Duisburg

Vorbildlich

Die Wände strahlen schneeweiß und grasgrün. Noch hängt ein Hauch des süß-sauren Dufts von frischer Farbe in der Luft. Er mischt sich mit dem Holzgeruch des Bodens, der neuen Türen, der Möbel. Gerade verlässt der Schreiner das Gebäude, auch wenn seine Arbeit noch nicht ganz getan ist. An einigen Ecken wird er noch Hand anlegen müssen. Doch gleich wird erst mal die offizielle Eröffnung gefeiert. Und so tritt wenig später an diesem Montagmorgen Jacques Marx vor die Gäste und ans Mikrofon.
Der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen ist nicht für ausschweifende Reden be-
kannt. »Wir haben es geschafft. Die Jüdische Gemeinde hat einen Kindergarten. Und das ist eine der wichtigsten Einrichtungen für die jüdische Erziehung von Kindern überhaupt.« Und nur seine funkelnden Augen erzählen in diesem Moment die lange Geschichte.

Lange geplant »Ich würde fast sagen, die Geschichte begann, als Jacques Marx Gemeindevorsitzender wurde«, sagt Geschäftsführer Michael Rubinstein. Das war vor 37 Jahren. Konkret arbeite man seit rund zehn Jahren auf die Gründung eines jüdischen Kindergartens hin. »Es ist ein langer Traum, den wir da geträumt haben. Und jetzt ist er Wirklichkeit geworden«, berichtet Rubinstein. Der Kindergarten sei »ein sichtbares, eindeutiges Zeichen für das neue jüdische Leben, das sich in den letzten zwei Jahrzehnten in Deutschland entwickelt hat«, betonte der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer.
Auch wenn die Pläne schon lange in der Schublade steckten und die Kinder sehnsüchtig warteten, war der Weg kein leichter. »Man muss bei einem Kindergarten hohe Auflagen erfüllen. Und es gab die Frage: Wo machen wir das? Weit weg vom Gemeindezentrum wollten wir nicht«, erklärt der Geschäftsführer. »Ich habe den Oberbürgermeister Adolf Sauerland vor einem Jahr bei irgendeinem Empfang angesprochen«, erzählt Jacques Marx. »Er sagte, er würde sich darum kümmern.«
Hemdsärmelige Antworten ist man von Duisburgs OB gewöhnt, aber eben auch formloses und ungezwungenes Handeln. Schon eine Woche später wandte sich der informierte Stadtdechant an Marx und ließ ihn wissen, dass die Katholische Kirche einen Kindergarten in direkter Nähe zum jüdischen Gemeindezentrum aufgebe, weil man umziehen wolle. Der Ort, an dem Marx’ Traum Wirklichkeit werden konnte, war damit schon gefunden.

Vielfalt Die Brücke zwischen den Religionen steht nach der Eröffnung des Kindergartens auf einem noch festeren Fundament. Jüdische Eltern haben ihre Kinder angemeldet. Der Sohn eines Pfarrers besucht ihn. Auch ein muslimisches Kind hat einen Platz, ebenso ein russisch-orthodoxes. »Und wir konnten nach dem Um-
bau der Räume auch ein körperbehindertes Kind aufnehmen«, erklärt Rubinstein.
Die Erzieherinnen kommen ebenfalls aus drei Religionen. »Mehr Vorbildcharakter geht nicht«, sagt Rubinstein zufrieden. Das sehen die Eltern der Kinder genauso. Halise Erez ist Muslimin, ihr ältestes Kind wird den jüdischen Kindergarten besuchen, die beiden jüngeren folgen wohl. Die Familie wohnt ganz in der Nähe, doch führt sie noch einen Grund für ihre Entscheidung an: »Die Kinder sollen voneinander lernen. Integration wird hier gelebt und spielerisch erlernt.«
Ein Schwerpunkt des Kindergartens wird die frühkindliche Sprach- und Musikerziehung, aber auch die Heranführung an den jüdischen Glauben. »Das Judentum hat überlebt, weil es von Generation zu Generation in mündlicher und schriftlicher Form weitergegeben wurde«, sagt Rubinstein. »Wir merken aber, dass es einen Bruch in der Sowjetunion gegeben hat. Deshalb konnten wir die Kinder nicht über die Eltern erreichen. Jetzt haben wir umgekehrt die Möglichkeite, die Eltern über die Kinder zu erreichen. So bringen wir die Familien in die Gemeinde. Man könnte es auch dramatisieren: Es geht um die Zu-
kunft unserer Gemeinde auf lange Sicht.«

folgekosten Das lässt man sich einiges kosten. Das Gesamtvolumen für den Umbau der bestehenden Räume und einen noch nicht fertiggestellten Neubau auf dem 2.500 Quadratmeter großen Grundstück beträgt 400.000 Euro. Einen Großteil der Kosten übernimmt das Land Nord-
rhein-Westfalen, doch für etwa 120.000 Euro werden die Duisburger selbst geradestehen müssen.
Nach Berechnungen wird die jüdische Gemeinde auch zehn bis zwölf Prozent der laufenden Kosten tragen können. »Es gibt einen Personalschlüssel, aber wir wollen nicht nur 08/15-Pädagogik«, betont der Geschäftsführer. »Wenn wir Unterrichtskräfte für jüdische Themen haben wollen, ist das unser eigenes Vergnügen, das wir finanzieren müssen.« Dieses Vergnügen wird sie sich mit 35 Kindern teilen können.

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