„Atid

Wahlkampf, erste Runde

von Christine Schmitt

Einen Apfel, ein Gläschen Honig und eine Anstecknadel erhielt jeder, der zum Neujahrsempfang des Wahlbündnisses „Atid“ (hebr.: Zukunft) am Sonntag ins Ludwig‐Erhard‐Haus kam. Mehr als 200 Besucher drängten sich in dem Saal.
Der Wahlkampf ist eröffnet. Am 25. November dürfen die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Berlin über eine neue Repräsentantenversammlung (RV) abstimmen. „Atid“ hat als Erste von den vier bisher bekannten Gruppierungen zu einer Wahlkampfveranstaltung eingeladen und präsentierte prompt eine Überraschung: Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, kündigte seine Kandidatur für einen Pos‐
ten in der Gemeindevertretung an und erhielt dafür lang anhaltenden Applaus. „Ich möchte meinen Beitrag leisten, um der Ge‐
meinde wieder ein neues Gesicht zu ge‐
ben“, sagte Kramer. Als „einfaches Berliner Gemeindemitglied und Vater zweier Kinder“ wolle er sich in der Repräsentanz engagieren. Denn die Gemeinde gebe derzeit ein „beispielloses Bild“ ab, das bereits zu zahlreichen Austritten geführt habe. „Das ist ein Bild der Machtkämpfe ohne Rücksichtnahme auf Personen und Familien, ein Bild der sozialen Kälte, des Misstrauens zwischen Einwanderern und Alteingesessenen sowie des Kampfes zwischen Sozialhilfeempfängern und Wohlhabenden, und es ist auch ein Bild der Bespitzelungen von Mitarbeitern, der Hexenjagden und Inquisition gegen Unliebsame.“
Bereits im Frühjahr war Kramer schon einmal als Spitzenkandidat von „Atid“ im Gespräch gewesen. Nun habe er sich „sehr kurzfristig“ entschlossen, doch anzutreten.
Unterstützung erfuhr Kramer an diesem Sonntagvormittag von Publizist Michel Friedman. Er sei froh, dass es bei dieser Wahl Alternativen gebe, sagte der Gastredner. Er hoffe, dass die Gemeinde wieder einen Vorstand und Vorsitzenden bekomme, auf den man stolz sein kann.
Die Führung des Zentralrats der Juden in Deutschland zeigte sich zunächst etwas irritiert von Kramers Plänen. In einer am Montag verbreiteten Presseerklärung teilten Präsidentin Charlotte Knobloch und deren Stellvertreter, Dieter Graumann und Salomon Korn, mit, dass die Kandidatur nicht mit ihnen abgestimmt gewesen sei. „Wir legen außerdem Wert auf die Feststellung: Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist nicht Partei bei den anstehenden Wahlen in Berlin und wird sich, wie bei allen anderen Wahlen, in seinen Mitgliedsgemeinden neutral verhalten“, hieß es weiter. Zwei Tage später veröffentlichte der Zentralrat die nächste Erklärung: Die Kandidatur Kramers für die anstehenden Gemeindewahlen sei mit seinem Amt als Generalsekretär unvereinbar. Dies sei in ei‐
nem „intensiven Gespräch“ mit ihm erörtert worden. „Daraufhin hat sich Stephan Kramer entschlossen, von einer Kandidatur in Berlin Abstand zu nehmen und sich künftig ganz auf seine Aufgabe als Generalsekretär des Zentralrats zu konzentrieren.“
Nicht nur die Mitglieder von „Atid“ wurden von dieser Wendung am Mittwoch überrascht. Lala Süsskind, WIZO‐Ehrenpräsidentin und RV‐Mitglied, die bislang als Nummer 1 des Wahlbündnisses galt, sicherte Kramer noch am Sonntag ihre „1000‐prozentige Unterstützung“ zu. Nun sagte die „Atid“-Mitinitiatorin: „Ich finde das Verhalten des Zentralrats nicht in Ordnung. Er wollte doch lediglich erst einmal für die RV kandidieren, Weiteres war noch nicht abgesprochen. Wir hatten zwei Tage Freude mit Kramer, aber nun werden wir 15 Atid‐Kandidaten das Kind auch ohne ihn schaukeln.“ Benno Bleiberg, ebenfalls RV‐Mitglied und Mitbegründer des Wahlbündnisses, dazu: „Es wäre besser gewesen, wenn Kramer seine Kandidatur vorher abgesprochen hätte. Aber meiner Meinung nach hat der Zentralrat hier zu kurz gegriffen. Er müsste doch ein Interesse daran haben, dass die Berliner Gemeinde wieder erstarkt.“ Kurz und knapp der Kommentar des Gemeindevorsitzenden Gideon Joffe: „Ich begrüße es, dass sich das Zentralratspräsidium nicht mehr länger von seinem Generalsekretär auf der Nase herumtanzen lässt.“

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