Karlsruhe

Vorteil trotz Randlage

von Veronika Wengert

Langsam verschwindet die bronzene Farbe der Konservendose unter dicken blauen Pinselstrichen, darauf kommen noch rote Tupfer. Auch die Unterarme der kleinen Lisa sind inzwischen bunt gesprenkelt. Das Mädchen sitzt mit einem halben Dutzend anderer Kinder zusammen an einem schweren Holztisch: Bastelstunde in der Jüdischen Kultusgemeinde in Karlsruhe.
Die Jugend liege ihm besonders am Herzen, sagt David Seldner. Er leitet die rund 800köpfige Gemeinde seit eineinhalb Jahren. Ehrenamtlich. Von Beruf ist er Mathematiker. Anfang Januar hat der 47jährige auch den jüdischen Sportverein Makkabi wiederbelebt. Er wolle einerseits die Gemeinde nach außen öffnen und andererseits die Integration der Zuwanderer in die Gemeinde intensivieren, sagt Seldner.
Die Situation in Karlsruhe ähnelt der in den meisten anderen jüdischen Gemeinden Deutschlands: 80 bis 85 Prozent der Mitglieder sind Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion. Kyrillische Lettern begrüßen den Besucher am Schwarzen Brett im Foyer. Im Nachbarraum hat sich an diesem Sonntagnachmittag der Frauentreff versammelt. In gemütlicher Kaffeerunde wechselt sich Russisch mit Deutsch und Hebräisch ab. Und am Eingang der Synagoge mahnt ein Aushang in deutsch und russisch, die Handys am Schabbat nicht zu benutzen.
Schon von außen fällt der ungewöhnliche Synagogenbau in Form eines Davidsterns auf. Das Sternmotiv beherrscht den ganzen Raum, als Fensterfries und als kleine Glaskuppel an der Decke. Blauer Teppich, rote Sitzpolster, acht Torarollen stehen im Schrein, zwei werden regelmäßig benutzt. Eine leicht erhöhte Frauenempore im hinteren Drittel des Saales ist durch einen kinnhohen Holzzaun abgetrennt. Ihn ziert ebenfalls ein Sternenmuster. Am Schabbat kommen in der Regel 60 Beter in die Synagoge.
Seit knapp fünf Jahren leitet Kantor Moshe Hayoun die Gottesdienste. Er lebt mit seiner Frau und sechs Kindern im französischen Straßburg, eine knappe Autostunde entfernt. Außer am Schabbat kommt er auch noch mittwochs nach Karlsruhe. Da gibt er Religions- und Hebräischunterricht für Erwachsene. Bis zu 15 Interessierte finden sich dann in seinem Büro ein.
In Straßburg herrsche eine andere Atmosphäre, sagt Hayoun. »Es ist ein kleines Jerusalem«. Hier gehöre jüdisches Leben zur Normalität. Es gibt zehn Synagogen, mehrere jüdische Schulen und koschere Restaurants. In manchen Straßen prägen Kippa tragende Männer den Alltag. Diese Atmosphäre ziehe auch Juden aus Karlsruhe an. Sie kommen, um in frommer Umgebung Toraunterricht zu erhalten. Andere wiederum besuchen die Mikwe oder kaufen Käse, Fleisch oder Wein mit dem Koschersiegel des Straßburger Rabbinats.
Darüberhinaus haben sich auf der französichen Rheinseite auch zwei große Mazze-Bäckereien angesiedelt, deren Abnehmer längst nicht nur die 13.000 Straß- burger Juden sind. Auch die Karlsruher Gemeinde kauft ihre Mazzot im Elsaß. Wer den Weg dorthin nicht selbst zurücklegen möchte, kann sie bei Moshe Hayoun zum Selbstkostenpreis bestellen.
Ihre Challes, das Brot für den Schabbat, bezieht die Karlsruher Gemeinde allerdings von einer örtlichen Bäckerei, die von zwei Rabbinern für koscher befunden wurde. Entsprechend der Halacha, daß der Brotlaib von einem Juden hergestellt sein muß, macht sich jeden Freitag ein Rentner aus der Gemeinde in die Backstube auf, um den Ofen zu heizen und so den Vorschriften zu genügen.
Ganz sorgenfrei lebt die Gemeinde am südwestlichen Rand Deutschlands allerdings nicht: An der Fassade des Gebäudes, am Ende einer Sackgasse, habe man in der Vergangenheit schon Hakenkreuz-Schmierereien vorgefunden, sagt David Seldner. Finanzielle Sorgen kämen ebenfalls auf die Gemeinde zu: Seit längerem ist die Heizung in dem 35 Jahre alten Gemeindezentrum defekt. Die Sanierung kostet gut 200.000 Euro. Ein Kredit, Spenden, aber auch ein Zuschuß des Oberrats der Israeliten Badens könnten helfen. Seldner bleibt optimistisch und tatkräftig: Demnächst will er Rabbiner aus Straßburg zu Gastvorträgen einladen – um von der Nähe der jüdischen Metropole am anderen Rheinufer noch stärker zu profitieren.

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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