Gasa-Krieg

„Was ist bei uns schon normal?“

von Sabine Brandes

Seit zehn Tagen schweigen die Waffen. Es ist vergleichsweise ruhig geworden in Sderot, Aschkelon, Aschdod, Beer Schewa und in Gasa. Derzeit versuchen die Menschen auf beiden Seiten des Konflikts, sich wieder im normalen Leben einzurichten.
„Was ist bei uns schon normal?“, fragt ein anonymer Blogger aus der seit acht Jahren raketenterrorisierten Stadt Sderot. „Das Verrückte ist hier zur Gewohnheit geworden. Wir können jetzt auf ein paar Monate Ruhe hoffen, wenn es gut läuft auf ein Jahr. Vielleicht schütten sie die Löcher in den Straßen zu, verspachteln die Einschläge in den Häusern. Aber werden unsere Geschäfte in dieser Zeit besser laufen? Werden unsere Seelen heilen, die Augen unserer Kinder wieder vor Freude leuchten und nicht vor Furcht? Wird unsere Stadt, die unsere Heimat ist, tatsächlich etwas anderes sein als ein gottverlassenes Nest in ständiger Bedrohung?“ Der Mann mit dem Blog spricht vielen Israelis aus dem Herzen. Die überwiegende Mehrheit glaubt nicht an einen Frieden auf lange Sicht. Zumindest jetzt noch nicht.
Die vergangenen Tage in den südlichen Ortschaften standen dennoch ganz im Zeichen der Beruhigung. Jeden Tag ein kleines Stückchen mehr Normalität. Zuerst ließen die Radiodurchsagen verlauten, dass die Klassen elf und zwölf wieder in ihre Schulen zurückkehren dürfen. Viele der Schüler bereiten sich gerade auf das Abitur vor, da zählt jede Unterrichtsstunde. Mittlerweile sind alle Schulen und Kindergärten geöffnet. Auch die Läden haben ihre Türen weit offen stehen. Manche jedoch haben schwere wirtschaftliche Verluste einstecken müssen, vor allem solche, die keine Dinge des täglichen Bedarfes anbieten. Wie der Tattoo‐Shop an der Promenade von Aschkelon. Wochenlang kam nicht ein Mensch, berichtet Inhaber Jugene Hoffman. „Wer lässt sich im Krieg schon seinen Körper verschönern?“, meint er deprimiert. Wie viele andere Geschäftsinhaber, auch Betreiber von Tourismuseinrichtungen, hofft Hoffman auf die Geduld der Banken und Kompensation vom Staat.
Die ist auch den Bewohnern des Nordens nach dem Libanonkrieg im Sommer 2006 zugesagt worden. Allerdings warten dort viele heute noch auf ihr Geld. „Wer weiß, ob es jemals wieder wird, wie es war.“ Genau das ist auch llana Itas Sorge. Während der Offensive war sie mit ihrer Mutter zu Verwandten nach Haifa geflohen, ihr Mann Ilan war in Aschdod geblieben. „Ich habe diese ständige Angst im Nacken einfach nicht ausgehalten“, gibt sie zu. Die 32‐Jährige befürchtet, dass sie die Unruhe nie mehr richtig loswerden wird. „Sie haben unsere Stadt getroffen und werden das auch in Zukunft können. Ich glaube der Hamas nicht, was sie auch versprechen mag.“
Viele Israelis haben während des Krieges in ihren Städten ausgeharrt. Zum Großteil ist das dem besonderen Einsatz der städtischen Behörden zu verdanken. Viele Bewohner rühmen die Anstrengungen ihrer Bürgermeister und deren Teams. Allen voran Rubik Danilovich aus Beer Schewa, der erst seit wenigen Wochen im Amt war, als die ersten Bomben fielen. Durch seine Entscheidungskraft, die Schulen sofort zu schließen, rettete er wahrscheinlich Menschenleben, als eine der ersten Grad‐Raketen direkt in einer Oberschule landete. Eine gerade veröffentlichte Studie der Psychologieabteilung des Colleges von Tel Hai fand heraus, dass die Menschen den Gasa‐Konflikt voraussichtlich besser verarbeiten werden als die Bewohner im Norden den Zweiten Libanonkrieg. „Sowohl die persönliche wie auch die gemeinschaftliche Stärke ha‐
ben Langzeitwirkungen auf Zivilisten während eines Krieges“, so die Studie. Die ge‐
meinschaftliche Stärke setzt sich aus dem Vertrauen in die lokalen sowie nationalen Behörden und der Hilfe für die Bevölkerung zusammen. Je mehr Unterstützung für einen Krieg, desto schneller heilen die Wunden der Menschen im Anschluss. „Während dieses jüngsten Krieges scheint die Öffentlichkeit wesentlich besser vorbereitet und stärker organisiert gewesen zu sein als im Krieg von 2006“, resümiert die Untersuchung.
Organisiert ist auch Hadas Badas, Studentin am Sapir College in Sderot. Noch während des Krieges trommelte sie gemeinsam mit ihrer Freundin Lee Ziv per E‐Mail Freunde und Bekannte zusammen, um für die Menschen in Gasa zu spenden. Innerhalb weniger Tage kamen zehn Lkw‐Ladungen mit Hilfsgütern zusammen. „Ich habe die Bomben auf Sderot und Gasa gehört und plötzlich realisiert, dass dort Menschen sterben, viele nichts zu essen und trinken haben.“ Privatpersonen und Organisationen stifteten Decken, Kleidung, Lebensmittel und Geld. Gelagert wurden die Waren unter anderem im Kibbuz Kfar Asa, auf den in den vergangenen Jahren Hunderte von Kassamraketen aus Gasa gefeuert worden waren. Acht Lkw von Badas sind mit Hilfe der Vereinten Nationen und der Kibbuzbewegung bereits über den Grenzübergang ins Krisengebiet gefahren.
Auch der Staat leistet humanitäre Hilfe: Direkt am Erez‐Übergang zwischen Gasa und Israel hat die Regierung direkt nach dem Waffenstillstand ein voll ausgestattetes medizinisches Notfallzentrum eröffnet. Kinderärzte, Orthopäden, Gynäkologen, Allgemeinmediziner und Trauma‐
spezialisten sollen hier Palästinenser versorgen, die während der Militäroffensive verletzt worden sind. Sozialminister Isaac Herzog, zuständig für die humanitäre Hilfe in Gasa, war persönlich vor Ort. „Israel weiß, wie man Terror bekämpft und ebenso, wie man humanitäre Hilfe leistet“, sagte er bei der Eröffnung. Das Zentrum verfügt über zehn Operations‐ und Behand‐
lungszimmer, kann bis zu 30 Patienten in der Stunde versorgen. Außerdem wird der Transfer von palästinensischen Zivilisten mit schweren Verletzungen in israelische Krankenhäuser organisiert. Direkt am ersten Tag retteten Sanitäter einem palästinensischen Mann das Leben, der am Übergang kollabiert war.
Liraz Madmoni, 23‐jährige Jurastudentin aus Sderot, hatte sich während des Krieges mit einem Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen gewandt: „10.000 Bomben sind in den letzten acht Jahren auf unsere Stadt geregnet. Mein Bruder ist sechs und kennt keine andere Realität. Die Menschen gehen aus Angst nicht zur Arbeit, also haben sie kein Geld. Kinder gehen nicht zur Schule, können kaum lernen. Ich wünsche mir die Stadt wieder her, die ich noch vage in Erinnerung habe: Wenn man mit dem Auto auf der Straße fuhr, musste man immer gut aufpassen, weil überall so viele Kinder vor den Häusern spielten.“ Das sei normales Leben, meint Madmoni, „und darauf hat jeder Mensch ein Recht“. Doch auch wenn die Waffen gerade ruhen. Die Straßen von Sderot sind noch immer verlassen und leer.

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