München

Weisheit, Verständnis und Wissen

von Miryam Gümbel

20 Jahre ist es her, dass Rabbiner Israel Diskin zusammen mit seiner Frau Chani und dem kleinen Levi nach München gekommen ist und die Traditionen und Aktivitäten der Lubawitscher an die Isar brachte. Dieses Jubiläum wurde am vergangenen Wochenende groß gefeiert: mit einem Konzert, mit einem Kabbalat Schabbat, mit einem festlichen Schabbat-G’ttesdienst und schließlich am Samstagabend mit einem Gala‐Abendessen im Gemeinderestaurant Einstein. Dass die Lubawitscher voll im Heute stehen, wurde gleich am Donnerstagabend beim Konzert von Avraham Fried und der Gruppe Oif Simches deutlich. Moderne Rhythmen, Lichtspiele und eine Inszenierung, die mit jedem Rock‐ und Pop‐Konzert mithalten konnten, unterstrichen dies. Videos mit realen Aufnahmen ebenso wie Computersimulationen auf der Leinwand ergänzten den Auftritt. Der gefeierte Entertainer ist mit den Liedern und Traditionen seiner Familie aufgewachsen. Konzerte mit dem Prager Symphonie‐Orchester und der Israelischen Philharmonie gehören zu den Highlights seiner Karriere ebenso wie modern umgesetzte jüdische Musik. Oif Simches wurde von Ishai Lapidot aus Bnei Brak gegründet und verbindet chassidische Musik mit modernen Arrangements und Rhythmen bis hin zum Rap. Bei dem Konzert im Gasteig fühlte sich davon nicht nur die Disco‐Generation angesprochen. Überlebende der Schoa waren ebenso begeistert von den Songs, die viel Jüdischkeit ausstrahlten.
Die große Chabad‐Familie, die den Saal mit weit über 500 Plätzen füllte, ließ sich einen beeindruckenden Abend lang mitreißen. Einige standen sogar von den Plätzen auf und tanzten die traditionelle Hora zu der Musik. Der berühmte »King of Chassidic Pop« Avraham Fried riss sie alle mit – mit vertrauten Texten und mit neuen Liedern. Für eine schwungvolle Einstimmung hatte gleich zum Auftakt die Gruppe Oif Simches gesorgt. Dass die energiegeladene Band dabei nicht nur Aufheizer war, sondern wesentlicher Bestandteil des Konzerts, bestätigte sie auf vielfache Weise. Besonders beeindruckend war der gemeinsame Auftritt von Band‐Leader Ishai Lapidot mit Avraham Fried. Lapidot hatte eigens für den Chassidic‐Star Fried den Song »Aleh Katan« geschrieben, den beide gemeinsam vortrugen. Bleibenden Eindruck hinterließ auch ein anderes Lied, das hinführte zu einem wichtigen Ziel der Chabad‐Arbeit: der Weg zurück zu den Wurzeln. Auf der Großleinwand der Bühne tanzten goldfarbene Herbstblätter im Wind, scheinbar ziellos verweht und doch fielen sie am Ende auf die Erde nahe dem Baum. Der Jugend zu zeigen, wo ihre Wurzeln liegen, ihnen ein Stück Jüdischkeit zu vermitteln, gehört zu den Aufgaben von Chabad Lubawitsch. Hier leisten Rabbiner Israel und seine Frau Chani Diskin auch ein Stück Integrationsarbeit. Doch das ist nur ein Teil des Alltags. »Menschen zu helfen ist unsere wichtigste und schönste Aufgabe«, sagt Rabbiner Israel Diskin. »G’tt mit Freude zu dienen ist ein Grundsatz des Judentums, und vor allem der Philosophie und Lebensweise von Chabad«, zitierte er den Lubawitscher Rebben, Rabbiner Menachem Mendel Schneerson s»zl, in der Festschrift zum Jubiläum. In die Geschichte von Chabad Lubawitsch führte beim Konzert der Münchner Arzt Martin Marianowicz ein. Das Wort Chabad ist ein Akronym, also ein aus den Anfangsbuchstaben der hebräischen Worte für Weisheit, Verständnis und Wissen gebildetes Wort. Lubawitsch ist eine Stadt in Weißrussland, von der aus diese chassidische Bewegung vor 250 Jahren ihren Ausgang genommen hat. Heute ist der Hauptsitz von Chabad Lubawitsch in New York. Bilder in der Festschrift zeigen, wie Rabbi Menachem Mendel Schneerson s»zl (1902–1994) die junge Familie vor ihrer Abreise nach Deutschland im Winter 1988 mit einer Bracha, mit seinem Segen, verabschiedet. An ihre Ankunft in München erinnerte IKG‐ und Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch. Gemeinsam mit Münchens Oberbürgermeister Christian Ude hatte sie die Schirmherrschaft über die Jubiläumsfeierlichkeiten übernommen. In ihrer Grußansprache vor dem Konzert rief sie die beiden zurückliegenden Jahrzehnte vor Augen: Die Familie von Rabbiner Israel und Chani Diskin ist gewachsen, die Münchner Gemeinde feierte mit ihr die Brit Mila ihrer Söhne ebenso wie deren Bar Mizwot. »Das Lubawitscher Paar«, so Charlotte Knobloch, »hat sich längst die Herzen der Menschen erobert.« Für alle, die ihrer Hilfe bedürfen, seien sie stets und zu jeder Zeit da. Dabei, und auch das betonte die Zentralratspräsidentin, »ist Chabad längst nicht mehr auf München beschränkt«. In 13 Gemeinden in Deutschland ist Chabad Lubawitsch inzwischen aktiv. Alle Rabbiner waren von dort zur Geburtstagsfeier mit ihren Familien nach München gekommen. Auch die Eltern und Geschwister von Chani Diskin bereicherten mit ihrer Anwesenheit das große Fest. Die Ausstrahlung von Rabbiner Nochum und seiner Frau Esther Sternberg waren ein Highlight für die große Münchner Chabadfamilie. Das Miteinander, die Gemeinsamkeit, das Auf‐andere‐Zugehen war in seiner ganzen Intensität zu spüren, als am Samstagabend beim festlichen Galadiner Rabbiner Avraham Sternberg ans Mikrofon trat: Mit Schmunzeln ob der weiteren zehn, allesamt geschätzten und geliebten Geschwister nahmen die Gäste seine Vorstellung als »Chanis bester Bruder« zur Kenntnis. Die »bedingsungslose Liebe zu jedem einzelnen Juden« sei das Einzigartige in der Vision des Lubawitscher Rebben, der Anfang der 50er‐Jahre begann, Chabad‐Zentren in aller Welt einzurichten, sagte er. Ähnlich wie nur ein Experte in Sachen Diamanten die Schönheit jedes einzelnen Steines sehen könne, so kann nur ein Zadik die Schönheit und Einzigartigkeit jeder einzelnen jüdischen Seele erkennen. In Anspielung auf das Sammeln des jüdischen Volkes beim Auszug aus Ägypten sagte Sternberg: »Wenn wir die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, müssen wir das aus dem Herzen jedes Einzelnen unserer Gemeinschaft tun.« Mit Blick auf das 20‐jährige Jubiläum von Chani und Rabbiner Israel Diskin charakterisierte er Schwester und Schwager: »Was ist deren Ziel, deren Vision? Sie sind voller engagierter Liebe zu jedem Juden.«
Ein Beispiel dieses Handelns aus dem Herzen war auf besondere Weise beim Kabbalat Schabbat in der Possartstraße zu spüren. Nach dem Gebet trafen sich Jugendliche vom Studentenverband, von Neshama, Maccabi, ZJD und allen Organisationen zum gemeinsamen Abendessen mit der engeren Chabad‐Familie. Das Miteinander wurde unterstrichen, als Avraham Fried alle zum gemeinsamen Singen aufforderte. Er konnte hier, ohne Bühneninszenierung und Verstärker, als bescheidener, aber engagierter Botschafter seiner Lieder erlebt werden. Auch das vielleicht ein Stück des Erfolgsgeheimnisses von Chabad, nämlich etwas zu vermitteln ohne dabei selbst im Mittelpunkt stehen zu wollen. Mit dabei waren auch, ebenso wie beim Dinner am Samstagabend, die Band‐Mitglieder von Oif Simches.
Die Stimme von Avraham Fried hatte bereits beim Abendgebet am Freitag eine besondere Note gesetzt. Seine Fähigkeit, als gefeierter Popstar ebenso zu begeistern wie beim Vortrag gesungener Gebete machte deutlich, dass die Herzlichkeit, die Chabad prägt, für jede Situation die richtige Tonart findet. Vorbeter beim feierlichen Schabbat-G’ttesdienst am Samstag in der Passartstraße war der Chabad‐Rabbi Matti Mendelssohn aus Karlsruhe. Inzwischen hat der Alltag für das Lubawitscher Paar in München wieder begonnen. Chani geht ihrem Beruf als Lehrerin für jüdische Religion nach – etwas, von dem ihre Mutter sagte, dass sie ihr ganzes Herz darin einbringe. Mit Engagement erfüllen sie die Aufgaben, für die sie der Rebbe s»zl seinerzeit nach München entsandt hat: Jüdische Religion, Kultur und Tradition weitergeben und da zu sein für die Menschen, die ihre Hilfe und Unterstützung brauchen. Sie organisieren Schabbat‐Essen, Lernprogramme für Kinder und Erwachsene sowie koschere Essen für Klinik‐Patienten. Besuche bei jüdischen Gefängnis‐Insassen ebenso wie soziale Betreuung älterer Menschen. Das große Spektrum ihres Engagements ist in der Festschrift sowie im Internet unter www.chabadgermany.com nach‐
zulesen. Dort gibt es auch Informationen über den Rebben Menachem Mendel Schneerson s»zl. Mehr über ihn und die Philosophie von Chabad Lubawitsch steht in einem Buch, das den Gästen des Gala‐Dinners geschenkt wurde. Es ist von Simon Jacobson, Die Weisheit des Rabbi Schneerson. Einfache Wahrheiten für eine schwierige Welt.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Wulfing von Rohr, erschienen im Gütersloher Verlagshaus 2007. Charlotte Knobloch formulierte in ihrem Grußwort, was von vielen der Geburtstagsgäste an diesen drei Tagen mit ähnlichen Worten immer wieder zu hören war: 20 Jahre Chabad Lubawitsch dazu kann man der Familie Diskin gratulieren und ebenso der jüdischen Gemeinschaft.

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