Schawuot

Warum alleine feiern?

Matan Tora, also die Übergabe der Tora, ist das wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte. Hätten unsere Vorfahren die Tora nicht angenommen, wäre die ganze Schöpfung in ihre ursprüngliche Formlosigkeit zurückgefallen. Trotzdem wissen viele Juden so gut wie nichts über Schawuot, an dem Matan Tora gefeiert wird. In Israel könnte der Kontrast zwischen Schawuot und anderen Jamim Towim, also Feiertagen, nicht auffälliger sein. Pessach und Sukkot feiern die meisten Juden in irgendeiner Form.

Beinahe alle Familien setzen sich zu einer Seder gemeinsam an den Tisch. Selbst in nichtreligiösen Nachbarschaften bauen viele Familien Laubhütten auf. An Jom Kippur wird es still auf den Straßen, und ein großer Teil der Bevölkerung fastet. Die Rhythmen des jüdischen Kalenders machen sich bemerkbar.

Schawuot ist die eklatante Ausnahme. Der Feiertag kennt keine speziellen Bräuche, bei denen alle mitmachen. Der Verzehr von Käsekuchen bringt keinem säkularen Juden die Bedeutung dieses Tages näher. Und die ganze Nacht die Tora zu studieren und am Schawuot-Morgen lange zu beten, hat wenig Verlockendes für all jene, bei denen diese Dinge nicht ohnehin fester Bestandteil ihres Lebens sind.

Auch können säkulare Israelis Schawuot keine irgendwie geartete universelle Botschaft – wie verzerrt auch immer – beimessen. Es ist keine Feier menschlicher Freiheit wie Pessach, oder des Muts, Tyrannen zu bekämpfen, wie Chanukka. Es ist nicht der Ruf nach Reue und Selbstprüfung wie Jom Kippur. An Schawuot geht es um nichts anderes als um die Annahme der Tora. Israelis, denen die Tora längst nichts mehr bedeutet, hat der Feiertag deshalb nichts zu bieten.

Die Tragödie von Schawuot im heutigen Israel besteht darin, dass wir – die gläubigen Juden – abermals allein feiern. Doch der Empfang der Tora verlangt die Gesamtheit von Klal Jisrael, von ganz Israel, »k´isch echad b´lew echad«, wie ein Mensch mit einem Herzen. So fehlt etwas bei jedem von uns, solange das Lernen und Befolgen der Tora ausschließlich Sache eines kleinen Prozentsatzes der Juden ist.

Ein Teil unserer eigenen Kabbalat HaTora, der Annahme der Tora, an diesem Schawuot muss der Entschluss sein, die Kenntnis der Tora unter unseren jüdischen Brüdern und Schwestern zu verbreiten. Diese Botschaft auszusenden ist alles andere als leicht. Doch wenn wir nicht deutlich machen, dass die Tora eine Tora des ganzen Lebens ist, werden wir weiterhin erleben, wie schwer es ist, sich Gehör zu verschaffen.

Nehmen wir den Fall eines 35-jährigen säkularen Juden mit Frau und drei Kindern. Eines Tages wacht er mit dem vagen Gefühl auf, dass in seinem Leben etwas nicht stimmt oder dass der moderne Staat Israel nicht das jüdische Gemeinwesen sein kann, für das seine Vorfahren in all den Jahrtausenden der Gallut gebetet haben. Er wird von dem Wunsch ergriffen, sein Leben jüdischer zu gestalten. Er fühlt das Verlangen nach einer Verbindung mit Haschem.

Doch er hat in seinem Leben noch keine Gemara aufgeschlagen, seine Frau teilt seine Gefühle nicht, und sein Bankkonto ist überzogen. In anderen Worten: Nichts spricht dafür, dass er sofort zu lernen beginnt oder seine Kinder auf eine orthodoxe Schule in Bnei Brak oder Jerusalem schicken wird. Wenn wir ihm den Eindruck vermitteln, dass alles darunter bedeutet, nicht ernsthaft Jude zu sein, ist er für die Gemeinschaft verloren. Der Augenblick des spirituellen Erwachens geht vorüber, und nichts ist gewonnen. Schließlich müssen wir uns eingestehen, dass es auch in den Reihen der Gemeinde der Gläubigen viel zu viele gibt, die die Süße der Tora nicht erleben.

In einer Gesellschaft, wo das langfristige Torastudium die Regel ist, haben Knaben, denen es schwerfällt, mit ihren Klassenkameraden Schritt zu halten, irgendwann das Gefühl, in einem System gefangen zu sein, das sie zum Scheitern verdammt. Viele von ihnen werden später eine Gesellschaft ablehnen, die für sie nur die Kategorie »ferner liefen« übrig hat.

Die Lösung besteht in vielen Fällen in nichts Komplizierterem als in individueller Nachhilfe, die dem Schüler die Beachtung und Wärme schenkt, die ein überforderter Rabbiner oft nicht aufbringen kann. In Har Nof hat einer meiner Nachbarn, Rabbi Yaakov Rushnevsky, auf dieser Basis unter dem Namen Chavrutah ein ganzes Programm für Nachhilfe entwickelt.

Wärme und beständige Ermutigung sind seine Werkzeuge. Dennoch ging er mit dem Wissen des erfahrenen Pädagogen an das Projekt heran. Jeder Tutor hat wiederum einen Betreuer, mit dem er alle zwei Wochen den Fortschritt jedes Schülers und eventuelle Probleme diskutiert.

Rabbi Rushnevsky erkannte auch, dass der Erfolg von der engen Zusammenarbeit mit den Rabbinern abhängt. Die Arbeit eines ganzen Monats in der privaten Nachhilfe kann durch eine barsche Bemerkung eines Rabbis im Klassenzimmer zunichtegemacht werden.

Werden die Lehrer an dem Verfahren beteiligt, kann die Zusammenarbeit mit den privaten Tutoren großartige Synergien erzeugen. Das ist ein Vorbild, das in den Gemeinden auf der ganzen Welt nachgeahmt werden kann und nachgeahmt werden sollte. Wenn wir an diesem Schawuot nur ein wenig an all jene, innerhalb und außerhalb der religiösen Gemeinschaft, denken, die sich uns für den Empfang der Tora nicht anschließen, werden wir nächstes Jahr vielleicht nicht allein feiern.

Der Autor ist Direktor von Jewish Media Resources in Jerusalem
www.jewishmediaresources.org

Anita Lasker-Wallfisch

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