich die Juden melden. Sie sind praktisch Bürger Israels“, sagte Nachum Schadmi, der damalige Kommandeur der Hagana in Europa. Durch die Büros werden alle Männer zwischen 17 und 35 rekrutiert. Militärisch ausgebildet werden sie ab 1948 im fränkischen Wildbad und im oberbayrischen Hochland. In kürzester Ausbildungszeit sind die frisch gebackenen Offiziere schon bereit, ihre Militärkenntnisse weiterzugeben, um neue Kräfte für Israels Unterstützung auszubilden. Auch Frauen sind in den beiden Offiziersschulen. Über Frankreich und Italien kommen diese ersten Bürger Israels nach Palästina. Schon im Mai 1948 kämpfen in Israel mehr als zwanzigtausend in Deutschland rekrutierte Holocaust‐Überlebende für ihre neue Heimat.
Jim Tobias hat die Recherchen auch für eine filmische Dokumentation genutzt, von der an diesem Abend Ausschnitte zu sehen sind. Ehemalige rekrutierte Displaced Persons kommen zu Wort und erinnern sich an die Zeiten der Geburt des israelischen Staates. Heute, 60 Jahre nach dieser hart erkämpften Unabhängigkeit, ist Israel die stabile und prosperierende Heimat der jüdischen Menschen geworden. Für die Literaturhandlung und ihre Leiterin, Rachel Salamander, Grund genug für ein vielschichtiges Programm, das sie zusammen mit dem Förderkreis Literatur zum Judentum für die nächsten Monate vorbereitet hat.

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